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Geschichten aus Basel

Nicht ganz hundert

Seit einer meiner Schreibweiterbildungen weiss ich, dass die Wahl des Titels einer Geschichte sehr wichtig ist. Wird der Leser bereits beim Titel neugierig auf den Artikel gemacht, wird er diesen lesen wollen. So kann der oben gewählte Titel leicht darauf schliessen, dass ich heute über Menschen schreibe, die nicht gerade mit ihrer hohen Intelligenz aus der grossen Masse herausstechen. Tatsächlich handelt die heutige Geschichte von einer pfiffigen Frau, die gerade eben ihren 96. Geburtstag feiern konnte; Frau Schneider.

Sie fiel mir auf, als sie am Claraplatz meinen Bus besteigen wollte. Ihre dünne, gebrochene Stimme war gut zu vernehmen. „Ist das der Bus, der zum Friedhof Hörnli fährt?“ Ein anderer Fahrgast bejate und Frau Schneider stieg ein. Ein kleines, zierliches Persönchen. Ellegant gekleidet und einen grossen schlapprigen Hut als Sonnenschutz auf dem Kopf. Im Bus kam sie zu mir nach Vorne und wollte vom Fahrer wissen, wohin er zu fahren gedenke. Tatsächlich wollte ich auch via Friedhof Hörnli fahren und ich bestätigte ihr nochmals dieses Ziel. Sie entschuldigte sich, dass sie nochmals nachgefragt habe, aber in ihrem Alter hat man keine Zeit mehr sich zu verfahren und sie wolle mir es ersparen, hier in meinem Bus das Zeitliche zu segnen, denn ich hätte ja heute sicherlich mal Feierabend. Ja, Frau Schneider hat mit ihren 96 Jahren mehr Humor als drei Schweizer Comedians zusammen. Ich fuhr los und Frau Schneider fort. Sie könne diese elektronischen Anzeigen an der Bushaltestelle, auf der angezeigt wird welcher Bus als nächstes eintrifft nicht gut lesen. Ihr Blutverdünner schlage ihr auf die Augen und die Leute glaubten, wenn sie mehrmals frage, sie sei nicht mehr ganz hundert. Kaum gesagt entfuhr ihr ein glucksender Lacher: „Die haben ja im Grunde auch Recht, ich bin ja auch nicht ganz 100!“

Ihr Mann sei es. Heute! „Heute hat er seinen 100. Geburtstag, aber er ist seit 20 Jahren tot. Ich spreche jeden Tag mit ihm und schimpfe auch mal. So lange rumliegen…“ Frau Schneider pflegt auch einen eher schwarzen Humor, denn sie gluckste wieder und amüsierte sich gleich selber an ihrem Witz. Seitdem lebe sie alleine im Haus und mache noch den ganzen Haushalt. Jeden Tag putzt sie die Küche und räumt auf. „Ich gehe immer erst aus dem Haus, wenn dieses tiptop ist. Mit 96 weiss man ja nie, ob man überhaupt wieder heim kommt!“ Frau Schneider ist nicht nur witzig, sondern total gut organisiert. Und sie ist auch gut zu Fuss, obschon sie sich etwas fragil bewegt. Jeden Tag lege sie 10’000 Schritte zurück. Das seien bei ihr natürlich nicht so viel Kilometer, wie wenn ich 10’000 Schritte absolvieren würde, aber im Gegensatz zu ihrem Mann würde sie sich immernoch bewegen. Ein Glucksen von Frau Schneider begleitete mich zur nächsten Haltestelle. Dank ihrer Apple-Watch am Handgelenk könne sie auch beweisen, dass sie diese 10’000 Schritte oft sogar noch überschreite. Irgendwann am Nachmittag käme sie dann wieder heim und läge sich ins Bett. „Aber dann schlafe ich gleich ein, so als ob ich einen anstrengenden Tag gehabt hätte!“ Sie hätte auch schon ihren Hausarzt darauf angesprochen, weshlab sie nach ihren Stadtausflügen todmüde ins Bett falle. Der habe lediglich erwidert, dass sie auch nicht mehr die Jüngste sei und das mit 96 völlig normal wäre. „Mein Arzt ist nun auch schon 80 und so wie er aussieht stirbt der noch vor mir…“ Frau Schneider tat, was eine Frohnatur – wie sie es scheint zu sein – nach pointierten Aussagen immer tat, sie gluckste ansteckend.

Mit jeder angefahrenen Haltestelle kam das Ziel von Frau Schneider immer näher. Auf der Fahrt zu ihrem Ausstiegspunkt fragte ich die sympatische Fasthundertjährige, was sie heute noch so alles vorhabe. Scherzhaft sagte sie ohne zu zögern, dass sie keine Zeit für ein Rendes-vous mit mir hättee und ich – so wie sie vorhin gesehen habe – einen Ehering trage und mit verheirateten Männer lasse sie sich prinzipiell nicht ein. Nun gluckste ich auch im Duett mit Frau Schneider. Während sie den Bus verliess sagte sie: „Wissen sie, ich treffe heute alle meine Freunde und Bekannte. Wenn man 96 Jahre alt ist, muss man auf den Friedhof, wenn man seinen Lieben nah sein will. Dein soziales Umfeld stirbt weg und am Schluss bist du allein.“ Mit einem kleinen Klos im Hals verabschiedete ich sie und sagte: „Sie haben heute ihren Bekanntenkreis um eine Person – um mich – vergrössert!“ Sie schaute mich an, überlegte kurz und sagte: „Da haben sie Recht. Ich verspreche ihnen, ich besuche sie dann auch auf dem Hörnli!“ Sie gluckste, die Bustüre schloss sich und die kleine Frau Schneider betrat den grössten Friedhof Basels.

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Geschichten aus Basel

939 oder 393?

Zugegeben, diese Überschrift könnte darauf hinweisen, dass die heutige Geschichte irgendwas mit Zahlen zu tun hat. In Wirklichkeit dreht sich das Erlebte aber um die Art und Weise, diese Zahlen auszusprechen. Meine Allerliebste steht heute mal im Mittelpunkt. Nicht sie als Person steht im Fokus, sondern eher ihr angeborener Dialekt, der für mich vor 20 Jahren fast unverständlich war.

Meine Allerliebste ist im schönen Toggenburg aufgewachsen. „Das Toggenburg“ ist ein Teil des Kanton St. Gallen, wird aber nach Aussen gerne als eigenständige „Region“ verkauft. Das ist keine Marketingaktion des dortigen Touristenbüros, das haben Toggenburger regelrecht verinnerlicht. Sie sind in erster Linie Toggenburger, dann Menschen aus dem Kanton St. Gallen und dann erst Schweizer. So ist das! Wenn ich meiner Allerliebsten beim Schwärmen von ihrer Heimat zuhöre, könnte ich glauben – wenn ich es nicht besser wüsste – „das Toggenburg“ sei der Mittelpunkt der Schweiz . Eigentlich liegt das Zentrum unseres Landes im Kanton Obwalden auf einer Alp. Das ist natürlich einer echten Toggenburgerin so egal, wie einem 10-jährigen Neu-Raucher der Lungenkrebs. Ihr Mittelpunkt ist und bleibt „das Toggenburg“. Egal, was da die Geographen verzapfen, die waren offenbar noch nie im schönsten Erdteil den es gibt in diesem Universum. Meine Allerliebste ist derart Fan ihrer Heimatregion, dass sie beim Anblick von irgendwelchen Bergen sogleich Parallelen zieht zu den „Churfirsten“. Noch keine Hügelkette, die sich auf unseren Reisen vor uns auftürmte, hätten mit den „Churfirsten“ mithalten können. Entweder waren sie weniger mächtig, viel kleiner oder schlicht nur hässlich. Aus Erfahrung weiss ich, dass man meiner Allerliebsten auch nicht widersprechen darf, wenn sie vom Toggenburg schwärmt. Als Nicht-Toggenburger ist man sowieso nicht qualifiziert, irgend etwas an dieser Ostschweizer-Region zu bemängeln oder gar zu kritisieren. Dazu gehört auch, dass man die Finessen des Dialekts nicht mit einem Stadt-St.Galler oder einem Thurgauer vergleichen darf.

