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Geschichten aus Basel

Das glaubt mir keiner

Es war einmal… Ich weiss, so beginnen Märchen und wie wir alle wissen, sind Märchen unwahre Geschichten, die nur eines wollen: Moralische Erziehung. Dennoch war einmal ein junger Mann – nennen wir ihn Renato – im Schweizer Militär. OK. Kein Märchen, sondern anstrengende Realität. Und wo bleibt die Moral? Weiterlesen! Ich wurde währen 17 Wochen Militärdienst zur „Offiziers-Ordonnanz“ ausgebildet. Ich wusste davor nicht, was das genau bedeutet, aber „Offizier“ im Namen meiner Tätigkeit, klang ja schon mal nicht unwichtig. Dass das „Ordonnanz“ hinter dem „Offizier“ so viel wie „Laufbursche“, „Lückenfüller“, „Putzgehilfe“ und „Mädchen für alles“ bedeutete, durfte ich danach selbst erleben. Das was ich hier niederschreibe glaubt mir, wenn ich es erzähle, kaum jemand. Es ist kein Märchen, sondern hat sich so zugetragen. Roveredo. Irgendwann Mitte der 80-er Jahre. Eine kleine Gemeinde im Kanton Tessin. Eine Gebirgsgrenadine-Truppe war dort für drei Wochen stationiert. Meine Aufgabe war es, den Offizieren zur Verfügung zu stehen. Mein Zug traf pünktlich ein und ich meldete mich noch pünktlicher im Hotel der Offiziere. Ein kleines, schnuckliges Häuschen mit Gästezimmern und Restaurant. Total gemütlich. Da war ich mir noch sicher, dass ich als Ordonnanz in der Nähe meiner Offiziere leben musste, da ich diesen ja zu dienen hatte. Denkste! Der Kommandant empfing mich und versuchte erst gar nicht mir ein Gefühl von „das werden tolle drei Wochen“ zu geben. Er schnauzte mich an. „Melden sie sich erst mal anständig an!“, schrie er und ich erwiderte, „Aber gerne. Wo ist die Hotel-Reception?“ Er verstand, das wurde mir danach schnell klar, keinen Humor. Also stand ich stramm und tat, was ihm so wichtig war. Danach folgte ein knappes „Folgen sie mir, Soldat!“ und er eilte aus dem Hotel. Er schwang sich auf ein Militärvelo und befahl, neben ihm herzurennen. OK. Mit einer übervollen Militärtasche (damals gabs noch keine Rucksäcke oder gar Rollkoffer) und einem noch volleren Seesack (ich war drei Wochen durchgehend, ohne Wochenendurlaub gebucht), war Rennen etwas, was nicht mehr so einfach zu bewerkstelligen war. Da ich damals locker und vor dem Frühstück 140 Kilogramm wog, waren die zwei Kilometer zu meiner Unterkunft bereits ein erster Vorgeschmack darauf, was in den nächsten 21 Tagen auf mich zukommen würde. Der Kommandant (sein Name wollte ich mir nie merken, er sprach einen Freiburger-Dialekt) stand bereits neben seinem Fahrrad vor meiner Unterkunft und schrie: „So machen Sie mal, sie Memme!“ Ich tropfte. Es war Schweiss. Nicht allein der sportlichen Tätigkeit wegen schwitzte ich. Ich kochte innerlich und meine Schweissperlen sprangen aus meiner Stirn wie überkochendes Wasser aus der Pfanne. „Hier wohnen sie die drei Wochen!“ Er zeigte auf einen Rohbau hinter ihm. ROHBAU. Das heisst, das Haus steht hat aber weder Fenster noch Türen. Die Löcher dafür schon, aber eben: LÖCHER. Eine kleine Treppe (freistehend, wie in einem Rohbau eben) führte in den ersten Stock. Da stand ein altes Spitalbett und daneben eine Toi-Toi-Toilette, wie man sie auf Baustellen so antrifft. „Wir haben es ihnen gemütlich gemacht!