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Geschichten aus Basel

Killer-Geschwister

Korrigiert mich, aber aus meiner Sicht hatten alle, die heute Hunde haben, davor Katzen. Katzen scheinen sowas wie die „Eintrittskarte“ zum Hundehalter zu sein. Unsere beiden verstorbenen Katzen würden sich sicherlich nun im Grab umdrehen und die Krallen ausfahren, wenn sie das hier lesen würden. Gottseidank konnten sie noch zu Lebzeiten nicht lesen, weshalb ich das hier vermutlich ohne blutige Konzequenzen schreiben kann.

Wir hatten zwei Stubentieger. Sie waren von Klein auf nie Freigänger und hatten sich damit sehr gut arrangiert. Wir wechselten in dieser Zeit aus beruflichen Gründen auch öfters die Wohngegend. So hatten sie viel Abwechslung und es wurde ihnen in den Wohnungen nie langweilig. Irgendwann verschlug es uns an den Lothringerkreisel in Basel. Eine neue Überbauung entstand. Die Wohnung hatte eine grosse Loggia. Die Katzen liebten diese. Damit sie oft und lange auf dieser ihre 14-stündigen Mittagsschläfchen halten konnten, schlossen wir für sie den Storen und liessen die Lamellen halb geöffnet. Auch Katzen brauchen frische Luft.

Ich erinnere mich noch sehr gut. Es war ein Freitag und ich kam am späten Nachmittag nach Hause. Als ich die Wohnung betrat erlebte ich den Schock meines Lebens. Was ich vorfand glich einer Szene aus einem schlimmen Horrorfilm. In der ganzen Wohnung Blut. Überall Federn, in allen Farben. Es schien, dass hier ein unerbittlicher Kampf stattgefunden hatte. Die Spuren führten mich zur Loggia. Dort traf ich auf ein regelrechtes Massaker. Mitten in den Federn und den Blutflecken sassen zwei süsse Kätzchen. Sie sahen aus, als seien sie nominiert für den Oskar für das sanfteste Schnurren. Keiner wäre auf die Idee gekommen, dass diese beiden harmlosen Wesen im Stande wären, ein derartiges Gemetzel anzurichten.

Der Spurenermittler in mir hatte schon bald eine Erklärung, was sich hier grausames abgespielt haben musste. Vermutlich ein Eindringling, der auf dem Luftweg die fremnde Wohnung überfiel. Die verbeulten Lamellen des Storens liessen darauf schliessen, dass vermutlich ein Vogel diese durchflogen haben musste. An den Farben der in der ganzen Wohnung verteilten Federn muss es sich um einen Wellensittich oder sonst was Farbenfrohes gehandelt haben. Unsere beiden Hauskätzchen machten daraufhin von ihrem Hausrecht gebrauch, jegliche Eindringlinge unmissverständlich zu vertreiben. Ich wusste ja schon immer, dass die beiden Schmusetiere sich für uns nur verstellten und „im echten Leben“ wahre Killermaschinen sind.

Aus einer Tiersendung wusste ich noch, dass ich die beiden Katzenfuttervertilger nun loben musste. Das fiel mir angesichts der Überreste, die ich nun beseitigen durfte etwas schwer. Dennoch nahm ich mich zusammen und tätschelte beide: „Bravo. Gut gemacht!“ Der Staubsauger zog die abermillionen kleiner, farbiger Federchen in sich auf und der SWIFFER machte aus dem Schlachthof wieder eine Wohnung.

Die beiden Kätzchen lagen da schon lange auf ihren Schlafplätzchen und verdauten vermutlich den Wellensittich, der irgendjemand im Haus sicherlich bereits vermisste. Da ich, in der Tätigkeit des Tatortreinigers, keine Überreste des Vogels fand war ich mir sicher, dass ich seine Reste morgen aus den Katzentoiletten sieben werde.

Tags darauf war eine Joggingrunde angesagt. Ich machte mich bereit und schlüfte in die Turnschuhe. Mein Schrei hatte Potential, ein ganzes Wohnquartier aus dem Schlaf zu reissen. Da war was in meinen Turnschuhen! Ich schüttelte den Inhalt raus und auf den Boden plumste ein nackter Vogelkörper. Es dauerte gefühlte hundert Millisekunden und die beiden Killergeschwister sassen neben mir. Sie beerdigten nach der Schlacht gestern, den kleinen Vogel in meinen Schuhen. Schon wieder etwas für den Katzenpsychologen. Sie „schenkten“ mir ihr Jagderzeugnis und zeigten so, dass sie mich und meine Allerliebste als Rudelanführer akzeptierten. Und dafür musste ein unschuldiges Vögelchen sterben?

Angewidert nahm ich die Leiche vom Boden und tätschelte die Täterschaft. Statt Einzelhaft gab es dann für die beiden was Leckeres zum Frühstück. Lebenslänglich hatten sie ja bereits. Sie mussten ein Leben lang mit uns auskommen, bis beide im 2020 (nach fast 18 Katzenjahren) dort sind, wo sie den Wellensittich Jahre zuvor hingeschickt hatten. Meine Turnschuhe erinnern mich noch heute an diesen grausamen Mord. Seit diesem Tag haben sie sogar einen Namen: Vogelsärge.