Zu Beginn unserer Beziehung habe ich zwar immer alles verstanden, was meine Allerliebste tat, habe oft nicht verstanden, was sie sagte. Ausdrücke wie „Chlüpperli“ (für Wäscheklammer), oder „zgmäh“ (für gemeinsam) waren damals schlicht zu ausserirdisch. „Bögle“ (für Bügeln) konnte ich da irgendwie noch ableiten. Am Telefon wurde sie auch schon von einem Freund falsch verstanden, als dieser fragte was sie gerade so tue und sie „bögle“ sagte, der Anrufer an Stelle des „b“ ein „v“ verstand. Da war Funkstille und erst die Übersetzung in einen verständlichen Basler-Dialekt verhinderte schlimmeres. Da wären wir auch gleich beim Thema. Der Dialekt meiner Allerliebsten ist am Telefon tatsächlich schwer zu verstehen. Sogar dann, wenn man den selben Dialekt spricht!

Es ist schon ein paar Jahre her, da telefonierte meine Allerliebste mit ihrer besten Freundin. Sie sprachen über dies und das und kamen irgendwann auf eine Autonummer. Natürlich wollte meine Allerliebste diese umgehend wissen – sie ist von Natur aus Neugierig, was vermutlich auch mit ihrer Herkunft zu tun hat – und fragte ihre Freundin nach der Nummernfolge. Heidi – auch eine Ur-Toggenburgerin – legte los und gab meiner Allerliebsten die Zahlen durch. Und dann begann das, worüber ich hier berichte. Während mehreren Minuten fragte meine Allerliebste am Telefon nach: „939 oder 393?“. Was hier so notiert oder laut vorgelesen auf Hochdeutsch kaum Konfliktpotential bietet, ist im Toggenburger-Dialekt ein wahrer Zungenbrecher. Ein Sumpf der Verwechslungsmöglichkeiten. Ich notiere es mal Phonetisch, dann versteht man, warum sich Heidi und meine Allerliebste nicht verstanden haben. Meine Allerliebste fragte in ihrem allerliebsten Heimatdialekt: „Nüü, Drüü, Nüü oder Drüü, Nüü, Drüü?“. Heidi am anderen Ende – ihrem Heimatdialekt durchaus mächtig – antwortete darauf: „Nit Drüü, Nüü, Drüü, sondern, Nüü, Drüü, Nüü!“ Das ging dann gefühlte zehn Minuten so hin und her und die beiden Toggenburger-Zentrums-Schweizerinnen verstanden ihren eigenen Churfirsten-Dialekt nicht. Irgendwann schaltete ich mich ein und fragte, ob ein klärendes Mail vielleicht die ganze Sache abkürzen könnte. Mein Vorschlag wurde von meiner Allerliebsten genauso falsch verstanden, wie die Zahlenfolge von Heidi am Telefon. Wenn es um ihren Dialekt, also ihre Identität, ihre Herkunft geht, versteht meine sonst so humorvolle Allerliebste, allerliebst wenig Humor.

Irgendwann war das Telefongespräch fertig. Irgendwann war dann auch mein Lachanfall fertig. Irgendwann waren auch die bösen Blicke meiner Allerliebsten nicht mehr so arg böse. Es dauerte aber ein paar Jahre, bis sie über den Running-Gag schmunzeln konnte, den ich seit diesem Tag immer bringe, wenn sie irgendwo was nicht ganz versteht. Ich brauche dann lediglich zu sagen: „Nüü, Drüü, Nüü oder Drüü, Nüü, Drüü?“ Dann wirft sie mir einen Mittelpunkt-Schweizerischen-Toggenburgischen-Chrurfirsten-Blick zu, wie ihn nur Menschen aus dieser Region im Stande sind aufzusetzen, um kurz darauf zu Lächeln. Dabei öffnen sich ihre sanften Lippen und ihre Zähne kommen zum Vorschein. So wie die Churfirsten, wenn die Morgensonne die Dunstwolken über ihren Gipfeln vertreibt.

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Öffentliche Vertraulichkeiten

Es gibt Dinge und Themen, die sollten in den eigenen vier Wänden bleiben. Auch im Zeitalter des „gläsernen Bürgers“ und dem täglichen Drang, alles was man isst, trinkt und tut sogleich auf einer Plattform preis zu geben. In solchen Zeiten sind Vertraulichkeiten ein wahrer Schatz.

Privatsphäre scheint für manche Leute lediglich ein Wort mit zwölf Buchstaben zu sein, das man jeweils googeln muss, um es fehlerfrei schreiben zu können. Als Bewohner der Innenstadt erlebe ich täglich Menschen, die keinerlei Respekt mehr vor der eigenen Privatsphäre haben. Solche Menschen haben keinerlei Probleme damit. Ich auch nicht. Mich stört vielmehr die Art und Weise, wie diese ihre eigene Privatsphäre missachten. Da kaufen die sich ein Handy, dessen Anschaffung teurer als die Sommerferien auf Kreta war mit den dazugehörenden drahtlosen Kopfhörern, die dann nochmals soviel kosten wie ein üppiges Abendessen für acht Personen. Und was machen sie? Sie stellen den Lautsprecher, ganz seiner Bezeichnung gerecht, auf LAUT. Klar, ist die Umgebung in einer Stadt auch nicht gerade leise, weswegen sie den Stadtlärm übertönen müssen. Das klingt dann immer irgendwie nach Nachbarschaftsstreit, statt nach Telefonat. Auch wenn es Geburtstagsglückwünsche sind. In einer Lautstärke, die sogar laufenden Presslufthämmern Konkurrenz macht, wird der Angerufene regelrecht angeschrien. Ein paar Dezibel zu laut für ein normales Gespräch und einige Dezibel über dem, was ein privates Telefongespräch ausmachen würde.

Dabei sei noch die ganz besondere Handhaltung erwähnt. Das amerikanische Technikwunder wird wie ein süsses Eclair, (in Deutschland Kaffeestange) dass man gerade genüsslich in den Mund schieben will, in der Hand gehalten. Da sich das Mikrofon logischerweise unten am Gerät befindet, wird dieses ganz nah an den Mund geführt. Oft hat man tatsächlich das Gefühl, der Anrufer wolle in das Gerät beissen. Es ist war ein „Apple“, aber RAM und ROM schmecken nicht und Lithium ist nicht nur für die Welt schwer verdaulich.