“ Sein hämisches Grinsen wäre unnötig gewesen, denn die Bezeichnung „gemütlich“ betreffend auf das was ich da vorfand, hätte genügt. Er ging und schrie mir zu: „Richten sie sich in Ruhe ein und in 10 Minuten melden sie sich im Hotel bei mir.!“ Die gemütlichen 10 Minuten verbrachte ich auf der Toi-Toi-Toilette und übergab mich mehrmals. Natürlich waren die 10 Minuten bereits verstrichen, als ich mich beim Kommandanten meldete: „Herr Kommandant, Soldat Salvi!“ So wollte er es und so bot ich es ihm. Ich war schon damals ein Dienstleister. Er erklärte mir – wieder viel zu laut und viel zu aggressiv – was er in den nächsten Tagen von mir verlangte. Ich soll immer da sein. Rund um die Uhr erreichbar. Ich solle ihm und seinen Offizieren als Kellner, Zimmerdame, Putzfrau und Assistent immer zur Verfügung stehen. Ich stand da. Ich hörte mir das alles an und wünschte mir die Toi-Toi-Toilette zur Seite. Es war bereits später Nachmittag und das Abendessen sollte demnächst starten. Ich erhielt vom Kommandanten einen weissen Kittel, wie ihn Kellner in Spitzenrestaurants tragen und eine Instruktion, wie er sich das so vorstellte. „Soldat, sie stehen 3 Meter von unserem Tisch entfernt in Ruhestellung. Wenn ich mit der Glocke klingle, dann will ich was von ihnen. Sie kommen an den Tisch, melden sich an und fragen, was ich wünsche. Dann machen sie das! Verstanden?“ Ich sagte „Jawohl“ meinte aber „Wo ist die Toi-Toi-Toilettchen?!“ Das Abendessen begann. Tatsächlich klingelte „Adolf“ (so nannte ich ihn in Gedanken) ständig. Wenn er nochmals einen Schluck Wein wollte, etwas Wasser oder eine neue, unverschmutzte Serviette. Ständig klingelte er. Ständig meldete ich mich an: „Kommandant. Soldat Salvi!“ Ständig wollte er was von mir. Auch wenn die Flasche vor ihm stand und er sie lediglich ergreifen musste. Er klingelte nach mir und ich musste ihn bedienen. Hätte es damals schon Schrittzähler gegeben, ich hätte pro Mahlzeit sicherlich über 30’000 Schritte zurück. Fünf Schritte an den Tisch, fünf wieder zurück auf meinen Platz. Leider gab es damals auch noch kein Internet. Ich hätte sicherlich nach „Mord ohne Spuren“ gegoogelt. Als ich das Dessert servierte, wollte „der Diktator“ noch eine Zigarre. Er klingelte. Noch heute habe ich diesen Klang im Ohr. Ich nahm seine Bestehlung, die eher ein Befehl war, entgegen und ging zum Hotelbesitzer. Dieser sprach nur italienisch und ich natürlich nur deutsch. Irgendwie machte er mir aber klar, dass er keine Zigarren führte. Schnell ging ich zum Kommandanten zurück, denn Schnelligkeit war ihm ja wichtig. „Kommandant, Soldat Salvi, leider verfügt das Domizil über keinerlei Tabak-Ressourcen!“ Bisher dachte ich, er sprach immer schon laut und war dem Schreien immer sehr nahe. Nun musste ich aber erleben, was Schreien bei ihm wirklich war. Sogar die anderen Offiziere am Tisch zuckten zusammen, als sei gerade eine Bombe hoch gegangen. Er schrie mich an. Ich fasse hier den Inhalt in Kürze zusammen. Waschlappen – Befehl – Ungehorsam – Gefängnis – und dann noch was in der Richtung: Ein echter Soldat erfüllt seine Befehle, koste es was es wolle. Ich hätte jeden Lotto-Sechser verschenkt, für eine Toi-Toi-Toilette. Sein Gesicht war blutrot, ob der Anstrengung dieses 10-Minuten-Wutausbruchs. In diesem Moment versuchte ich mir vorzustellen, welche Frau einen solchen Mann heiraten würde. Da er keinen Ring trug war ich mir sicher, dass seine Frau aus Plastik war und man diese aufblasen konnte. Trotzdem war mir