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Geschichten aus Basel

Rückenwind von Vorne

Als leidenschaftliche Camper, die wir sind, wollen meine Allerliebste und ich so viel wie möglich sehen. Wir waren schon an vielen Orten und unzähligen Regionen. Bisher hatten wir es aber nie nach Norddeutschland geschafft. Also musste das mal sein und wir planten einen Besuch in St. Peter Ordin. Diese Ortschaft schien bei vielen Menschen sehr beliebt und es hiess, dass das Klima, die Landschaft direkt an der Ostsee, die Fahradwege auf den Dünen und eigentlich irgendwie alles dort äusserst sehenswert wäre.

Die ganze Welt scheint mal in St. Peter Ording gewesen zu sein. Die ganze Welt? Nein. Meine Allerliebste und ich noch nicht, was sich aber nun ändern sollte. Es war Hochsommer und wir fuhren los Richtung Nordfriesland. Nach etlichen Stunden auf der Autobahn und noch etlicheren Stunden im Stau, erreichten wir den Ort, an dem sich die Welt trifft. Die Ortschaft bot das, was man von ihr erwartet. Kleine schmucke Häusschen, Ostseecharme, Fischbrötchen an jeder Ecke und viel Wasser und Dünen.

Meine Allerliebste konnte es kaum erwarten, sich auf ihr E-Bike zu schwingen. Sie war derart gierig nach einer Velotour, man hätte glauben können in den nächsten 20 Minuten würde St. Peter Ording abgebaut und wo anders hin verlegt. Ich schwang mich in die Radlerhose und auf den Sattel. Ich freute mich auch sehr auf eine kleine Tour, denn hier waren keine Berge oder Hügel zu erwarten, was die Rundfahrt für mich etwas angenehmer gestalten sollte. Meine Allerliebste mit dem E-Bike hatte nähmlich bereits vergessen, dass Bodenunebenheiten beim Velofahren ohne Motor, so etwas wie Kraft voraussetzte. Es würde eine herrliche, angenehme und schweisslose Ausfahrt für mich geben, so als ob ich auch elektromotorisiert wie meine Allerliebste unterwegs wäre. So schnell wie der Wind durch St. Peter Ording brausen. Denkste!

Neben reichlich Wasser haben die da noch was reichlicheres: Wind. Der kommt dort irgendwie von allen Seiten gleichzeitig. Nur von Hinten, da kommt er nie! Die Fahrt war eine regelrechte Velo-Tortour für mich. Meine Allerliebste konnte gemütlich ein paar Gänge höher schalten und mehr Akkuladung freisetzen. Meine Oberschenkelakkus waren nach der ersten Düne bereits leer. Obschon keinerlei Höhenmeter zu bewältigen waren und das Höchste, was man hier überwinden konnte die Gehsteigkante war, fiel ich nach ein paar Minuten fast vom Rad. Im kleinsten Gang fühlte sich das Fahren an, als ob ich mich in der schlimmsten Tour de France Bergetappe befinde. Im Winter! Obwohl Hochsommer, war es gerade mal knapp 10 Grad. Nun fahren Sie mal in einem Tornado, bei Schneesturm und solchen Temperaturen Fahrrad. Während andere – zum Beispiel meine Allerliebste – sich an der Natur ergötzen, kotzen sich andere – zum Beispiel der Mann meiner Allerliebsten – so richtig aus. Irgend wann brach ich ab, bevor ich zusammen brach. Es war beschähmend, ausgepumpt neben meinem Fahrrad zu stehen, während 90-jährige auf ihren E-Bikes an mir vorbei rollten und dabei noch über Atemluft verfügten, um zusammen sprechen zu können.

Ich beschloss zurück zum Wohnmobil zu laufen. Keine zehn Fischbrötchen hätten mich wieder auf diesen Sattel gebracht. Ich schleppte mich mit letzter Kraft unter die Dusche und sank danach völlig erschöpft ins Bett. Noch ein kurzer Blick auf das Wetter-App. Petrus hatte für die nächsten 7 Tage in St. Peter Ording was ganz besonderes geplant: Dauerregen, starke Winde und angenehme 4 Grad!

Meiner Allerliebsten blieb meine Reaktion darauf nicht verborgen. Sie verschand kurz aus dem Wohnmobil, um ein paar Minuten später wieder zu erscheinen. In einem, für sie typischen Befehlston, wie ich ihn nur aus schlimmsten Rekrutenschulezeiten kenne, sagte sie: „Aufstehen, anziehen, zusammenpacken. In 15 Minuten müssen wir den Platz verlassen!“ Was? Hat man uns vom Campingplatz verwiesen? Waren wir nicht St. Peter Ording würdig? Wir packten unsere Sachen und fuhren los. Meine Allerliebste tippte auf dem Navigationsgerät rum und die andere Frau, die mir ständig Befehle erteilt – die aus dem Navi – lotste mich zur Autobahn.