So flanieren sie dann laut „schreiend“ durch die Stadt. Das ginge ja noch, wenn es sich immer nur um Geburtstagsgrüsse handeln würde. Aber vor einigen Tagen ging vor mir eine Dame, die gerade so mit ihrem Gynäkologen telefonierte. Ich möchte hier nicht ausführen, was sie da alles besprochen hatte, denn gewisse Fachausdrücke musste ich tatsächlich nachschlagen. Aber auch im Bus wird immer häufiger so telefoniert. Egal, ob der Pfändungsbeamte am anderen Ende erklärt, wann er einen Hausbesuch plane um dabei gleich den neuen Flachbildschirm abholen käme, oder ob Ehepaare in Trennung über das Sorgerecht ihrer sieben Kinder verhandeln. Alles wird öffentlich breitgetreten, so als ob diese Leute nach dem Gespräch von den Mithörenden Applaus erwarten würden.

Was mich allerdings mehr irritiert ist, dass diese Art der Kommunikation bereits so normal ist, dass sich kaum einer darüber aufregt. Man sitzt da und lauscht den intimen Geheimnissen von fremden Menschen. Vielleicht stört sich niemand daran, weil wir sowieso alles kleine Voyeure sind. Insgeheim erfreuen wir uns an den grossen und kleinen Dramen der anderen. Vor allem dann, wenn wir feststellen, dass wir die kleineren Probleme haben wie die, die sich da am Telefon „anschreien“.

So gesehen freue ich mich jedes mal, wenn ich ein solcher „Lautsprecher-Telefonierer“ antreffe. Meistens laufe ich ihm bewusst hinterher um „Neuigkeiten“ zu erfahren. Kontostände, Gerichtstermine, Menülisten, Scheidungsurteile, Geschlechtskrankheiten und neue Eroberungen. Die Soaps im TV und die Dramen auf Netflix können da definitiv nicht mithalten.

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„La Paloma“ – ohje

Weil mein Grossvater der festen Überzeugung war, dass ich musikalisch sei, schenkte er mir irgendwann mal ein Akkordeon. Es war eines aus Plastik aus der Spielwarenabteilung. Ich war damals sechs Jahre alt, nahm das Ding in die Hand und – so sagt man sich in der Familie – spielte sogleich damit bekannte Melodien.

Mein Grossvater nannten wir „Dolce“ und tatsächlich war er „süss“, denn wenig später brachte er ein Akkordeon nach Hause. Ein richtiges. So besuchte ich dann die Musikschule und blieb diesem Instrument (bis heute) treu. Nach ein paar Jahren beherrschte ich diese „Quetschkommode“ recht ordentlich und die ersten Anfragen schneiten rein: „Könnten Sie an unserem Geburtstagsfest einwenig was spielen kommen?“ Da ich damlas nur das Wort JA als Antwort kannte und ein NEIN mir nur über die Lippen kam, wenn meine Eltern beim verspäteten Eintreffen nach dem Ausgang fragten ob ich Alkohol getrunken hätte, lag schon bald der erste Engagementvertrag auf dem Tisch. Genau genommen war es nur eine mündliche Abmachung per Telefon. Da ich damals, was die Lebensjahre und das Vereinbaren von verbindlichen Abmachungen betrifft, noch etwas unerfahren war, notierte ich mir lediglich das Datum, die Uhrzeit meines Eintreffens und die Art der Feierlichkeiten an denen ich aufspielen sollte; Geburtstagsfest.

Die Wochen vor meinem ersten Akkordeonauftritt verbrachte ich mit üben von bekannten Schlagern, Evergreens und sonstigen Stücken. Ich beschränkte mich dabei vor allem auf gut und einfach zu spielende Werke, denn die Gäste an der Feier waren ja nicht zu einem Akkordeonkonzert eingeladen worden. Das was ich da übte, taugte also bestens für den Hintergrund oder für die Berieselung von Fahrstühlen.

Dann kam der Tag X. Es war ein Samstag und ich sollte so gegen 15 Uhr eintreffen, da die Geburtstagsgesellschaft nach dem Essen im Hotel Rössli dann zum gemütlichen Teil übergehen würde. Ich betrat das Hotel, welches im Ort in dem ich Aufwuchs zum Besten der Besten zählte. Im Eingangsbereich angelangt hatte ich drei Möglichkeiten: Nach Rechts ins Restaurant, nach Links zum Saal oder nach Unten zur Kegelbahn. Aus dieser hörte ich Stimmen und lautes Lachen. Für mich war es eindeutig: Das Geburtstgasfest war im vollen Gange und sie hatten es offensichtlich sehr lustig. Ich stieg herab und öffnete die Türe zur Kegelbahn. Ungefähr 30 Personen hielten sich dort auf und alle blickten mich an: „Ich bin Renato und komme Akkordeon spielen. Ist hier das Geburtstagsfest?“ fragte ich – damals noch etwas verhalten und scheu. „Ja!“ lachte mich ein bärtiger Mann an und stellte mir einen Stuhl hin. Ich wuchtete das Akkordeon aus der Transportkiste und begann mein Repertoire zu spielen. Schon nach wenigen Stücken wurde getanzt und gesungen. Das Bier und der Wein floss in Strömen – für mich gab es Cola – und der Lärmpegel aus der Kegelbahn blieb auch anderen Gästen des Hotels nicht verborgen.

Ich war mit meinem zweistündigen Repertoire schon durch und begann wieder mit „La Paloma“ von Vorne, als es an der Türe klopfte. Während des Refrains beobachtete ich, wie der bärtige Mann mit jemandem am Eingang sprach und immer wieder zu mir rüber blickte. Schliesslich kam er zu mir und bat mich „La Paloma“ sein zu lassen. Verwundert brach ich ab und die Person an der Tür trat auf mich zu. „Sind Sie Renato Salvi?“, fragte sie mich und ich gab meine Standartantwort bei Fragen: JA. „Ich bin die, welche Sie engagiert hat fürs Geburtstagsfest, das aber oben im Saal stattfindet!“

Es war eine Mischung aus einem tiefen Schock mit einer grossen Prise Scham, einem kleinen Schuss Wut mit einem Hauch Trauer. Wut auf den Bärtigen Mann der so tat, als ob ich am richtigen Ort war. Natürlich auch Wut auf mich selber, dass mir so ein Missgeschick überhaupt geschehen konnte. Die Trauer kam dann später dazu, als ich dann an der richtigen Feier sass und Akkordeon spielte. Die Leute waren träge, müde und etwas desinteressiert. Dieser Auftritt fühlte sich fast so wie ein Konzert an, denn die Gebursttagsgäste sassen alle nur herum und hörten mir zu. Nach den Stücken klatschte vielleicht mal einer und aus der Kegelbahn unten war Gelächter und beste Stimmung zu vernehmen.

Irgendwann war dann Schluss und die Dame, dich mich telefonisch engagierte kam mit einem Couvert auf mich zu. „Hier ihre Gage“, sagte sie und ich antwortete untypisch für mich mit einem wehementen „NEIN!“

Sie fand meine Reaktion offenbar sehr anständig und bedankte sich bei mir überschwenglich. Ich packte zusammen und eilte nach Unten in die Kegelbahn. Dort wurde ich wie Freddy Quinn, der eben aus dem Grab entstiegen war gefeiert. „La Paloma“ war der Gassenhauer des Abends. Ich weiss nicht wie oft ich es spielen musste. Es war einfach grossartig, diese Feier. Keine Ahnung wer die Leute waren, was sie feierten oder warum sie sich dort trafen. Der Abend in der Kegelbahn dauerte noch bis in die frühen Morgenstunden. Hätten mich damals meine Eltern beim Nachhausekommen gefragt: „Hast Du Alkohol getrunken?“ ich wäre nicht mehr im Stande gewesen irgendetwas zu antworten.