klar, dass ich nun handeln musste. Nicht als Soldat. Nicht als Befehlsempfänger. Ich wollte handeln wie ein Kleiderverkäufer handelt, der dem Kunden beistimmt, dass dieser Anzug perfekt passe, weil der Kunde signalisiert, dass er WILL, dass der Anzug passt. Der Hotelbesitzer fuchtelte erneut mit den Händen, als ich nach was Rauchbarem fragte. Aus seinen Gesten und seinen wenigen Worten auf deutsch und englisch entnahm ich, dass sich am Ende des Dorfes ein Tabakladen befand. Da es schon nach 24 Uhr war, wäre dieser aber sicherlich „chiuso“ – geschlossen. So viel italienisch verstand ich schon. Dennoch eilte ich durchs Dorf. Tatsächlich sah ich diesen Laden. Natürlich war alles dunkel. Der Hotelier fuchtelte mir aber noch zu, dass der Besitzer im ersten Stock wohne. Ich klingelte also und nach einigen Minuten und vielen Klinglern später ging oben das Licht an und ein männlicher Kopf ragte aus dem Fenster. Seinen Ton, seine Lautstärke war ich ja nun vom Kommandanten gewohnt, weshalb ich ihn etwas Fluchen liess. Dann kam mein „Auftritt“. Ich erzählte was von einem militärischen Notfall „emergenza militare“ und dass das Überleben Roveredos auf dem Spiel stünde, wenn ich nicht sogleich eine Zigarre kaufen könne! Der Tabakladenbesitzer verschwand am Fenster, um wenige Minuten später an der Ladentüre zu erscheinen. Er öffnete mir im Nachthemd und streckte mir eine edle Holzschachtel hin. „trecente franchi“, sagte er und ich begriff, nach mehrmaligen Nachfragen, dass diese edle Zigarre was ganz Besonderes sei und deswegen 300.- Franken koste, was anderes hätte er nicht da. OK. Wenn er schon aus dem Schlaf gerissen würde, wollte er auch etwas dafür haben. Ich gab ihm alles Geld was ich hatte – das hätte für drei Wochen reichen sollen -und eilte zurück ins Hotel. Dort angekommen, führte der Kommandant wieder grosse Reden und „seine“ Offiziere schliefen am Tisch beinahe schon ein. Er duldete es nicht, wenn jemand vor ihm zu Bett ging. Ich meldete mich wieder wie gewünscht an: „Kommandant, Soldat Salvi. Aufragt erfüllt!“ Ich legte ihm vorsichtig und mit meinen vorgeschriebenen weissen Handschuhen, die Holzschatulle auf den Tisch. Er öffnete diese und war begeistert: „Sehen sie, geht doch!“ Er nahm die Zigarre raus und zog sie genüsslich unter seinen Nasenlöchern durch. Ich griff in die Tasche und legte ihm die Quittung, die ich vom Tabakladenbesitzer verlangt hatte, neben die Schatulle. Dabei sagte ich noch: „Und wie sie befohlen: Koste es was es wolle!“ Er blickte kurz auf den Betrag auf der Quittung und zuckte zusammen. Stärker als vorhin seine Offiziere bei seinem Wutausbruch. Diesmal aber blieb er still. Was für eine Wohltat. Behutsam legte er die Zigarre zurück in die Kiste und sagte: „Es ist spät. Gehen wir schlafen!“ Als er zum Frühstück auftauchte, legte er einen Umschlag auf den Tisch, der mit „Soldat Salvi“ beschriftet war. Ich nahm ihn an mich und blickte rein. Darin lagen drei 100.- Noten. Es wurden dann doch noch auszuhaltende drei Wochen. Der Kommandant verlangte nichts mehr von mir, die Tischklingel setzte sogar etwas Staub an und die Bauarbeiten in meiner Unterkunft gingen voran, so dass ich die letzten Tage statt Löcher sogar Fenster und Türen hatte. Und wie versprochen, hier die Moral dieser Geschichte. MACHT KEIN MILITÄR!
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Geschichten aus Basel

