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Geschichten aus Basel

Bratwurst nähen

Wenn ich heute lese, dass sich das Gesundheitswesen über einen Mitarbeitenden-Mangel beklagt, glaube ich, dass dies schon immer so war. Ich erinnere mich gut, dass ich vor einigen Jahren sogar dem behandelten Arzt auf der Notaufnahme beim Nähen helfen musste.

Es ist tatsächlich schon einige Jahre her – einige Jahrzehnte. Ich arbeitete damals im „Landi“ in Allschwil. Ein genialer Laden. Wir hatten irgendwie alles. Vom Rattengift bis zum Raclett-Ofen, von den Gummistiefeln bis zu Ammonsalpeter. Damit Sie es nicht tun müssen, ich habe damals als es noch kein GOOGLE gab schon „gegoogelt“. Das bedeutete einfach, dass man jemand fragte, der es wusste. „Was ist Ammonsalpeter?“ Selbstverständlich erhielt ich eine erklärende Antwort. Es sei ein Salz, welches sich aus Ammoniak und Salpeterseure bildet. Ammonsalpeter wird für die Herstellung von Düngemitteln oder für Sprengstoffe benötigt.

Ein lokal bekannter Bio-Bauer holte regelmässig davon bei uns ab. Vermutlich war er kein Terorrist und brauchte das Ammonsalpeter für seine Felder. Dass er diese Säcke als Bio-Bauer aber immer bei Dunkelheit und kurz vor Ladenschluss abholte, liess mich regelmässig an seinen guten Absichten zweifeln. Vielleicht könnte der Einsatz von „Chemie“ auf Bio-Feldern bereits als terroristischer Akt eingestuft werden. Egal. Es ist verjährt und wir sind noch nicht daran verstorben.

Es war ein Montag. Eine Lieferung traf in der „Landi“ ein. Heute wurden sehenssüchtig die neuen Schlauchtrommeln erwartet. Ein Hilfsmittel, welches an der Hausfassade montiert wird und mit dem man den Gartenschlauch platzsparend und ohne „Gnuusch“ aufrollen konnte. Schon viele Kunden fragten danach und endlich trafen die Objekte der Begierde ein. Klar, wollte ich keine Zeit verlieren und die ersten Trommeln, bereits ausgepackt der gierig wartenden Kundschaft präsentieren. Ich öffnete den ersten Karton und holte holte eine glänzende Alluminium-Schlauchtrommel aus ihrem Verliess. Ich hob sie hoch und fühlte mich beinahe so wie ein Fussballer, der nach gewonnenem Tournier den Pokal den Fans präsentierte. Niemand jubelte, denn die Trommel rutschte mir aus den Händen. Damals war ich noch jung und meine Reflexe auf Champignons-League-Niveau. Schnell grif ich nach der fallenden Trommel und verspürte einen brennenden Schmerz in der linken Hand. Nun fiel die Trommel trotzdem zu Boden und mein Blut dekorierte die Szenerie, wie ein Confisseur seine Süssigkeiten mit Erdbeerkonfit. Die Kundschaft war schockiert und mein Chef auch: „Salvi, was machst Du da wieder!“ Das „wieder“ deutete darauf hin, dass mir immer mal solche Missgeschicke passiert wären. Das stimmte aber nicht, so dass sein „wieder“ in dem Moment schmerzhafter war als meine Verletzung. Er hob die Schlauchtrommel hoch und liess sie auch wieder fallen. „Autsch“, stiess er aus und zeigte mir seinen kleinen Schnitt am Finger , der so klein war, dass ich ihn ohne Vergrösserungsglas nicht hätte sehen können. Dann zeigte ich ihm meine Verletzung. Mein Ringfinger war auf der ganzen Länge bis auf den Knochen aufgeschlitzt. Mein Chef holte den Verbandskasten und versuchte sich daran zu erinnern, wie man einen Druckverband anlegt. Sein letzter Samariter-Kurs feierte vermutlich einen zweistelligen runden Geburtstag und so beschloss ich, in die Notaufnahme zu fahren. Den Finger in ein paar Geschirrtücher aus dem Regal eingepackt stieg ich ins Tram. Für den Notarzt vor Ort war die Verletzung zu klein und für ein Taxi mein Budget.

Nach etwas über 40 Minuten traf ich im Notfall ein. Ich war nicht der Einzige, dem heute „wieder“ was passiert war. Der Warteraum war gross und er war voll. Da sass einer mit einem Verband am Kopf und jammerte, dort stand einer in krummer Haltung an der Wand und hielt sich seinen Rücken und eine Frau erbrach ständig in ihre Handtasche. Ich malte mir aus, dass ich nicht die erste Priorität hatte und ich zuerst die Frau mit der Handtasche behandeln würde – es war eine teure Markenhandtasche. Tatsächlich dauerte es über zwei Stunden, bis ich an der Reihe war.