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Killer-Geschwister

Korrigiert mich, aber aus meiner Sicht hatten alle, die heute Hunde haben, davor Katzen. Katzen scheinen sowas wie die „Eintrittskarte“ zum Hundehalter zu sein. Unsere beiden verstorbenen Katzen würden sich sicherlich nun im Grab umdrehen und die Krallen ausfahren, wenn sie das hier lesen würden. Gottseidank konnten sie noch zu Lebzeiten nicht lesen, weshalb ich das hier vermutlich ohne blutige Konzequenzen schreiben kann.

Wir hatten zwei Stubentieger. Sie waren von Klein auf nie Freigänger und hatten sich damit sehr gut arrangiert. Wir wechselten in dieser Zeit aus beruflichen Gründen auch öfters die Wohngegend. So hatten sie viel Abwechslung und es wurde ihnen in den Wohnungen nie langweilig. Irgendwann verschlug es uns an den Lothringerkreisel in Basel. Eine neue Überbauung entstand. Die Wohnung hatte eine grosse Loggia. Die Katzen liebten diese. Damit sie oft und lange auf dieser ihre 14-stündigen Mittagsschläfchen halten konnten, schlossen wir für sie den Storen und liessen die Lamellen halb geöffnet. Auch Katzen brauchen frische Luft.

Ich erinnere mich noch sehr gut. Es war ein Freitag und ich kam am späten Nachmittag nach Hause. Als ich die Wohnung betrat erlebte ich den Schock meines Lebens. Was ich vorfand glich einer Szene aus einem schlimmen Horrorfilm. In der ganzen Wohnung Blut. Überall Federn, in allen Farben. Es schien, dass hier ein unerbittlicher Kampf stattgefunden hatte. Die Spuren führten mich zur Loggia. Dort traf ich auf ein regelrechtes Massaker. Mitten in den Federn und den Blutflecken sassen zwei süsse Kätzchen. Sie sahen aus, als seien sie nominiert für den Oskar für das sanfteste Schnurren. Keiner wäre auf die Idee gekommen, dass diese beiden harmlosen Wesen im Stande wären, ein derartiges Gemetzel anzurichten.

Der Spurenermittler in mir hatte schon bald eine Erklärung, was sich hier grausames abgespielt haben musste. Vermutlich ein Eindringling, der auf dem Luftweg die fremnde Wohnung überfiel. Die verbeulten Lamellen des Storens liessen darauf schliessen, dass vermutlich ein Vogel diese durchflogen haben musste. An den Farben der in der ganzen Wohnung verteilten Federn muss es sich um einen Wellensittich oder sonst was Farbenfrohes gehandelt haben. Unsere beiden Hauskätzchen machten daraufhin von ihrem Hausrecht gebrauch, jegliche Eindringlinge unmissverständlich zu vertreiben. Ich wusste ja schon immer, dass die beiden Schmusetiere sich für uns nur verstellten und „im echten Leben“ wahre Killermaschinen sind.

Aus einer Tiersendung wusste ich noch, dass ich die beiden Katzenfuttervertilger nun loben musste. Das fiel mir angesichts der Überreste, die ich nun beseitigen durfte etwas schwer. Dennoch nahm ich mich zusammen und tätschelte beide: „Bravo. Gut gemacht!“ Der Staubsauger zog die abermillionen kleiner, farbiger Federchen in sich auf und der SWIFFER machte aus dem Schlachthof wieder eine Wohnung.

Die beiden Kätzchen lagen da schon lange auf ihren Schlafplätzchen und verdauten vermutlich den Wellensittich, der irgendjemand im Haus sicherlich bereits vermisste. Da ich, in der Tätigkeit des Tatortreinigers, keine Überreste des Vogels fand war ich mir sicher, dass ich seine Reste morgen aus den Katzentoiletten sieben werde.

Tags darauf war eine Joggingrunde angesagt. Ich machte mich bereit und schlüfte in die Turnschuhe. Mein Schrei hatte Potential, ein ganzes Wohnquartier aus dem Schlaf zu reissen. Da war was in meinen Turnschuhen! Ich schüttelte den Inhalt raus und auf den Boden plumste ein nackter Vogelkörper. Es dauerte gefühlte hundert Millisekunden und die beiden Killergeschwister sassen neben mir. Sie beerdigten nach der Schlacht gestern, den kleinen Vogel in meinen Schuhen. Schon wieder etwas für den Katzenpsychologen. Sie „schenkten“ mir ihr Jagderzeugnis und zeigten so, dass sie mich und meine Allerliebste als Rudelanführer akzeptierten. Und dafür musste ein unschuldiges Vögelchen sterben?

Angewidert nahm ich die Leiche vom Boden und tätschelte die Täterschaft. Statt Einzelhaft gab es dann für die beiden was Leckeres zum Frühstück. Lebenslänglich hatten sie ja bereits. Sie mussten ein Leben lang mit uns auskommen, bis beide im 2020 (nach fast 18 Katzenjahren) dort sind, wo sie den Wellensittich Jahre zuvor hingeschickt hatten. Meine Turnschuhe erinnern mich noch heute an diesen grausamen Mord. Seit diesem Tag haben sie sogar einen Namen: Vogelsärge.

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Rückenwind von Vorne

Als leidenschaftliche Camper, die wir sind, wollen meine Allerliebste und ich so viel wie möglich sehen. Wir waren schon an vielen Orten und unzähligen Regionen. Bisher hatten wir es aber nie nach Norddeutschland geschafft. Also musste das mal sein und wir planten einen Besuch in St. Peter Ordin. Diese Ortschaft schien bei vielen Menschen sehr beliebt und es hiess, dass das Klima, die Landschaft direkt an der Ostsee, die Fahradwege auf den Dünen und eigentlich irgendwie alles dort äusserst sehenswert wäre.

Die ganze Welt scheint mal in St. Peter Ording gewesen zu sein. Die ganze Welt? Nein. Meine Allerliebste und ich noch nicht, was sich aber nun ändern sollte. Es war Hochsommer und wir fuhren los Richtung Nordfriesland. Nach etlichen Stunden auf der Autobahn und noch etlicheren Stunden im Stau, erreichten wir den Ort, an dem sich die Welt trifft. Die Ortschaft bot das, was man von ihr erwartet. Kleine schmucke Häusschen, Ostseecharme, Fischbrötchen an jeder Ecke und viel Wasser und Dünen.

Meine Allerliebste konnte es kaum erwarten, sich auf ihr E-Bike zu schwingen. Sie war derart gierig nach einer Velotour, man hätte glauben können in den nächsten 20 Minuten würde St. Peter Ording abgebaut und wo anders hin verlegt. Ich schwang mich in die Radlerhose und auf den Sattel. Ich freute mich auch sehr auf eine kleine Tour, denn hier waren keine Berge oder Hügel zu erwarten, was die Rundfahrt für mich etwas angenehmer gestalten sollte. Meine Allerliebste mit dem E-Bike hatte nähmlich bereits vergessen, dass Bodenunebenheiten beim Velofahren ohne Motor, so etwas wie Kraft voraussetzte. Es würde eine herrliche, angenehme und schweisslose Ausfahrt für mich geben, so als ob ich auch elektromotorisiert wie meine Allerliebste unterwegs wäre. So schnell wie der Wind durch St. Peter Ording brausen. Denkste!

