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Geschichten aus Basel

Danke Erich

Wer ausserhalb von Basel „Hörnli“ hört, dem läuft automatisch das Wasser im Mund zusammen und er verknüpft dieses Wort augenblicklich mit „Ghackts“ (für Nicht-Schweizer: Teigwaren mit gehacktem Rindfleisch – ein Nationalgericht in der Schweiz. Dazu wird Apfelmus gereicht. Hier zum Nachkochen). Nur so am Rande…

In Basel steht „Hörnli“ für den grössten Friedhof der Schweiz. Wäre es kein Ort der Toten, dann könnte es mit seinen über 30’000 Bäumen als Naherholungsgebiet, oder gar als kleiner Wald durchgehen. Ich habe mir sagen lassen, dass dieser Friedhof eine Fläche von 65 Fussballfelder habe. Das ist richtig gross. Wenn man annimmt, dass der durchschnittliche Schweizer in einer 90 Quadratmeter-Wohnung lebt, dann würde das „Hörnli“ 5’555 Wohnungen Platz bieten. Was wäre das für eine Verschwendung, liegen doch dort tatsächlich über 60’000 Menschen in ewiger Ruhe. Keine Panik. Ich schreibe keine Doktorarbeit über einen Friedhof, aber ich denke es ist von Vorteil, wenn Nicht-Ortskundige eine Vorstellung der schieren Grösse dieser Ruhestätte bekommen. Nur so werden alle die folgende Geschichte nachvollziehen können, die mir – ich war damals keine 20 Jahre alt – so erlebt habe.

Es war ein trüber Mittwoch-Nachmittag. Das perfekte Wetter für eine Bestattung. Damals waren Beerdigungen oft am Mittwoch-Nachmittag. Keine Ahnung warum. Vielleicht glaubte man, die Wochenmitte sei der perfekte Moment, jemanden zu Grabe zu tragen. So würde er den Rest der Woche frei haben. keine Ahnung. Ein entfernter Bekannter war gestorben. Er hatte sich quasi nun für immer entfernt und ich dachte, es wäre anständig wenn ich ihm die letzte Ehre erweise. Ich kannte ihn – nennen wir ihn mal Erich – nicht sehr gut und ich traf ihn vielleicht zwei oder drei Mal die Woche beim Einkaufen. Ich sass an der Ladenkasse und er war Stammkunde. Als mir jemand erzählte, dass der Erich nicht mehr unter uns weile, verspürte ich die Pflicht, an seiner Beerdigung anwesend zu sein.

Mein Chef gab mir einen freien Nachmittag und einen Blumenstrauss mit Karte in die Hand. Das ganze Verkaufsteam hatte auf der Karte unterschrieben, denn alle kannten den älteren Herrn am Stock und der dicken Brille ja auch. Nun, da ich als ofizielle Dellegation von Erich’s Stamm-Laden an dessen Bestattung teilnehmen würde, musste ich mich natürlich auch dementsprechend kleiden. Ausser Hawai-Hemden und Jeans besass ich damals nichts, was mir angemessen schien. Ich besorgte mir also einen schwarzen Anzug und eine Sonnenbrille, denn sowas trägt man auf Beerdigungen.

Von dort wo ich damals wohnte, bis zum „Hörnli“ war es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln eine kleine Reise. Zuerst etwas zu Fuss, dann eine längere Fahrt mit dem Tram, dann lange warten auf den Bus, danach einige Haltestellen und ich stand vor dem grossen Eingang des Friedhofs. Ich war noch nie auf diesem Friedhof und kannte dessen Dimensionen nicht. Sie haben da nun einen Vorsprung, aber ich stand vor diesem grossen Eingangsportal wie der „Englishman in New York“ und wusste nich so recht, wo ich genau hin musste. Ich durchquerte das Portal und betrat die „Welt der Toten“. Eine kleine Gruppe von Menschen in schwarzen Hosen, Kleidern und Jackets gingen einige Meter vor mir. Erich’s Beerdigung begann in wenigen Minuten und in der Ferne sah ich eine grössere Gruppe Menschen. Vor dem Kappelleneingang stand eine zerbrechliche Dame betagteren Alters. Sie nahm ruhig und besonnen die vielen Hände und die gutgemeinten Kondelationsgrüsse entgegen. Das musste Erich’s Frau sein. Entschlossen schloss ich mich der Schlange an und schüttelte schon bald der graubehaarten Frau die Hand. „Es tut mir leid, viel Kraft und alles Gute“, stammelte ich und streckte ihr den Blumenstrauss und die Karte entgegen. Eine jüngere Frau nahm mir alles ab – vermutlich die Enkelin der Greisin. „Sie kannten meinen Opa?“, fragte sie mich und ich bestätigte: „Ja, er war bei uns im Laden Stammgast.“ Sie schaute mich erstaunt an. „Da hatten sie aber eine lange Anreise!“. Ich nickte, denn Allschwil war wirklich nicht gerade um die Ecke.

