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Geschichten aus Basel

Die Wohnung, die sich rächt

Einige Jahre wohnten wir am Stadtrand. Eine neue und moderne Überbauung. Mit dem Tram eine Viertelstunde vom Zentrum Basels entfernt. Wir fühlten uns wohl dort. Ein bekannter Fussball-Profi wohnte neben uns, es musste sich also um eine beliebte Wohnlage handeln.

Dennoch bemerkte ich, dass sich meine Allerliebste häuffig auf Portalen aufhielt, die Wohnungen zur Miete anboten. Von mir angesprochen meinte sie nur: „Ich schaue nur aus Neugierde.“ Wenn meine Allerliebste auf irgendwas neugierig ist, dann sollten die Alarmglocken läuten. Irgend wann stiess ich auf einen Kalendereintrag „Wohnungsbesichtigung“. Da ich und meine Allerliebste Tisch und Bett teilen, war es nur logisch, auch einen gemeinsamen Kalender zu führen. Ich tat so, als ob ich diesen Eintrag noch nicht gesehen hätte und wartete ab. Der Besichtigungstermin war am 30. Dezember, was noch ein paar Tage in der Zukunft lag. Am Weihnachtsabend schliesslich brachte sie das Thema auf den (gemeinsamen) Tisch. „So eine Wohnung in der Innenstadt wäre schon noch toll.“ Wer meine Allerliebste kennt – und das sind einige – der weiss, wenn sie etwas UNVERBINDLICH anspricht und Wörter wie WÄRE benuzt, will sie eigentlich sagen: ICH WILL IN DIE INNENSTADT!

Ich übte mich in Desinteresse und zählte ihr die vielen Nachteile auf, die man vermutlich hat, wenn man in der Innenstadt wohnt. Sie hatte natürlich für jedes meiner negativen Argumente vier bis 100 positive Gegenargumente parat. Vermutlich hatte sie sich heimlich wochenlang auf dieses Gespräch vorbereitet, denn wer mich kennt – und das sind wenige – weiss, dass ich ziemlich demotivierend sein kann. Naürlich sagte ich einer gemeinsamen Wohnungsbesichtigung zu, denn ich war mir sicher, dass sie nach wenigen Minuten in dieser Altstadtwohnung, meine Gegenargumente unterzeichnen würde.

Der 30. Dezember kam näher, wie der Lastwagen im Rückspiegel nach einer unerwarteten Vollbremsung. Wir machten einen Ausflug in die Stadt und trafen vor der Liegenschaft den Hausbesitzer. Der aktuelle Mieter sei noch hier wohnhaft, er würde aber auf Anfang Januar ausziehen. OK. Wir betraten das Treppenhaus aus dem Jahre 1436 (nach Christus) und erklommen die zweite Etage. Bis hier hien alles wunderschön. So wie man sich ein Altstadthaus vorstellt und noch etwas besser. Kaum in der Wohnung war mir klar: da will ich hin! Alle meine Argumente gegen eine Altstadtwohnung wurden innert Sekunden puverisiert. Ohne hier nun 30 Seiten über diese tolle Wohnung zu schreiben; sie ist und war schlichtweg traumhaft! Nach ungefähr einer halben Stunde standen wir mit dem Bewerbungsformular in den Händen vor der Türe und gingen in ein nahegelegenes Kaffee. Eigentlich wollten wir dort über alles in Ruhe sprechen und dann noch eine Nacht darüber schlafen. Was wir aber taten war: Ausfüllen des Bewerbungsformulars. Das ausgefüllte Blatt warfen wir noch am selben Tag dem Hausbesitzer in den Briefkasten. Danach gingen wir heim.

Wir schliefen tatsächlich eine Nacht darüber, was aber unsere Begeisterung eher noch verstärkte. Es war nun Silvester und wir hofften darauf, dass der Hausbeitzer bemerkte, wie wir diese Wohnung anbeteten und uns den Zuschlag geben würde. Meine Allerliebste sprang am späten Nachmittag des 31. Dezember unter die Dusche, denn wir hatten am Abend noch eine Silvester-Verabredung. Dann klingelte das Telefon. Es war der Hausbesitzer der Altstadtwohnung. „Wenn ihr wollt, könnt ihr die Wohnung haben!“ Ich blieb ruhig und vermied es, gleich einen Freudenschrei abzusetzen. Meine Allerliebste stand unterdessen klitschnass und in einem Badetuch eingewickelt vor mir. Ihr Blick war unmissverständlich und schrie förmlich: Was hat er gesagt?