Neben reichlich Wasser haben die da noch was reichlicheres: Wind. Der kommt dort irgendwie von allen Seiten gleichzeitig. Nur von Hinten, da kommt er nie! Die Fahrt war eine regelrechte Velo-Tortour für mich. Meine Allerliebste konnte gemütlich ein paar Gänge höher schalten und mehr Akkuladung freisetzen. Meine Oberschenkelakkus waren nach der ersten Düne bereits leer. Obschon keinerlei Höhenmeter zu bewältigen waren und das Höchste, was man hier überwinden konnte die Gehsteigkante war, fiel ich nach ein paar Minuten fast vom Rad. Im kleinsten Gang fühlte sich das Fahren an, als ob ich mich in der schlimmsten Tour de France Bergetappe befinde. Im Winter! Obwohl Hochsommer, war es gerade mal knapp 10 Grad. Nun fahren Sie mal in einem Tornado, bei Schneesturm und solchen Temperaturen Fahrrad. Während andere – zum Beispiel meine Allerliebste – sich an der Natur ergötzen, kotzen sich andere – zum Beispiel der Mann meiner Allerliebsten – so richtig aus. Irgend wann brach ich ab, bevor ich zusammen brach. Es war beschähmend, ausgepumpt neben meinem Fahrrad zu stehen, während 90-jährige auf ihren E-Bikes an mir vorbei rollten und dabei noch über Atemluft verfügten, um zusammen sprechen zu können.

Ich beschloss zurück zum Wohnmobil zu laufen. Keine zehn Fischbrötchen hätten mich wieder auf diesen Sattel gebracht. Ich schleppte mich mit letzter Kraft unter die Dusche und sank danach völlig erschöpft ins Bett. Noch ein kurzer Blick auf das Wetter-App. Petrus hatte für die nächsten 7 Tage in St. Peter Ording was ganz besonderes geplant: Dauerregen, starke Winde und angenehme 4 Grad!

Meiner Allerliebsten blieb meine Reaktion darauf nicht verborgen. Sie verschand kurz aus dem Wohnmobil, um ein paar Minuten später wieder zu erscheinen. In einem, für sie typischen Befehlston, wie ich ihn nur aus schlimmsten Rekrutenschulezeiten kenne, sagte sie: „Aufstehen, anziehen, zusammenpacken. In 15 Minuten müssen wir den Platz verlassen!“ Was? Hat man uns vom Campingplatz verwiesen? Waren wir nicht St. Peter Ording würdig? Wir packten unsere Sachen und fuhren los. Meine Allerliebste tippte auf dem Navigationsgerät rum und die andere Frau, die mir ständig Befehle erteilt – die aus dem Navi – lotste mich zur Autobahn.

17 Stunden später lagen wir im Sand. Es war 30 Grad und das, was da durch das südfranzösische Dörfchen zog war eine kleine Brise. Sowas Wind zu nennen, wäre in etwa so falsch gewesen, wie meiner Allerliebsten nicht zu georchen. So wurden aus den Sommerferien, wirklich Sommerferien und ich hoffte, während ich mir den ersten Sonnenbrand holte, dass in St. Peter Ording niemand an den E-Bikes festfrohr.

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1. August in the mist

Des Schweizers Brust erhebt sich jeweils einmal im Jahr. Dann wenn man am ersten August stolz die Gründung seines, ach so schönen Landes feiert. Es scheint, als hätten unsere Gründerväter (und Mütter und alle anderen Geschlechter), ein wahres Erfolgsrezept in die Tat umgesetzt, denn die Schweiz zählt heute noch zum „solideren“ Teil unserer Welt.

Sowas muss gefeiert werden. Einmal im Jahr sei es auch erlaubt, eine Schweizer-Fahne am Balkongeländer zu montieren, ohne dass gleich jemand glaubt, da wohne ein SVP Mitglied oder gar ein Nazi. In anderen Ländern ist man stolz auf Einwohner, die stolz ihren Stolz auf ihr Land zeigen und in der Schweiz…egal. Ich will hier heute über einen ersten August vor einigen Jahren berichten und keine Debatte über Patriotismus lostreten.

Es war ein herrlicher Tag, dieser erste August zweitausendirgendwas. In Basel schien schon den ganzen Tag über unbewolkt die Sonne und die Aussichten auf den Abend waren genau so gut wie das momentane Wetter. Meine Allerliebste und ich planten aber, den Abend nicht in Basel zu verbringen. Wir hatten kurzfristig ein kleines Hotelzimmer in Arosa gebucht. Meine Allerliebste pflegte seit ihren Kindertagen eine regelrechte Liebschaft mit diesem bündner Bergort. Ich hätte auf Arosa durchaus eiversüchtig sein können, denn manchmal glaubte ich, ihre Liebe zu Arosa sei grösser als zu mir. Trotzdem willigte ich ein, meinem „Nebenbuhler“ einen Besuch abzustatten. Wir packten einen kleinen Koffer und machten uns auf den Weg zum Bahnhof.

Die Reise war wie immer. Voller Zug, hyperaktive Kinder, inaktive Klimaanlage, defekte Toilette und unverständliche Durchsagen. Ich liebe die Schweiz. Da bekommt man noch das, was man erwartet. Irgendwann waren wir am Ziel. Arosa präsentierte sich von seiner allerschönsten Postkartenseite. Das Blau des Himmels war derart „kitschig“, dass man glauben musste, jemand hätte da mit Photoshop nachgeholfen. Es war wirklich ein Traumtag! Die grosse Liebe meiner Allerliebsten gab alles. Arosa wollte mir meinen Platz streitig machen! Die herrliche Sommerbrise hätte mir mein Kopfhaar, wie junges Schilf an einem Bergsee, durchlüftet hätte ich welches gehabt und meine Allerliebste stand da und ein Tränchen kullerte ihr über ihre Wange. „Weinst Du?“ fragte ich sie überrascht? „Pollen!“ sagte sie knapp und wusch sich die Feuchtigkeit aus den Augen. Offensichtlich freute sie sich, ihre grosse Liebe wieder mal zu treffen und ihre Sehnsucht schien tatsächlich unendlich, denn in den darauffolgenden unendlichen Stunden wurde Arosa inspiziert. Zu Fuss! Jede noch so abgelegene Ecke wurde von meiner Allerliebsten bewandert. Es schien als wolle sie überprüfen, ob noch alles da war von ihrem Liebsten. Arosa ist weitläufig und wer weit läuft braucht vor allem Kraft und Zeit. Ersteres war bei mir schon lange nicht mher verfügbar und Letzteres war gerade dabei knapp zu werden. Ich machte meine Allerliebste darauf aufmerksam, dass wir heute Abend noch das grosse Feuerwerk sehen wollen und die Sonne bereits dabei war unterzugehen. Etwas widerwillig willigte sie dennoch ein, den Weg zum Hotel unter die müden Füsse zu nehmen.

Am Arosa-See sammelten sich langsam die Menschen zum grossen Feuerwerksspektakel und am Himmel taten es die Wolken gleich. Es waren viele; also Wolken, und es wurden immer mehr. Mit der Bratwurst in der Hand (ohne Senf, wie sie Ostschweizer eben essen) und dem roten T-Shirt mit den weissen Kreuz stand meine Allerliebste mit mir am See und über uns braute sich da was zusammen. Das gebraute Getränk in unseren Bechern würde in den nächsten Stunden nicht warm werden, denn die Aussentemperatur war gerade dabei – wie die Stimmung meiner Allerliebsten – zu sinken.