Kein Klassen-Clown

In der Primarschule war ich unauffällig – ich versuchte es zumindest. Ein Klassen-Clown war ich nie, auch wenn man mir das heute nicht glauben will. Ich wog damals soviel wie vier Schulkinder zusammen und hatte einen gewissen Wiedererkennungswert. Verstecken konnte ich mich so natürlich unmöglich. Unser Lehrer war ehemaliger Turner – Sport war ihm wichtig – und auch im Militär war er irgendetwas wichtiges. Militär und Sport. Eine hochexplosive Mischung, die den Unterricht mit Disziplin und Sport „verseuchte“. Wir hatten unglaublich harte Turnstunden und lernten einen militärischen Gehorsam. Meinen Militärdienst, viele Jahre später, empfand ich deswegen als total locker, entspannt und sowas von unangestrengt, dass mich einige der Militärkollegen noch bis heute hassen. Aber zurück zu unserem Primarlehrer.

Kam er am morgen ins Schulzimmer, mussten wir neben unsere Pulte stehen, unisono „Guten Morgen Herr X“ brüllen (ich nenne hier seinen Namen mit Absicht nicht – Datenschutz) und sogleich ein sauberes, gebügeltes und ordentlich zusammengefaltetes Stoff-Taschentuch vorzeigen. Wer den Morgengruss nicht aus den Tiefen seiner Bronchien, an den Stimmbändern vorbei ins aerosolgeschwängerte Schulzimmer brüllte, hatte vermutlich etwas zu verbergen, oder kein sauberes Taschentuch dabei. Er ging durch die Reihen und prüfte unsere Taschentücher auf Reinheit, Sauberkeit und Bügelfalten. Wagte es jemand, mit einem benutzten Tuch in die Schule zu kommen, wurde er dazu verdonnert in der Pause nach Hause zu rennen, um ein frisches Tuch zu besorgen. Ich hatte vorgesorgt. In jedem Hosensack wartete ein perfektes Taschentuch auf seinen Einsatz. Hätte ich aus Versehen mal eines benutzt, so waren noch drei Frische verfügbar. Ich musste nie nach Hause rennen. Es galt, jegliche Bewegung zu unterbinden und das Verpassen der grossen Pause wäre fatal gewesen. Kein „Schoggi-Drink“ und kein „Schwööbli“. Der dritte Weltkrieg hätte mir damals weniger Angst bereitet als keine Pause zu haben. Das morgendliche Antrittsverlesen konnte ich so gelassen angehen. Bei seinem prüfenden Gang durch die Klasse, umkreisten seine Adleraugen unsere Taschentücher wie ein Milan in luftiger Höhe die Mäuse auf dem Feld. Er besass gute Augen, aber auch eine empfindliche Nase. Hatte jemand die Morgendusche übersehen, wie eine unmotivierte Verkäuferin im Kleiderladen die hilfesuchende Kundschaft, dann musste der-oder diejenige sich auf etwas gefasst machen. Solche „Schmutzfinke“ packte er grob am Kragen und zerrte sie nach vorne ans Waschbecken. Dort rieb er die Gesichter mit Wasser und Seife ein, gefolgt von einem gutgemeinten Rat: „Hygiene ist wichtig!“ (auch ohne Pandemie wusste er dies damals schon). Danach spülte er, den nun teilsauberen den ganzen Kopf mit kaltem Wasser kräftig ab und schickte sie wieder auf deren Platz zurück. Dort tropften diese dann das ganze Pult voll. Tränen und Kaltwasser. Nicht selten benutzten sie dann ihr sauberes Taschentuch um die Wasserlachen zu beseitigen. Folgte erst dann die Tuch-Kontrolle, wusste man, wer in der grossen Pause fehlte.