Ein Junger Arzt – vermutlich noch nicht lange dem Studium entschlüpft – holte mich ab und begleitete mich in einen Behandlungsraum. Der Mülleimer in diesem Raum war voll mit blutigen Tüchern und Verbänden. Am Mülleimer, aber auch an den müden Augen des Arztes war erkennbar; es war schon einiges los heute. Er schaute sich meinen Finger an: „Nähen!“, war seine knappe Analyse und er holte ein Gefäss und füllte diese mit einer Flüssigkeit auf. „Setzen sie sich dort drüben hin und tauchen sie den Finger in diese Desinfektionslösung. Danach nähen wir dann.“ Wenn ein Arzt was sagt, dann gehorcht man ihm. So habe ich das gelernt und ich habe an diesem Tag niemanden enttäuscht. Ich sass also da, blickte an die weisse Wand und tauchte meinen Ringfinger in die Lösung. Der junge Arzt hatte den Raum verlassen und kam wenig später wieder zurück. Ich sah ihn nicht – ich blickte ja die Wand an – aber ich vernahm Geräusche, die nichts Gutes versprachen. Ein Mann stöhnte unter Schmerzen und ich war mir sicher, dass es nicht der Arzt war. Den Arzt konnte ich identifizieren, es war die Stimme, die nun leicht panisch sprach und sehr nervös klang: „Ohgott, dass muss ich sofort nähen!“ Dann später vernahm ich einen Aufruf: „Könnten Sie mir bitte helfen?“ Ich fühlte mich nicht angesprochen. Erstens war ich Patient und zweitens, was könnte ich einem Arzt schon helfen. Der hat zehn Jahre studiert ich habe zwei Jahre Lebensmittelverkäufer gelernt, wobei sollte ich helfen können. Erst als ich ihn sagen hörte: „Sie, mit dem Finger in der Lösung. Kommen sie mir bitte helfen!“ Er meinte mich, das war nun klar, denn im Raum war keine zweite Person auszumachen, die gerade ihren Finger in einer Desinfektionslösung tauchte. Ich drehte mich um und was ich sah, sollte sich in meinem Gedächtnis unter der Rubrik „Albträume“ ablegen. Da lag ein Mann auf dem Bett und sein Arm war geöffnet. Bei mir war der Finger bis auf den Knochen offen und bei ihm der ganze Arm. Und wie. Der Knochen lag frei und ein Gemisch aus Fleisch, Fettgewebe und Blut liess den Arm sureal wirken. Wie eine grosse Bratwurst, die zu lange auf dem Grill lag und aufplatzte. Der junge Arzt blickte wie ich etwas schockiert aus der Wäsche und gab mir eine Pinzette. „Ich muss das notdürftig nähen bevor eine OP gemacht werden kann. Der Faden wird aber zu lang sein. Sie müssen helfen!“ Wenn ein Arzt etwas sagt, dann mache ich das auch, obschon es mir damals lieber gewesen wäre, wenn ich als Nein-Sager auf die Welt gekommen wäre.

Er nahm eine Nadel und den Faden und durchstach die Haut, der „Bratwurst“, dann gab er mir die Nadel, die ich mit der Pinzette einklemmte. Nun musste ich bis ans andere Ende des Raums laufen, bis er Stopp rief. Danach musste ich zu ihm zurückkehren, er nahm die Nadel wieder an sich und stach durch die Hautschicht gegenüber des ersten Stichs. Er gab mir wieder die Nadel und ich musste auf die gegenüberliegende Raumseite laufen. Das pendelte sich dann irgendwann ein, bis seine Arm-Reichweite ausreichte um die letzten Stiche zu tätigen. Ich durfte mich wieder setzten und den Finger in die Lösung tauchen. Der Mann wurde aus dem Raum gerollt und der Arzt kam zurück. Er sagte, dass ich mich nun hinlegen sollte, was ich gerne tat. Er bedankte sich und erklärte: „Dem Mann vorhin ist bei Baumschneidetätigkeiten die Kettensäge beim Überkopfarbeiten aus der Hand gerutscht und hat seinen Arm aufgeschnitten. Sowas habe ich noch nie gesehen!“ Sagte der Arzt und dann wurde es dunkel.

Irgendwann kam ich wieder zu mir. Der Arzt stand über mir und fragte wie es mir gehe. „Sie sind ohnmächtig geworden. Aber das war optimal, so konnte ich auf eine Betäubung verzichten. Ihr Finger ist wieder wie neu!“ Praktisch dachte ich mir. Zuerst hatte er einen günstigen Hilfs-Näher und dann konnte er noch eine Betäubung sparen. Jaja. So ist das im Gesundheitswesen. Improvisieren und sparen. Ich war froh, als ich mich wieder auf den Heimweg machen konnte. Die Narbe schmerzte extrem, aber ich wäre nicht zurück gegangen. Wer weiss, wen ich da noch angetroffen hätte.

Noch heute meide ich Bratwürste vom Grill, denn wenn ich eine erblicke, die aufgeplatzt auf dem Rost liegt, sehe ich diesen Mann wieder mit seinem aufgeplatzten Arm vor mir liegen.