Da war der See. Da war über dem See die dickste Wolkendecke der Welt und da waren wir. Zitternd, müde von der langen Wanderung und in mitten anderer unterkühlten Eidgenossen (Genossinnen und anderen Gendersternchen), die „ihren“ Geburtstag feiern wollten. Wir alle versammelten uns hier – so wie damals unsere Urväter auf dem Rütli – um uns zu schwören… NIE WIEDER DEM SCHÖNEN BASLER WETTER DEN RÜCKEN ZU KEHREN! In Basel – so bestätigten es unzählige Facebook-Posts, war Kaiserwetter. Auf den Fotos schwitzende Menschen, klarer Himmel und Freude. Hier in Arosa erwartete ich den ersten Kältetoten und wenn man in die Gesichter der Versammelten blickte, waren diese ein Abbild der momentanen Situation.

Dann erklang aus den Lautsprechern die „Feuerwerksmusik“ von Händel. Gleichzeitig wurden die ersten Raketen gezündet. Das Feuerwerk begann. Die Raketen schossen durch die dicke Wolkendecke, um weit über dieser zu explodieren. Wir, die wir uns um den See versammelt hatten, standen da mit ins Genick geworfenen Köpfen und sahen… NICHTS! Die wunderbaren Feuerwerkskörper, die noch wunderbarere Figuren in den Himmel schossen, explodierten alle über der dicken Wolkendecke. Das was wir zu sehen bekamen waren mal blaue Wolken, dann rote Wolken, die sich mit silbernen Wolken abwechselnden. Es war kein Feuerwerk, sondern vielmehr ein farbenfrohes Blitzlichtgewitter.

Meiner Allerliebsten kullerte wieder ein Tränchen über die Wange. Ich wagte nicht zu fragen weshalb, aber vermutete weil sie wusste, dass wir morgen ihre grosse Liebe Arosa wieder verlassen würden. Sie blickte die farbig-zuckenden Wolken über uns an und sagte: „Mist!“. Ich gab ihr Recht und fügte an: „The first august, in the mist!“

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Urs mit dem Megaphon

Ehrlich gesagt weiss ich nicht, ob alles stimmt, was man sich über Urs erzählte. Er soll mal ein grosser Banker gewesen sein, irgendwann. Hochgescheit. Viel Stress und Arbeit. Dann ein Zusammenbruch mit Folgen. Da sei er „komisch“ geworden. Anders als alle anderen. Seit dem war er ein Stadtoriginal.

Manchmal trug er eine Uniformmütze, so wie früher die Polizisten oder die Kontrolleure der BVB. Manchmal stand er mit einer Trillerpfeife am Marktplatz und gab den Trams so die „Erlaubnis“ zur Weiterfahrt. Dann sah ich diesen komischen Mann lange nicht wieder. Erst als ich im Theater Fauteuil zu arbeiten begann, traf ich Urs täglich. Immer kurz vor der Mittagszeit stand er mit einem „Megaphon“ (meistens ein Papiertrichter oder was aus Plastik) am Spalenberg. In der einen Hand hatte er einen Zettel, auf dem er die Menüs der umliegenden Restaurants notiert hatte. Dann begann er: „Hütt in dr Spaleburg, Spaghetti Carbonara mit Salat für 14.50!“

Oft waren seine Notizen umfangreich und sein Ausrufen dauerte lange. Für viele Ladenbesitzer vermutlich zu lange. Immer mal wieder war er wochenlang wie vom Erdboden verschluckt. Man munkelte dann, dass er sich vermutlich irgendwo in einer geschlossenen Abteilung aufhielt. Ob das stimmt, wusste ich schon damals nicht, denn mir kam er gar nicht so „verkehrt“ vor. Man konnte sich völlig normal mit Urs unterhalten. Er war so wie alle, bis eben auf seine Ausruferei, oder die Trillerpfeife, die man ihm dann aber verboten hatte.

Irgendwann fragte er mich, ob er nicht auch die Stücke fürs Theater Fauteuil ausrufen solle. Warum nicht, antwortete ich und gab ihm ein Blatt mit den Stücken des Tages. Als „Gegenleistung“ gab ich ihm jeweils zehn Franken, damit er irgendwo was Trinken gehen konnte. Von da an stand er immer wieder am Spalenberg und teilte den Passanten durch sein „Megaphon“ mit, dass es heute im Hotel Basel Apfelkuchen, und im Theater Fauteuil Froschkönig gibt.

Ja der Urs. Ehrlich? Ob er wirklich Urs hiess weiss ich auch nicht mit Sicherheit. Alle nannten ihn so. Ob er wirklich mal ein Spitzenbanker war? Auch egal. Er war der, der er war. Anständig, gepflegt, höflich, fröhlich aber einfach anders als die grosse Mehrheit. Irgendwann starb Urs. Keine Ahnung an was, oder wie alt er da war. Er war einfach eines Tages weg und kam nie wieder. Am Spalenberg wurde es leise. Erst dann bemerkten wir, dass da etwas fehlte. Erst als der „kurlige“ Typ nicht mehr das tat, was er tat, vermisste man ihn. Es war etwas Spezielles, etwas Einzigartiges, etwas was es nur hier gab. Als es Urs nicht mehr gab, war der Spalenberg einfach wieder ein Berg in Basel, so wie es unzählige davon gibt.

Heute, wenn ich an Urs und alle anderen denke (Bluemefritz, usw.) die „anders“ waren, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir, die uns zur grossen Mehrheit der „Normalen“ zählen, in Wirklichkeit die „Abnormalen“ sind.

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Geschichten aus Basel

Monte „Trödelö“

Als Basler liebt man den Rhein. Man sieh sich nie satt an ihm und will in seiner Nähe sein. Dazu gehört bei mir auch, dass ich Städte, die am Rhein liegen einfach grundsätzlich mag. Das trifft auch auf Köln zu.

Sollten Sie noch nie in Köln gewesen sein, dann planen sie das bitte mal ein. Die Fahrt mit dem Zug oder mit dem Auto dauert zwischen sechs bis acht Stunden, je nach dem um welche Tageszeit man die Reise antritt.

Meine Allerliebste und ich planten vor einigen Jahren mit dem Wohnmobil Köln zu entdecken. Auf dem Campingplatz der Stadt Köln richteten wir uns häuslich ein und da wir immer mit den Fahrrädern verreisen, sassen wir schon kurz danach auf den Sätteln. In einem TV-Beitrag über Köln radelten diese zum „Monte Trödelö“. Die Fernsehbilder zeigten eine bewaldete Gegend mit genialen Velowegen. Kurz: traumhaft!

Klar, wollen wir diesen „Monte Trödelö“ auch live erleben und pedalten los. Auf keinen Velokarten oder Handy-Apps war ein soler „Monte“ erwähnt. Da wir Reiseberichte im TV immer genau anschauen und uns dazu noch Notizen machen, kramte meine Allerliebste diese hervor. Darin war eine ungefähre Richtung angegeben, wo sich dieses „Bergmassiv“ befinden sollte. Wir richteten das Navigantionsgerät ein und weiter gings auf Expeditions-Tour. Wir waren wirklich sehr neugierig, welcher Berg uns da erwarten wird, denn das Umland um Köln war doch eher flach. Man sah von Weitem Hochhäuser und Kamine, aber nirgens eine grössere Bodenerhebung, die den Namen „Monte“ verdient hätte.