Er hatte eine klare Linie, unser Lehrer. Er hatte Prinzipien und die Mittel, diese durchzusetzen. Er hatte damals auch noch etwas wichtiges hinter sich: die Allgemeinheit und unsere Eltern. Allgemein galt es damals nicht als „Gewalt“, wenn man als erwachsene Respektsperson und Aufsichtsberechtigter einem Kind, oder einem Schüler einen Klaps auf den Po oder eine Ohrfeige verpasste. Das war damals eine „Erziehungsmassnahme“ oder eine „Kommunikationsform“. Darum war es auch aussichtslos, sich zu Hause über den Lehrer zu beschweren. Wenn ich erzählte, dass er mir beim Rechnen seinen Schlüsselbund mit Wucht an den Hinterkopf geschleudert hatte, dann sagten meine Eltern lediglich: „Er wird wohl seine Gründe gehabt haben!“ Mit dem Recht auf seiner Seite konnte er den Unterricht so gestalten wie er wollte und wäre in der heutigen Zeit vermutlich Gefängnisaufseher auf Guantanamo.

Als ehemaliger Turner war ihm Sport sehr wichtig. Bei mir war das total anders. Sport war Folter. Vor allem das, was er unter Sport verstand. Ringe, Barren, Sprossenwand. Das klingt bei mir heute noch wie: Schmerzen, Platzwunden und Muskelriss. Nie machten wir Ballspiele. Immer mussten wir irgendwelche Parcours überwinden. Mit Vorliebe baute er riesige Hindernisse auf, die wir dann bezwingen mussten. Vom Trampolin an die Ringe, da ein paar Schwünge mit Abgang, danach über eine Sprossenwand, dann über einen hohen Bock, dazwischen noch etwas Schwebebalken oder Reck und am Schluss immer noch das: unter einer Sitzbank durch robben. Obschon auch die Übungen davor für mich sowas waren, wie das Erklimmen des Mount Everest in Baströckchen und Flip-Flops, war das Unterqueren der Sitzbank die Horror-Übung. Mit meinem Bauch passte ich nie unter dieser Bank durch. Obwohl er dies wusste, war immer diese Bank das letzte Hindernis. Bevor der „Ninja Warrior Parcour“ begann, mussten wir zwei Gruppen bilden. Diese Gruppen würden nachher gegeneinander antreten und den Parcour absolvieren müssen. Die Gruppe die gewann, würde etwas geschenkt bekommen. Super! Klar wollte mich nie jemand in seiner Gruppe, war ich doch der Garant dafür, sicherlich nichts zu gewinnen. Doch bevor das Trauerspiel begann, machte unser Lehrer diesen Parcour einmal vor. Damit wollte er uns zwei Dinge zeigen. Erstens, wie wir die Hindernisse zu überwinden hatten und zweitens: DASS ER ES KANN. UND WIE! Er trug immer eines seiner ehemaligen Turner-Outfits, diese eng anliegenden Turner-Overalls in rot mit dem Schweizer-Kreuz und den weissen Turn-Schläppchen. Er sah aus, als stünde er in der Schlussrunde der Olympischen-Spiele vor der Entscheidung zur Goldmedaille und so legte er sich auch ins Zeug. Er schwang sich grazil und mit Wucht an die Ringe, übersprang Hindernisse als wären sie gar nicht da und zum Schluss unterquerte er diese höllische Sitzbank, in dem er einfach unter ihr durchschlitterte. Es sah alles so leicht aus bei ihm. Dann waren wir an der Reihe. Einige in meiner Klasse eiferten unserem Lehrer nach und nicht mal schlecht. Dann war ich an der Reihe. Klar ist man nicht unbedingt motiviert, wenn man schon zu Beginn einer „Prüfung“ weiss, dass man bereits beim Schuhebinden an seine Grenzen kommt. Irgendwann steckte ich – wie immer – unter dieser Bank fest. Unter dem üblichen Gelächter der Klasse mussten mich vier Mitschüler befreien. Zwei standen auf der Bank und zwei zerrten mich unter ihr hervor. Diese Bilder prägten sich bei mir ein. Das alles ist in meinem Kopf noch heute so präsent, dass wenn ich „Sport“ höre ich mich automatisch unter dieser Bank eingeklemmt sehe. Turnunterricht bei meinem Lehrer war damals eine, von allen Seiten geduldete Demütigung. Sicherlich meinte er es total gut. Er war ja auch ein extrem angenehmer Typ. Er war streng, aber auch zugleich auch lieb. Sicherlich verstand er seine Art als Motivation und Erziehungshilfe. Und tatsächlich motivierte mich diese Sitzbank im Turnunterricht, in anderen Fächern nicht stecken zu bleiben.

