Kategorien
Geschichten aus Basel

Nicht ganz hundert

Seit einer meiner Schreibweiterbildungen weiss ich, dass die Wahl des Titels einer Geschichte sehr wichtig ist. Wird der Leser bereits beim Titel neugierig auf den Artikel gemacht, wird er diesen lesen wollen. So kann der oben gewählte Titel leicht darauf schliessen, dass ich heute über Menschen schreibe, die nicht gerade mit ihrer hohen Intelligenz aus der grossen Masse herausstechen. Tatsächlich handelt die heutige Geschichte von einer pfiffigen Frau, die gerade eben ihren 96. Geburtstag feiern konnte; Frau Schneider.

Sie fiel mir auf, als sie am Claraplatz meinen Bus besteigen wollte. Ihre dünne, gebrochene Stimme war gut zu vernehmen. „Ist das der Bus, der zum Friedhof Hörnli fährt?“ Ein anderer Fahrgast bejate und Frau Schneider stieg ein. Ein kleines, zierliches Persönchen. Ellegant gekleidet und einen grossen schlapprigen Hut als Sonnenschutz auf dem Kopf. Im Bus kam sie zu mir nach Vorne und wollte vom Fahrer wissen, wohin er zu fahren gedenke. Tatsächlich wollte ich auch via Friedhof Hörnli fahren und ich bestätigte ihr nochmals dieses Ziel. Sie entschuldigte sich, dass sie nochmals nachgefragt habe, aber in ihrem Alter hat man keine Zeit mehr sich zu verfahren und sie wolle mir es ersparen, hier in meinem Bus das Zeitliche zu segnen, denn ich hätte ja heute sicherlich mal Feierabend. Ja, Frau Schneider hat mit ihren 96 Jahren mehr Humor als drei Schweizer Comedians zusammen. Ich fuhr los und Frau Schneider fort. Sie könne diese elektronischen Anzeigen an der Bushaltestelle, auf der angezeigt wird welcher Bus als nächstes eintrifft nicht gut lesen. Ihr Blutverdünner schlage ihr auf die Augen und die Leute glaubten, wenn sie mehrmals frage, sie sei nicht mehr ganz hundert. Kaum gesagt entfuhr ihr ein glucksender Lacher: „Die haben ja im Grunde auch Recht, ich bin ja auch nicht ganz 100!“

Ihr Mann sei es. Heute! „Heute hat er seinen 100. Geburtstag, aber er ist seit 20 Jahren tot. Ich spreche jeden Tag mit ihm und schimpfe auch mal. So lange rumliegen…“ Frau Schneider pflegt auch einen eher schwarzen Humor, denn sie gluckste wieder und amüsierte sich gleich selber an ihrem Witz. Seitdem lebe sie alleine im Haus und mache noch den ganzen Haushalt. Jeden Tag putzt sie die Küche und räumt auf. „Ich gehe immer erst aus dem Haus, wenn dieses tiptop ist. Mit 96 weiss man ja nie, ob man überhaupt wieder heim kommt!“ Frau Schneider ist nicht nur witzig, sondern total gut organisiert. Und sie ist auch gut zu Fuss, obschon sie sich etwas fragil bewegt. Jeden Tag lege sie 10’000 Schritte zurück. Das seien bei ihr natürlich nicht so viel Kilometer, wie wenn ich 10’000 Schritte absolvieren würde, aber im Gegensatz zu ihrem Mann würde sie sich immernoch bewegen. Ein Glucksen von Frau Schneider begleitete mich zur nächsten Haltestelle. Dank ihrer Apple-Watch am Handgelenk könne sie auch beweisen, dass sie diese 10’000 Schritte oft sogar noch überschreite. Irgendwann am Nachmittag käme sie dann wieder heim und läge sich ins Bett. „Aber dann schlafe ich gleich ein, so als ob ich einen anstrengenden Tag gehabt hätte!“ Sie hätte auch schon ihren Hausarzt darauf angesprochen, weshlab sie nach ihren Stadtausflügen todmüde ins Bett falle. Der habe lediglich erwidert, dass sie auch nicht mehr die Jüngste sei und das mit 96 völlig normal wäre. „Mein Arzt ist nun auch schon 80 und so wie er aussieht stirbt der noch vor mir…“ Frau Schneider tat, was eine Frohnatur – wie sie es scheint zu sein – nach pointierten Aussagen immer tat, sie gluckste ansteckend.

Mit jeder angefahrenen Haltestelle kam das Ziel von Frau Schneider immer näher. Auf der Fahrt zu ihrem Ausstiegspunkt fragte ich die sympatische Fasthundertjährige, was sie heute noch so alles vorhabe. Scherzhaft sagte sie ohne zu zögern, dass sie keine Zeit für ein Rendes-vous mit mir hättee und ich – so wie sie vorhin gesehen habe – einen Ehering trage und mit verheirateten Männer lasse sie sich prinzipiell nicht ein. Nun gluckste ich auch im Duett mit Frau Schneider. Während sie den Bus verliess sagte sie: „Wissen sie, ich treffe heute alle meine Freunde und Bekannte. Wenn man 96 Jahre alt ist, muss man auf den Friedhof, wenn man seinen Lieben nah sein will. Dein soziales Umfeld stirbt weg und am Schluss bist du allein.“ Mit einem kleinen Klos im Hals verabschiedete ich sie und sagte: „Sie haben heute ihren Bekanntenkreis um eine Person – um mich – vergrössert!“ Sie schaute mich an, überlegte kurz und sagte: „Da haben sie Recht. Ich verspreche ihnen, ich besuche sie dann auch auf dem Hörnli!“ Sie gluckste, die Bustüre schloss sich und die kleine Frau Schneider betrat den grössten Friedhof Basels.