Wir fuhren mehrere Stunden durch die Stadt, um die Stadt und zurück. Irgendwann entschlossen wir uns, Einheimische zu fragen, denn die würden sicherlich wissen wo ihr Hausberg zu finden ist. Komischerweise trafen wir nur auf Leute, die entweder noch nicht lange in Köln wohnten oder nur zu Besuch hier waren und beim Namen „Monte Trödelö“ genauso blöd aus der Wäsche schauten wie wir, wenn wir diesen Namen aussprachen. Wir fuhren und fuhren. Die Oberschenkel brannten und das Gesäss verbreitete ein ähnliches Gefühl.

Die Stimmung meiner Allerliebsten war gerade an dem Punkt angelangt, an dem Wasser sich verfestigt, als wir ein älteres Ehepaar trafen. Sie sassen auf einer Bank und irgendwie sahen sie kölsch aus. Wir beschlossen, noch ein allerletztes Mal nach dem Weg zu fragen und stiegen von den Fahrrädern.

Es war ein nettes Ehepaar, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Frage aller Fragen stellte: „Wo bitte gehts zum Monte Trödelö?“ Die beiden Ur-Kölner blickten sich an und begannen zu kichern. Wir standen da und kicherten nicht. Genau genommen war uns eher zum Heulen zu Mute, aber wir zogen unsere Mundwinkel hoch und hatten eben die Hoffnung verloren, diesen Kölner Berg jemals zu finden. Vielleicht waren wir schlicht zu blöd oder konnten unser Navigationsgerät nicht bedienen. Wir waren bedient und warteten nicht auf die Antwort des Ehepaares und bestiegen wieder die Sättel.

„Den Monte Trödelö, den gibts!“, sagte die ältere Frau. Ihr Mann ergänzte in einem urtypischen Kölner Dialekt: „Dat is aber wat Kölsches!“ Es stellte sich später heraus, dass wir sehr wohl den „Monte Trödelö“ gefunden hatten. Wir durchfuhren ihn sogar, ohne es zu wissen, denn ein Teil des Naherholungsgebietes der Stadt Köln entstand durch eine grosse Müllaufschüttung. Auf diesem Müllberg wuchs im Laufe der Jahrzehnte ein kleiner Wald und weil das Gebiet ein paar Meter höher liegt als die Stadt, nennen es einige Kölner „Monte Trödelö!“

Eigentlich hätten wir es wissen müssen. Die Kölner leben ja auch an diesem Rhein, wie wir Basler, oder die Düsseldorfer. Sogenannten An-Rheinern sagt man ja nach, dass sie ein lustiges Völkchen wären. Scherzkeckse, diese Kölner. Nun warte ich schon seit längerem auf Deutsche Touristen in Badesachen, die mich fragen: „Sie sagen Sie mal, wo lang gehts zu diesem Eglisee…?“

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Geschichten aus Basel

Lack-Dose

Bitte versteht mich nicht falsch! Ich möchte mich hier nicht über Menschen lustig machen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Ich benutze täglich diese Sprache und mache trotzdem viele Fehler.

Die folgende Geschichte ereignete sich in einem guten, gepflegten Restaurant. Das Geschehene liegt schon viele Jahre zurück. Damals waren Lebensmittelunverträglichkeiten etwas Unglaubliches, so wie für viele heute das Gender-Sternchen.

Ich sass mit meiner Allerliebsten in diesem Restaurant. Ein paar Tage zuvor erfuhr ich von meinem Arzt, dass ich Milchprodukte meiden müsse, da mein Körper Laktose nicht verarbeiten könne. Mir war das so ziemlich furzegal, was mein Körper mit dieser Laktose anstellte, aber meine Allerliebste wollte mir die Bauchschmerzen und ihr meine Blähungen ersparen. Beim Bestellen des Essens fragte sie deshalb den Kellner, ob es Laktose im Hauptgericht habe. Der Kellner stutzte. Seine ungestutzten Augenbrauen zogen sich fast über seinen Kopf in die Höhe. „Was?“, fragte er mit leicht entsetzter, scherbelnder Stimme. Meine Frau wiederholte ihre Frage. Der Kellner wiederholte seine Reaktion. Er wolle in der Küche nachfragen und verschwand.

Wir sassen an diesem Tischchen in diesem wirklich angenehmen Restaurant. Eigentlich wollten wir die dort sensationell gekochten Speisen geniessen und keine Umstände bereiten. Meine Allerliebste, selber Gastroprofi, meinte lapidar, dass man im Service wissen müsse welche Zutaten die Gerichte beinhalten. Nach einigen Minuten kam der Kellner wieder zu uns an den Tisch. Er war aber nicht alleine. In seinem Schlepptau drei Herren in Kochkleidern. Sie sahen aus wie die drei Tenöre, einfach dass sie nicht hier waren um Arien zu schmettern. Der ältere Herr der dreien baute sich vor uns auf. Er schien ziemlich aufgeregt und sagte mit erregter, zittriger Stimme: „Herrschaften. Bei uns gibt’s nichts aus der Dose. Bei uns ist alles frisch!“

Stille. Dann prustete meine Allerliebste ungehemmt raus. Den letzten derartigen Lachanfall hatte sie, als sie mich zum ersten mal…ach lassen wir das.

Die drei Tenöre waren irritiert, so als ob sie was aus „La Traviata“ singen wollten aber der Kapellmeister was von „Helene Fischer“ anstimmte. Der Kellner verzog sein Gesicht, so als würde das Orchester „Helene Fischer“ spielen und ich versuchte das Missverständnis zu klären. Es dauerte ein Weilchen, bis „Plàcido“, „Luciano“ und „José“ begriffen, dass ich Laktose-Intolerant war. Während meine Allerliebste stossweise kleine Lachsalven ausstiess, so wie ich Luft nach Laktose-Konsum, versicherte mir der eine des Trio’s, dass sie selbstverständlich meinen Hauptgang für mich laktosefrei zubereiten würden. Sie verschwanden wieder in der Küche und meine Frau beruhigte sich langsam. Jedes Mal, wenn der Kellner an den Tisch kam, oder wir ihn sahen, gluckste sie wieder auf. Sie ist eben eine Frohnatur, meine Allerliebste. Endlich beruhigte sie sich.

Das Essen war köstlich, hervorragend gekocht und für mich gänzlich laktosefrei. Als wir die ganze Sache schon beinahe vergessen hatten und die Rechnung verlangten, kamen die drei Köche an unseren Tisch mit einer Erinnerung an diesen Abend: eine Dose Ravioli. Alle drei lachten nun los und es klang fast so wie ein „Multi Furioso“ der drei Tenöre, allerdings massgeblich gestört vom lauten Glucksen meiner Frau.

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Geschichten aus Basel

Das Berliner Trauma

Vermutlich hat es mit meinem fortgeschrittenen Alter zu tun. Immer öfter kommen mir Geschehnisse von Früher in den Sinn. Dinge die ich erlebt, aber zwischenzeitlich verdrängt oder gar vergessen hatte. So auch dieses Erlebnis aus einer meiner Schnupperlehren.

Zanker hiess die Bäckerei/Konditorei an der Neuweilerstrasse (Ecke Steinbühlallee) in Basel. Leider gibt es die schon lange nicht mehr, obwohl diese damals ein Hotspot war- wie man heute sagen würde. Zu einer Zeit, als es noch keine Tankstellenshops gab und man am Sonntag nicht einfach irgendwo ein Dessert kaufen konnte, hatte der Zanker offen und dementsprechend war der Andrang gross. Die Menschenschlangen vor den Corona-Testzentren erinnern mich immer wieder an die sonntäglichen Patisserie-Verkäufe. Kurz und gut: Zanker war Spitzenklasse. Die Champions League des Bäckerhandwerks.