Einmal sagte er, wir sollen ein Gedicht auswendig lernen. Es war Montag und am Mittwoch soll jeder eines vortragen. Das war meine Chance. Auch wenn ich im Turnen an jeder Hürde scheiterte, gab es „Disziplinen“ wo Scheitern keine Option für mich war. Ich würde es allen zeigen. All jenen, die immer so hämisch grinsten und lachten, wenn ich unter dieser Bank steckte. Nun würde ich der sein, der alle anderen auslachte. Dann war Mittwoch. Meine Mitschülerinnen und Mitschüler trugen ihre ausgesuchten Gedichte vor. Mal ein Achtzeiler dann vielleicht mal ein Vierzeiler und oft sogar nur ein Zweizeiler. Lächerlich! Dann sagte mein Lehrer: „Renato, jetzt bis du dran!“ Das sagte er auch immer so, wenn ich den Parcour beginnen musste. Das gab mir noch mehr Selbstvertrauen. Ich erhebte mich vom Pult und ging nach vorne zur Wandtafel. In einem Hollywood-Film würde diese Szene in Zeitlupe gezeigt und mit einer heldenhaften Hymne unterlegt werden. Da stand ich nun und legte los. In den letzten zwei Tagen hatte ich stundenlang auswendig gelernt. Das war auch nötig, denn das von mir vorgetragene Gedich von Erich Kästner (unten angefügt) bestand aus 14 Vierzeilern. Da stand der Dicke nun und rezitierte. Die anderen in der Klasse trugen lächerliche Kleinstreime vor. Dabei machten sie sogar noch Fehler, oder wussten nicht mehr weiter. Ich hingegen trug das lange Kästner-Gedicht vor, als wäre es nichts. Ohne Fehler. Ohne Spickzettel und ohne STECKEN ZU BLEIBEN.

Oft denke ich an meinen Lehrer zurück. Er lebt noch immer. Hochbetagt und immer noch topfit. Das verdank er sicherlich seiner Turnervergangenheit und dass er sich das ganze Leben mit der „Jugend“ beschäftigte. Und ich verdanke ihm meinen, schon fast selbstzerstörerischen Willen, jedes Hindernis in meinem Leben zu überqueren oder unten durch zu flutschen. Das Gedicht von Erich Kästner – Die Sache mit den Klössen – kann ich nicht mehr auswendig… MOMENT…morgen kann ich es wieder!

Zum Mitmachen und Lernen:

DIE SACHE MIT DEN KLÖSSEN von Erich Kästner

Der Peter war ein Renommist.
Ihr wißt vielleicht nicht, was das ist.
Ein Renommist, das ist ein Mann,
der viel verspricht und wenig kann.

Wer fragte: „Wie weit springst du, Peter?“
bekam zur Antwort: „Sieben Meter.“
In Wirklichkeit – Kurt hat´s gesehn –
sprang Peter bloß drei Meter zehn.

So war es immer: Peter log,
daß sich der stärkste Balken bog.
Und was das Schlimmste daran war:
Er glaubte seine Lügen gar!

