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Geschichten aus Basel

Unten ohne

Egal in welcher Stimmung Petrus gerade ist. Ob es schneit, regnet,hagelt oder die Sonne erbarmungslos die Tauben auf den Dächern grillt; er ist immer barfuss unterwegs.

Der Man ist schwer zu schätzen. Vermutlich ist er zwischen 25 und 50 Jahre alt. Keiner weiss was er tut, aber was er macht sieht man. Er macht sich nichts aus Schuhen. Offensichtlich. Zu jeder Tages-und Nachtzeit ist er unten ohne unterwegs. Mit nackten Füssen geht er durch die Stadt, so als ob es das Normalste der Welt wäre. Zugegeben: Es ist das Normalste, aber keiner tut es. Er schon.

Vermutlich ist seine Hornhaut an den Fussohlen bereits widerstandsfähiger als die Sohlen meiner Winterstiefel, denn egal ob der Mann über heissen Asphalt spaziert, oder über spitze Steinchen flaniert, es scheint ihm nichts auszumachen. Seine Zehen sind schwarz wie die Businessschuhe eines Bankers und man sieht ihnen an, dass sie nicht verschohnt werden.

„Der macht das schon, seit ich ihn kenne“, flüstert mir ein Passant zu, der bemerkt hat wie ich dem nacktbefussten Mann erstaunt nachblicke. „Ach Sie kennen ihn?“, erwiderte ich freudg, denn ich rechnete damit nun Insiderwissen zu erhalten. Es stellte sich heraus, dass er ihn ihn auch nur vom Sehen „kennt“, er habe aber mal gehört, dass der Mann stets barfuss sei, damit er die Welt besser spüre.

„Bodenhaftung. Verstehen Sie?“ Mit einem vielssagenden Blick fügte der Passant hinzu. „Alle schauen ihm nach, dabei ist er ja nur unten ohne. Aber die meisten Menschen gehen oben ohne durchs Leben!“ Nun öffnete er die Augen noch weiter und hob dazu vielsagend die Augenbrauen. Er tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn. „Vertsehen Sie? Oben ohne… ohne Hirn…!“ Er hätte seinen Witz nicht erklären müssen, denn ich hatte die Pointe bereits erahnt und verstanden.

Er wiederholte seinen Gag noch ein paar Mal und machte sich wieder auf den Weg. Dabei verhedderte er sich mit meiner Hundeleine, an deren Ende mein kleiner Mops noch grössere Augen machte, da der arme Hund beinahe stranguliert wurde. Der Passant stolperte und fiel flach vor mir auf den Boden.

Selbstverständlich half ich ihm auf. Der Passant sagte nichts und ich dachte nur: „Ja, ich verstehe…oben Ohne…“