Klar wollte ich gerne ein Teil dieser Berufsgruppe sein, denn Bäcker und Konditoren sind in meinen Augen wahre Künstler. Mit wenigen Zutaten zaubern sie leckere Backwaren, von denen man nicht genug bekommen kann.

Ich bemühte mich also um eine Schnupperlehre. Das zu einer Zeit, in der man drei Telefonate machen musste um dann drei Zusagen zu erhalten. Heute müssen die Jungen ja ganze Prüfungen ablegen, bevor sie überhaupt die Chance auf eine Schnupperlehre bekommen. Ich tätigte also ein Telefonat. Natürlich mit dem Hintergedanken, dass man die süssen Schnittchen auch verkosten muss, bevor man sie jemandem anbieten kann. Herr Zanker – der Patron – war ein grosszügiger Mann. Die Znünipausen waren so, wie ich mir das vorstellte. Warme Gipfeli, frische Brote, Zopf und alles, was die Stimmung und den Blutzuckerspiegel in die Höhe treibt.

Ich erinnere mich auch, wie er ein grosses Blech voller wunderbarer Cremeschnitten aus dem Kühlraum trug. Eigentlich war es noch eine einzige grosse Cremeschnitte, denn geschnitten werden diese im gefrohrenen Zustand. Er muss meinen gierigen Blick gesehen haben, als er damit auf mich zu kam. Kurzerhand stellte er das Blech vor mich hin und fragte: „Habt ihr zu Hause gerne Cremschnitten?“ Natürlich! Wer nicht! Er nahm das grosse Messer, mit dem ich eigentlich die Schnittchen hätte schneiden sollen und schlug es auf die wunderbar glänzende Glassur. Er schaute mich an und sagte gespielt traurig: „Ohjee. Nun sind sie kaputt. Die können wir nicht mehr verkaufen. Salvi, nimm sie mit nach Hause, Lebensmittel werden nicht weggeworfen!“

Ich liebte Herr Zanker. Ich liebte seine Produkte. Ich liebte den Geruch von warmen Kokosmakronen, wenn sie aus dem Backofen kamen, ich liebte es Gipfeli zu rollen und Punschkugeln zu machen. Ich wollte eigentlich da nie wieder raus und aus einer Woche Schnupperlehre wurden so bereits 14 Tage.

Dann war Berliner-Tag. Ich wollte schon immer wissen, wie die Konfitüre in diese runden Leckereien kommt. Herr Zanker stellte mir einen grossen Wagen mit noch ungefüllten Berlinern vor die Nase. Dann installierte er eine Apparatur, die aus einem grossen Trichter, einer „Spritze“ und einem Hebel bestand. In den Trichter füllte er kiloweise Himbeerkonfitüre. Er nahm einen Berliner, stach ihn auf die Spritze und betätigte den Hebel. Der Berliner wurde so mit Konfi „geimpft“ , wie er es nannte. Dann schlug er mit seinen grossen Händen auf meine Schulter und sagte: „So Salvi, nun zeig was Du kannst!“ Er verliess den Raum und mein Ehrgeiz war geweckt. Ich wollte ihm beweisen, dass ich nicht nur korrekt, sondern auch noch schnell arbeiten konnte.

Ein Berliner nach dem andern wurde im Höchsttempo von mir geimpft. Kein Impfzentrum dieser Welt hätte da mithalten können. Irgendwann, ich war schon fast fertig, kam Herr Zanker zurück und stiess einen Schrei aus. „Salvi, was machst Du da? Dreh Dich mal um!“ Ich tat, was er befahl und ich war fassungslos. Hinter mir an der Wand klebte kiloweise Himbeerkonfitüre. Bis hoch an die Decke hat es der Brotaufstrich geschafft. Vermutlich war ich in diesem Moment genau so leer wie alle meine Berliner auf den Tabletts, denn ich hatte sie beim Aufspiesen mit der Spritznadel durchstochen, statt die Nadel nur bis in die Mitte der Berliner zu stossen.

Dann hiess es; putzen und für die nächste Woche gabs zu Hause als Vorspeise leere Berliner, zum Hauptgang ungefüllte Berliner und zum Dessert Berliner Trauma.

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Geschichten aus Basel

Missverstanden

Der Mensch ist ein Nomade. Zu Urzeiten war es normal, sich irgendwo niederzulassen um dann, wenn alle Gräser abgefressen und alle Mamuts gegrillt waren, weiterzuziehen. Heute ist das total anders, aber in unserem Innern sind wir immer noch Mamut jagende Urmenschen.

Deswegen können wir nicht anders und müssen von Zeit zu Zeit weiter ziehen. Ich erinnere mich noch gut an eine Begebenheit mit meiner Frau. Wir zogen aus der Ostschweiz in die Region Basel und schauten uns Wohnungen an. In Riehen, nahe des Friedhofs, befand sich so eine Wohnung. „Dörte isch es schö ruhieg!“, meinte meine Allerliebste in ihrem allerliebsten St.Galler-Dialekt und wir trafen den Hausverwalter. Dieser war in einen grauen Arbeitskittel gehüllt, hatte eine Mütze auf und trug eine etwas altmodische Hornbrille. Er entsprach voll und ganz dem Gliche eines Hauswartes. Bereitwillig zeigte er uns die leere Wohnung, die vermutlich seit den 70-er Jahren nicht mehr aufgefrischt wurde. Da Frauen -meine ist da keine Ausnahme- in der Regel sehr heikel sind, wenn es um den Zustand des WC’s geht war meine Allerliebste etwas schockiert. Die Farbkombination Orange-Braun an den Wänden und am Boden löste bei ihr etwas Unbehagen aus. Deshalb fragte sie den Hausmeister: „Wa isch planet? Wird da do no renoviert?“ Der Hauswart schaute meine Frau lange an, sagte nichts und blickte schliesslich zu mir: „Was het die jetzt gseit?“ Offenbar stand er mit dem Ostschweizer-Dialekt und den Umgangsformen auf Kriegsfuss. Meine Frau verliess mit einem vielsagenden Blick die Toilette, während ich dem Mann ins Baseldeutsche übersetzte.

In der Küche angelangt wiederholten sich die Farben an den Wänden und die Fragen meiner Frau: „Wird do no öbbis gschtriche, oder usgwechslet, da sieht jo scho es bitzli verlebt us.“ Nun war der Hauswart schnell. Er schaute mich an und meinte etwas genervt: „Ich verstand die eifach nit!“ Meine Allerliebste verstand hingegen sofort und verliess die Wohnung, blieb am Eingang kurz stehen, drehte sich um und sagte zu mir: „Du chasch dem Typ sege, die isch gange!“ Auf die Übersetzung verzichtete ich und verabschiedete mich vom Graukittel, der ratlos in der Wohnung zurück blieb.

Im Auto regte sich meine Frau tierisch auf. Ihre ostschweizer Flüche musste sie mir auch übersetzen. Sie war empört darüber, dass der Hausmeister sie in dritter Person angesprochen hatte. Später beruhigte sie sich und fand die Lage der Wohnung sowieso nicht optimal: „Weisch, da isch mir znöch am Friedhof. Wenn du de gstorbe bisch will ich dich nöd als Nobur ha!“ Ich regaierte nicht sonderlich überascht und meinte nur: „Was het jetzt die gseit? Ich verstand die eifach nit!“