Als man einmal vom Essen sprach,
da dachte Peter lange nach.
Dann sagte er mit stiller Größe:
„Ich esse manchmal dreißig Klöße.“

Die anderen Kinder lachten sehr,
doch Peter sprach: „Wenn nicht noch mehr!“
„Nun gut,“ rief Kurt, „wir wollen wetten!“
(Wenn sie das bloß gelassen hätten.)

Der Preis bestand, besprachen sie,
in einer Taschenbatterie.
Die Köchin von Kurts Eltern kochte
die Klöße, wenn sie´s auch nicht mochte.

Kurts Eltern waren ausgegangen.
So wurde endlich angefangen,
Vom ersten bis zum fünften Kloß,
da war noch nichts Besondres los.

Die anderen Kinder saßen stumm
um Peter und die Klöße rum.
Beim siebenten und achten Stück
bemerkte Kurt: „Er wird schon dick.“

Beim zehnten Kloß ward Peter weiß
und dachte: Kurt erhält den Preis.
Ihm war ganz schlecht, doch tat er heiter
und aß, als ob´s ihm schmeckte, weiter.

Er schob die Klöße in den Mund
und wurde langsam kugelrund.
Der Anzug wurde langsam knapp.
Die Knöpfe sprangen alle ab.

Die Augen quollen aus dem Kopf.
Doch griff er tapfer in den Topf.
Nach fünfzehn Klößen endlich sank
er stöhnend von der Küchenbank.

Die Köchin Hildegard erschrak,
als er so still am Boden lag.
Dann fing er gräßlich an zu husten,
daß sie den Doktor holen mußten.

„Um Gottes willen“, rief er aus,
„der Junge muß ins Krankenhaus.“
Vier Klöße steckten noch im Schlund.
Das war natürlich ungesund.

Mit Schmerzen und für teueres Geld
ward Peter wiederhergestellt.
Das Renommieren hat zu Zeiten
auch seine großen Schattenseiten.

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Geschichten aus Basel

Danke Erich

Wer ausserhalb von Basel „Hörnli“ hört, dem läuft automatisch das Wasser im Mund zusammen und er verknüpft dieses Wort augenblicklich mit „Ghackts“ (für Nicht-Schweizer: Teigwaren mit gehacktem Rindfleisch – ein Nationalgericht in der Schweiz. Dazu wird Apfelmus gereicht. Hier zum Nachkochen). Nur so am Rande…

In Basel steht „Hörnli“ für den grössten Friedhof der Schweiz. Wäre es kein Ort der Toten, dann könnte es mit seinen über 30’000 Bäumen als Naherholungsgebiet, oder gar als kleiner Wald durchgehen. Ich habe mir sagen lassen, dass dieser Friedhof eine Fläche von 65 Fussballfelder habe. Das ist richtig gross. Wenn man annimmt, dass der durchschnittliche Schweizer in einer 90 Quadratmeter-Wohnung lebt, dann würde das „Hörnli“ 5’555 Wohnungen Platz bieten. Was wäre das für eine Verschwendung, liegen doch dort tatsächlich über 60’000 Menschen in ewiger Ruhe. Keine Panik. Ich schreibe keine Doktorarbeit über einen Friedhof, aber ich denke es ist von Vorteil, wenn Nicht-Ortskundige eine Vorstellung der schieren Grösse dieser Ruhestätte bekommen. Nur so werden alle die folgende Geschichte nachvollziehen können, die mir – ich war damals keine 20 Jahre alt – so erlebt habe.

Es war ein trüber Mittwoch-Nachmittag. Das perfekte Wetter für eine Bestattung. Damals waren Beerdigungen oft am Mittwoch-Nachmittag. Keine Ahnung warum. Vielleicht glaubte man, die Wochenmitte sei der perfekte Moment, jemanden zu Grabe zu tragen. So würde er den Rest der Woche frei haben. keine Ahnung. Ein entfernter Bekannter war gestorben. Er hatte sich quasi nun für immer entfernt und ich dachte, es wäre anständig wenn ich ihm die letzte Ehre erweise. Ich kannte ihn – nennen wir ihn mal Erich – nicht sehr gut und ich traf ihn vielleicht zwei oder drei Mal die Woche beim Einkaufen. Ich sass an der Ladenkasse und er war Stammkunde. Als mir jemand erzählte, dass der Erich nicht mehr unter uns weile, verspürte ich die Pflicht, an seiner Beerdigung anwesend zu sein.