„Wir haben die Wohnung“. Das waren meine ersten Worte nach dem Telefonat. Meine Frau hüpfte vor Freude und unsere Wohnung rächte sich an uns. Zeitglich mit unseren Jubelschreien, spieh sie aus den Steckdosen Stichflammen aus. Die Wohnung war schlagartig dunkel und in Luft lag ein Geruch von verbranntem Plastik. Geistesgegenwärtig eilte meine klitschnasse Allerliebste zu den Sicherungen. Strom und Wasser mögen sich nicht sonderlich aber da ich meine Allerliebste mag, drehte ich dann die Sicherungen raus. Sie rief inzwischen die Feuerwehr. Wenig später traf diese ein und stellte einen Kabelbrannt fest: „Was haben sie gemacht, was sie sonst nicht tun?“, fragte der Feuerwehrmann und meine Allerliebste erklärte: „Wir haben vorhin das OK erhalten, in eine neue Wohnung ziehen zu können!“. Der Feuerwehrmann sah uns an, überlegte kurz und meinte völlig glaubhaft: „Dann ist klar: Ihre Wohnung hat sich eben an ihnen gerächt!“

Nach diesem Ereignis fühlten wir uns in unserer Wohnung nicht mehr so wohl und zu Hause. Ohne diesen Kabelbrannt, wäre uns der Wegzug vielleicht schwerer gefallen, aber so zählten wir die Tage bis zum Umzug. Vielleicht hat sich die Wohnung nicht an uns gerächt, sondern das war einfach ihre Art ihre Freude darüber auszudrücken, dass sie die zwei „Deppen“ endlich los sein würde.

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Geschichten aus Basel

Missverstanden

Der Mensch ist ein Nomade. Zu Urzeiten war es normal, sich irgendwo niederzulassen um dann, wenn alle Gräser abgefressen und alle Mamuts gegrillt waren, weiterzuziehen. Heute ist das total anders, aber in unserem Innern sind wir immer noch Mamut jagende Urmenschen.

Deswegen können wir nicht anders und müssen von Zeit zu Zeit weiter ziehen. Ich erinnere mich noch gut an eine Begebenheit mit meiner Frau. Wir zogen aus der Ostschweiz in die Region Basel und schauten uns Wohnungen an. In Riehen, nahe des Friedhofs, befand sich so eine Wohnung. „Dörte isch es schö ruhieg!“, meinte meine Allerliebste in ihrem allerliebsten St.Galler-Dialekt und wir trafen den Hausverwalter. Dieser war in einen grauen Arbeitskittel gehüllt, hatte eine Mütze auf und trug eine etwas altmodische Hornbrille. Er entsprach voll und ganz dem Gliche eines Hauswartes. Bereitwillig zeigte er uns die leere Wohnung, die vermutlich seit den 70-er Jahren nicht mehr aufgefrischt wurde. Da Frauen -meine ist da keine Ausnahme- in der Regel sehr heikel sind, wenn es um den Zustand des WC’s geht war meine Allerliebste etwas schockiert. Die Farbkombination Orange-Braun an den Wänden und am Boden löste bei ihr etwas Unbehagen aus. Deshalb fragte sie den Hausmeister: „Wa isch planet? Wird da do no renoviert?“ Der Hauswart schaute meine Frau lange an, sagte nichts und blickte schliesslich zu mir: „Was het die jetzt gseit?“ Offenbar stand er mit dem Ostschweizer-Dialekt und den Umgangsformen auf Kriegsfuss. Meine Frau verliess mit einem vielsagenden Blick die Toilette, während ich dem Mann ins Baseldeutsche übersetzte.

In der Küche angelangt wiederholten sich die Farben an den Wänden und die Fragen meiner Frau: „Wird do no öbbis gschtriche, oder usgwechslet, da sieht jo scho es bitzli verlebt us.“ Nun war der Hauswart schnell. Er schaute mich an und meinte etwas genervt: „Ich verstand die eifach nit!“ Meine Allerliebste verstand hingegen sofort und verliess die Wohnung, blieb am Eingang kurz stehen, drehte sich um und sagte zu mir: „Du chasch dem Typ sege, die isch gange!“ Auf die Übersetzung verzichtete ich und verabschiedete mich vom Graukittel, der ratlos in der Wohnung zurück blieb.

Im Auto regte sich meine Frau tierisch auf. Ihre ostschweizer Flüche musste sie mir auch übersetzen. Sie war empört darüber, dass der Hausmeister sie in dritter Person angesprochen hatte. Später beruhigte sie sich und fand die Lage der Wohnung sowieso nicht optimal: „Weisch, da isch mir znöch am Friedhof. Wenn du de gstorbe bisch will ich dich nöd als Nobur ha!“ Ich regaierte nicht sonderlich überascht und meinte nur: „Was het jetzt die gseit? Ich verstand die eifach nit!“