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Geschichten aus Basel

Adelheid und der Clown

Tatsächlich soll es ja Zufälle geben, die gar keine Zufälle sind. Da ich selber der Meinung bin, dass das ganze Universum, die Welt, wir und alles was so geschieht ein grosser Zufall ist, bekomme ich noch heute Gänsehaut, wenn ich daran denke, was da am 26. Dezember vor ein paar Jahren geschah.

Es war ein lauer Abend, obschon es der dritte Weihnachtstag war. Adelheid (sie heisst eigentlich anders, aber ich nenne sie hier mal so), war bei uns auf Besuch. Sie wohnt auf dem Land und kommt hin und wieder nach Basel. Adelheid ist schon etwas älter und stand damals kurz vor ihrer Pensionierung. Sie ist eher etwas klein gewachsen und nicht mehr so gut zu Fuss, so dass man sie beinahe vor jeder kleinen Bodenerhebung warnen musste. Wir waren in einem Basler Traditionsrestaurant essen. Im ersten Stock. Darunter eine Gaststube, die den Ruf hat, dass an den grossen Tischen der Bettler neben dem Hochschulprofessor sitzt, trinkt, und über die Welt sinniert. Wir erzählten Adelheid während des Essens davon. Da sie als ehemalige Köchin über viele jahrzehnte in der Gastronomie tätig war, wuchs ihre Neugier und sie wollte unbedingt einen Blick in diese Gastsube werfen. Nach dem kulinarischen Teil des Abends brachen wir auf und stiegen die Treppen zum Ausgang hinunter. Unten angekommen warf Adelheid einen Blick in die Gastsube, allerdings nur so im Vorbeigehen. Das war ein Fehler. Wegen des neugierigen Seitenblicks übersah sie die hohe Schwelle in den Hof. Sie stolperte und viel bäuchlings aus dem Restaurant. Wenn jemand, der den ganzen Abend durchgesoffen hat, so aus dem Restaurant fällt, dann hat es beinahe Stil. Adelheid’s Fall, war aber nicht dem Alkohol geschuldet (sie trinkt gar keinen), sondern eher ein Ergebnis aus „Hoher Schwelle“, „Kurze Beine“ und „Unachtsamkeit“. Obschon Adelheid, wie schon berichtet, durch ihre geringe Körperhöhe dem Boden näher ist als andere Menschen, war der Sturz dennoch von einer Qualität, dass man gerne davon eine Zeitlupe hätte sehen wollen. Da lag sie nun. Flach auf dem Bauch und bevor ich reagieren konnte half ihr ein Mann in einem perfekten Clown-Kostüm, mit perfekten Clown-Haaren und absolut genial geschmicktem Clown-Gesicht vom Boden auf. Wir standen da und kümmerten uns um Adelheid. Als ich dem Clown danken wollte, war er weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Ich eilte noch um einige Ecken, aber da war kein Clown zu sehen. Später kam uns die ganze Szenerie enorm skuril vor. Was machte jemand an einem 26. Dezember um 23 Uhr in einem Clown-Kostüm in der Stadt? Wo kam er her, wo ging er hin und dann noch so schnell? Egal. Adelheid stand wieder und humpelte den Rest des Weges zu unserer Wohnung. Man sah, dass sie sich beim Sturz verletzt hatte. Aber auf Nachfragen sagte sie immer: „Nein, das geht schon. Morgen ist es besser!“ Ja. So ist sie, die Adelheid. Aber auch ganz viele Frauen mit ihrem Jahrgang sind so. Da könnten sie unters Tram kommen und beide Beine verlieren und sie würden sagen: „Nein, das geht schon. Morgen ist es besser!“

Adelheid – unterdessen wieder nach Hause gereist – erzählte uns erst viel später davon, dass sie enige Tage nach dem Sturz zum Arzt musste. Die Schmerzen im Knie waren zu gross. Natürlich hätte sie uns das nie erzählt, wenn wir sie gefragt hätten, denn „Morgen ist es besser“. Trotzdem erzählte sie uns von der Untersuchung. Der Arzt hatte ihr Blut abgenommen, um eine mögliche Entzündung festzustellen. Bei der Blutuntersuchung wurde etwas Ungewöhnliches diagnostiziert, was weitere Untersuchungen zur Folge hatte. Schliesslich fanden die Ärtze heraus, dass Adelheid Krebs hatte. Sie wurde behandelt und heute ist sie wieder absolut gesund. Selbst sie sagt, dass ohne ihren Sturz aus dem Restaurant, sie keinen Grund gehabt hätte zum Arzt zu gehen. Vielleicht hätte man so ihren Krebs erst viel später entdeckt und es wäre vielleicht dann zu spät gewesen. Vielleicht? Was war ihr Sturz nun? Schicksaal? Zufall? Glück? Und was war dieser Clown am 26. Dezember? Da könnte ich heute noch stundenlang darüber nachdenken und könnte fast wahnsinnig werden dabei. Aber um es mit Adelheid’s Worte zu sagen: „Morgen ist es besser!“