Da ich Erich kannte und ihn ja oft sah, wollte die junge Frau, dass ich möglichst weit vorne in der Kapelle Platz nehme. Eine Ehre, denn ich sass nicht weit von der Verwittweten und anderen Familienangehörigen. Eine Organistin begann, die Abdankung mit einem traurigen Stück. Das traurigste daran war, dass sie es offenbar zu wenig geübt hatte und ständig falsche Töne traf. Nach dem Stück war es unmöglich zu erahnen, wer von den Gästen wegen Erich oder der Organistin Tränen vergoss. Der Pfarrer war ähnlich schlecht vorbereitet. Zuerst sprach er nur vom „Verstorbenen“, oder vom „Opa, Vater und Ehemann“. Als er Erich dann beim Namen nannte, nannte er ihn „Ernst“. Ich sah zur Wittwe rüber und sie vergrub ihr Gesicht in ein Taschentuch, das auch schon mal trockener gewesen war. Kein Wunder. Da stirbt dein Mann und der Pfarrer weiss nicht mal wie er hiess. Danach verlass er Erich’s Lebenslauf. Erich erzählte mir mal, dass er früher auf einem Bauernhof als Knecht gearbeitet hatte und dass dies für ihn die schönste Zeit seines Lebens war. Kein Wort davon war zu hören. Dieser Pfarrer war tatsächlich eine Katastrophe. Dann schwafelte er noch weiter wirres Zeug, dass Erich bis zuletzt gerne mit seiner Frau tanzen ging. WIE BITTE? MIT EINEM STOCK UND EINER BEINPROTESE? Langsam begann ich innerlich zu kochen. Hätte ich damals die Zivilcourage von heute gehabt, ich wäre aufgestanden und hätte lauthals interveniert. Die Wittwe tat mir leid. Sie war tapfer und liess alles über sich ergehen. Nur ab und zu waren ihre Schluchzer zu hören. Kein Wunder. Traurig, so ein Pfarrer. Kaum war die Lesung vorbei, setzte sich die Organistin wieder hinter ihr Instrument, das sie vermutlich gestern zu spielen begonnen hatte. Sie inornierte Erich’s Lieblingslied „La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu.“ Zu diesem Mann der dort oben wohnen soll, hätte ich mir diese Frau hingewünscht, aber augenblicklich. Schon beim „La-Le-Lu“ vegriff sie sich. Kein Wunder, wer das „Do-Re-Mi“ nicht beherrscht, kann auch das „Le-Le-Lu“ nicht können. Nun kamen mir auch die Tränen. Erich tat mir leid. So eine Abdankung hatte er nicht verdient. Es war eine Wohltat, als die Orgel verstummte und ich wünschte mir, die Organistin würde neben Erich begraben. Der Pfarrer sprach noch einen Segen und kündigte an, dass am Ausgang noch ein Klingelbeutel darauf wartete, von uns allen gefüllt zu werden. Das gesammelte Geld würde dem Katzenheim gespendet, das sei Erich’s Wunsch gewesen. QUATSCH! Er hasste Katzen, aber er mochte – das erzählte er auch immer – Kühe. Ungeheuerlich dieser Pfarrer…egal. Ich entnahm meiner Geldbörse eine 20-er Note. Zufällig hatte ich noch einen Post-it Zettel und einen Stift dabei. Ich klebte den Zettel auf die Note und schrieb drauf: „Diese 20.- bekommt eine Kuh – du Ochse!“ Das war ich Erich schuldig! Nun ging es mir schon wieder besser.

Auch Erich’s Wittwe war nun entspannter. Sie stand bereits draussen und sprach noch mit ein paar Gästen. Sie trat auf mich zu und schüttelte mir die Hand. „Schön, dass sie gekommen sind. Wir gehen noch drüben ins Restaurant. Es gibt einen Imbiss. Kommen sie auch?“ Imbiss war damals sowas wie ein Schlüsselwort. So wie in alten Mafia-Filmen, wenn dunkel gekleidete Typen in dunkeln Gassen vor dunkeln Türen stehen und sich ein kleines Sichtfenster öffnet. Nachdem einer das Losungswort gesagt hat, geht die Türe auf und alle treten ein. „Imbiss“ öffnete bei mir die Tür zum Magen. Ich verspürte sogleich einen grossen Appetit und ich dachte, Erich hätte mich auch dabei haben wollen. Im Restaurant angekommen bemerkte ich, dass nur die engsten Familienangehörigen da waren. Ich war wohl der Einzige, der mit dem verstorbenen nicht verwandt war. Ich bekam den Platz neben der jungen Frau, die vor der Kapelle schon die Blumen und die Karte entgegen nahm. „Wie fanden sie die Beerdigung?“ Da ich den „Imbiss“ noch nicht serviert bekommen hatte blieb ich möglichst diplomatisch, denn ich wollte nicht riskieren, dass meine Ehrlichkeit mich vielleicht wieder vor die Restaurant-Türe brachte. Also sagte ich: „Wie eben Beerdigungen sind, definitiv.“ Definitiv das beste an diesem Nachmittag war der Imbiss. Es gab Nachschlag. Erich hätte es sicher auch gewollt, dass ich mehrere Nachschläge bekäme. Ich habe ihn nicht enttäuscht. Die Stimmung wurde von Glas zu Glas lockerer und irgendwann sassen wir an dieser grossen Tafel und lachten. Ich hatte mich auch bereits daran gewöhnt, dass Erich offenbar in der Familie von allen „Ernst“ genannt wurde. Meine Nichten nennen mich statt Renato auch Ugato, vielleicht war das bei Erich’s Familie auch so was Familieninternes.