17 Stunden später lagen wir im Sand. Es war 30 Grad und das, was da durch das südfranzösische Dörfchen zog war eine kleine Brise. Sowas Wind zu nennen, wäre in etwa so falsch gewesen, wie meiner Allerliebsten nicht zu georchen. So wurden aus den Sommerferien, wirklich Sommerferien und ich hoffte, während ich mir den ersten Sonnenbrand holte, dass in St. Peter Ording niemand an den E-Bikes festfrohr.

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Geschichten aus Basel

Monte „Trödelö“

Als Basler liebt man den Rhein. Man sieh sich nie satt an ihm und will in seiner Nähe sein. Dazu gehört bei mir auch, dass ich Städte, die am Rhein liegen einfach grundsätzlich mag. Das trifft auch auf Köln zu.

Sollten Sie noch nie in Köln gewesen sein, dann planen sie das bitte mal ein. Die Fahrt mit dem Zug oder mit dem Auto dauert zwischen sechs bis acht Stunden, je nach dem um welche Tageszeit man die Reise antritt.

Meine Allerliebste und ich planten vor einigen Jahren mit dem Wohnmobil Köln zu entdecken. Auf dem Campingplatz der Stadt Köln richteten wir uns häuslich ein und da wir immer mit den Fahrrädern verreisen, sassen wir schon kurz danach auf den Sätteln. In einem TV-Beitrag über Köln radelten diese zum „Monte Trödelö“. Die Fernsehbilder zeigten eine bewaldete Gegend mit genialen Velowegen. Kurz: traumhaft!

Klar, wollen wir diesen „Monte Trödelö“ auch live erleben und pedalten los. Auf keinen Velokarten oder Handy-Apps war ein soler „Monte“ erwähnt. Da wir Reiseberichte im TV immer genau anschauen und uns dazu noch Notizen machen, kramte meine Allerliebste diese hervor. Darin war eine ungefähre Richtung angegeben, wo sich dieses „Bergmassiv“ befinden sollte. Wir richteten das Navigantionsgerät ein und weiter gings auf Expeditions-Tour. Wir waren wirklich sehr neugierig, welcher Berg uns da erwarten wird, denn das Umland um Köln war doch eher flach. Man sah von Weitem Hochhäuser und Kamine, aber nirgens eine grössere Bodenerhebung, die den Namen „Monte“ verdient hätte.

Wir fuhren mehrere Stunden durch die Stadt, um die Stadt und zurück. Irgendwann entschlossen wir uns, Einheimische zu fragen, denn die würden sicherlich wissen wo ihr Hausberg zu finden ist. Komischerweise trafen wir nur auf Leute, die entweder noch nicht lange in Köln wohnten oder nur zu Besuch hier waren und beim Namen „Monte Trödelö“ genauso blöd aus der Wäsche schauten wie wir, wenn wir diesen Namen aussprachen. Wir fuhren und fuhren. Die Oberschenkel brannten und das Gesäss verbreitete ein ähnliches Gefühl.

Die Stimmung meiner Allerliebsten war gerade an dem Punkt angelangt, an dem Wasser sich verfestigt, als wir ein älteres Ehepaar trafen. Sie sassen auf einer Bank und irgendwie sahen sie kölsch aus. Wir beschlossen, noch ein allerletztes Mal nach dem Weg zu fragen und stiegen von den Fahrrädern.

Es war ein nettes Ehepaar, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Frage aller Fragen stellte: „Wo bitte gehts zum Monte Trödelö?“ Die beiden Ur-Kölner blickten sich an und begannen zu kichern. Wir standen da und kicherten nicht. Genau genommen war uns eher zum Heulen zu Mute, aber wir zogen unsere Mundwinkel hoch und hatten eben die Hoffnung verloren, diesen Kölner Berg jemals zu finden. Vielleicht waren wir schlicht zu blöd oder konnten unser Navigationsgerät nicht bedienen. Wir waren bedient und warteten nicht auf die Antwort des Ehepaares und bestiegen wieder die Sättel.

„Den Monte Trödelö, den gibts!“, sagte die ältere Frau. Ihr Mann ergänzte in einem urtypischen Kölner Dialekt: „Dat is aber wat Kölsches!“ Es stellte sich später heraus, dass wir sehr wohl den „Monte Trödelö“ gefunden hatten. Wir durchfuhren ihn sogar, ohne es zu wissen, denn ein Teil des Naherholungsgebietes der Stadt Köln entstand durch eine grosse Müllaufschüttung. Auf diesem Müllberg wuchs im Laufe der Jahrzehnte ein kleiner Wald und weil das Gebiet ein paar Meter höher liegt als die Stadt, nennen es einige Kölner „Monte Trödelö!“

Eigentlich hätten wir es wissen müssen. Die Kölner leben ja auch an diesem Rhein, wie wir Basler, oder die Düsseldorfer. Sogenannten An-Rheinern sagt man ja nach, dass sie ein lustiges Völkchen wären. Scherzkeckse, diese Kölner. Nun warte ich schon seit längerem auf Deutsche Touristen in Badesachen, die mich fragen: „Sie sagen Sie mal, wo lang gehts zu diesem Eglisee…?“