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Geschichten aus Basel

Ein ganzes Leben in einer Tasche

Sie scheint um die 60 Jahre alt zu sein. Vielleicht ist sie aber auch jünger und das harte Leben auf der Strasse lässt sie älter wirken. Sie trägt einen verlebten Mantel und immer wenn ich sie sehe die selben Kleider. An ihren Füssen baumeln ausgelatschte Flip-Flops, und an einem Arm hängt eine prall gefüllte Einkaufstasche mit ihren Habseligkeiten.

Frühmorgens treffe ich sie oft schlafend in einem kleinen Hauseingang an, oder sie sitzt, halb liegend, auf einer Parkbank. Nie habe ich sie essen oder trinken sehen. Nie habe ich sie sprechen gehört. Nie fragt sie jemanden um Geld.

Ihr Gesicht ist nicht zu erkennen. Sie zieht die Kapuze ihrer Jacke immer tief über die Stirn, trägt eine Sonnenbrille und eine Hygienemaske. Gerne würde ich mehr über ihr Schicksal erfahren. Was sind die Gründe, dass eine Frau unter freiem Himmel leben muss? Gab es einen Schicksalsschlag, eine falsche geschäftliche Entscheidung, eine Scheidung, oder trieb eine Sucht die Frau dorthin wo sie nun ist? Zeigt sie ihr Gesicht nie, aus Scham, vielleicht erkannt zu werden, oder ist das die einzige Möglichkeit, im öffentlichen Raum sich eine gewisse Privatsphäre zu schaffen? Sie einfach anzusprechen und zu fragen, das wage ich nicht. Das empfände ich als übergriffig.

Jedes Mal wenn ich ihr begegne, kommen seltsame Gefühle in mir hoch. Da ist ein saublödes „Glücksgefühl“. Mir geht es besser. Da bin ich auch sehr froh darüber, schäme mich aber gleichzeitig so zu fühlen. Aber da ist auch Traurigkeit. Mitleid, Wut und Ohnmacht kommt in mir hoch darüber, dass es Menschen gibt, die so weit abrutschen können, wie diese Frau. Das hat keiner verdient. Aber muss man sich sowas „verdienen“? Oft tröste ich mich aber auch damit, dass ich mir einrede, sie habe diese Situation bewusst gewählt und gewollt. Aber auch dieses Gefühl hält nicht lange an, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich ein Leben auf der Strasse aussucht. Ohne festen Schlafplatz. Ohne fixe Toilette. Ohne Geborgenheit. Von allen angestarrt und geächtet.

Je länger ich mir vorstelle, wie das wohl sein mag, obdachlos zu sein, umso mehr Respekt empfinde ich für diese Frau. Sie hat nie aufgegeben. Egal welche Brocken das Schicksal ihr in den Weg gelegt hat. Sie hat durchgehalten und sich zwei Dinge bewahrt: Ihre Würde und eine Tasche mit Habseeligkeiten.