An diesem Nachmittag wurde mir bewusst, dass ich Erich – obschon er viele Jahre Stammgast im Laden war – nicht wirklich gekannt hatte. Ich erfuhr, dass er mal studiert hatte und als Chemikant gearbeitet habe. Seine Zeit als Knecht wurde von niemandem angesprochen. Vielleicht waren sie nicht gerade stolz darauf. Oder er führte ein Doppelleben. Mir gegenüber erwähnte er seine Frau und seine Enkelin auch nie. Vielleicht wollte er sich mir gegenüber auch nicht zu sehr offenbaren, hatten wir doch eine rein profesionelle Beziehung.

Draussen wurde es bereits dunkel und aus dem trüben Nachmittag wurde ein trüber Abend. Ich begleitete Erich’s Enkelin noch zur Tramhaltestelle. „Wo arbeitest du eigentlich?“, fragte sie mich. „Im COOP. Filiale Ziegelei in Allschwil. Dort wo Dein Opa immer einkaufen ging.“ Sie blieb stehen und schaute mich lange an. Solche Blicke kannte ich aus Kino-Knallern wie „Casablanca“ oder wie die so heissen. In diesem Moment hätte alles geschehen können. Sie hätte mich küssen können, sie hätte so stehenbleiben können, sie hätte weinen können. Was tat sie? Sie begann ungläubig zu grinsen. „Mein Opa ging in Allschwil einkaufen?“ Ich nickte und erklärte ihr, dass er sicherlich dreimal die Woche im Laden stand. „Dreimal die Woche?“ nun klang ihre Stimme noch ungläubiger und ihr Lächerln verschwand. „Das ist unmöglich!“ Wieder erklärte ich, dass dies sehr wohl möglich sei, denn ich könne es ja bezeugen. „Opa Ernst wohnte schon seit Jahren in London.“ Selbstsicher gab ich zurück: „Opa Ernst vieleicht schon, das mag sein, aber dein Opa Erich nicht. Der wohnte in Allschwil!“ Nun waren ihr Lächeln und auch ihre Geduld verschwunden. Ohne dass ich sie noch vom Gegenteil hätte überzeugen können sagte sie: „Ich habe nur einen Opa. Der hiess Ernst. Er hatte sich von meiner Oma vor Jahren scheiden lassen und ist nun heute auf seinen Wunsch hin auf dem Hörnli begraben worden. Vielleicht warst du an der falschen Beerdigung?“ Sie sagte es, drehte sich um und bestieg das Tram. Nun stand ich da, so wie sie vorhin. Ausgestopft und vollgestopft mit dem Imbiss, der mir nun etwas unangenehm schwer lag. FALSCHE BEERDIGUNG? GEHTS NOCH? BIN ICH BLÖD, ODER WAS?

Am anderen Tag ging ich wie immer zur Arbeit. Ich war einer der ersten. Der erste war immer mein Chef. Er kam auf mich zu: „Salvi, wo warst du gestern Nachmittag?“ Schon wieder blickte mich jemand so eigenartig an, nun war es aber mein Chef. Der Film hätte kaum „Casablanca“ heissen können, eher „Terminator“ oder so. „Ich war auf Erich’s Beerdigung“, gab ich zurück. „Ich auch!“, sagte mein Chef und fügte an. „Ich habe dich von weitem noch gesehen, du bist aus einer anderen Kapelle raus gekommen und mit einer Gruppe ins Restaurant auf der gegenüberliegenden Strassenseite eingekehrt. Erichs Beerdigung war in der Kapelle 1. Du warst in der Kappelle 6!“

Das „Hörnli“ ist gross. Es hat dort 30’000 Bäume und 60’000 Gräber. UND MEHRERE KAPELLEN. Das wusste ich damals nicht. Das weiss ich heute und ich habe das nur einem zu verdanken: Danke Erich!