Mein Chef gab mir einen freien Nachmittag und einen Blumenstrauss mit Karte in die Hand. Das ganze Verkaufsteam hatte auf der Karte unterschrieben, denn alle kannten den älteren Herrn am Stock und der dicken Brille ja auch. Nun, da ich als ofizielle Dellegation von Erich’s Stamm-Laden an dessen Bestattung teilnehmen würde, musste ich mich natürlich auch dementsprechend kleiden. Ausser Hawai-Hemden und Jeans besass ich damals nichts, was mir angemessen schien. Ich besorgte mir also einen schwarzen Anzug und eine Sonnenbrille, denn sowas trägt man auf Beerdigungen.

Von dort wo ich damals wohnte, bis zum „Hörnli“ war es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln eine kleine Reise. Zuerst etwas zu Fuss, dann eine längere Fahrt mit dem Tram, dann lange warten auf den Bus, danach einige Haltestellen und ich stand vor dem grossen Eingang des Friedhofs. Ich war noch nie auf diesem Friedhof und kannte dessen Dimensionen nicht. Sie haben da nun einen Vorsprung, aber ich stand vor diesem grossen Eingangsportal wie der „Englishman in New York“ und wusste nich so recht, wo ich genau hin musste. Ich durchquerte das Portal und betrat die „Welt der Toten“. Eine kleine Gruppe von Menschen in schwarzen Hosen, Kleidern und Jackets gingen einige Meter vor mir. Erich’s Beerdigung begann in wenigen Minuten und in der Ferne sah ich eine grössere Gruppe Menschen. Vor dem Kappelleneingang stand eine zerbrechliche Dame betagteren Alters. Sie nahm ruhig und besonnen die vielen Hände und die gutgemeinten Kondelationsgrüsse entgegen. Das musste Erich’s Frau sein. Entschlossen schloss ich mich der Schlange an und schüttelte schon bald der graubehaarten Frau die Hand. „Es tut mir leid, viel Kraft und alles Gute“, stammelte ich und streckte ihr den Blumenstrauss und die Karte entgegen. Eine jüngere Frau nahm mir alles ab – vermutlich die Enkelin der Greisin. „Sie kannten meinen Opa?“, fragte sie mich und ich bestätigte: „Ja, er war bei uns im Laden Stammgast.“ Sie schaute mich erstaunt an. „Da hatten sie aber eine lange Anreise!“. Ich nickte, denn Allschwil war wirklich nicht gerade um die Ecke.

Da ich Erich kannte und ihn ja oft sah, wollte die junge Frau, dass ich möglichst weit vorne in der Kapelle Platz nehme. Eine Ehre, denn ich sass nicht weit von der Verwittweten und anderen Familienangehörigen. Eine Organistin begann, die Abdankung mit einem traurigen Stück. Das traurigste daran war, dass sie es offenbar zu wenig geübt hatte und ständig falsche Töne traf. Nach dem Stück war es unmöglich zu erahnen, wer von den Gästen wegen Erich oder der Organistin Tränen vergoss. Der Pfarrer war ähnlich schlecht vorbereitet. Zuerst sprach er nur vom „Verstorbenen“, oder vom „Opa, Vater und Ehemann“. Als er Erich dann beim Namen nannte, nannte er ihn „Ernst“. Ich sah zur Wittwe rüber und sie vergrub ihr Gesicht in ein Taschentuch, das auch schon mal trockener gewesen war. Kein Wunder. Da stirbt dein Mann und der Pfarrer weiss nicht mal wie er hiess. Danach verlass er Erich’s Lebenslauf. Erich erzählte mir mal, dass er früher auf einem Bauernhof als Knecht gearbeitet hatte und dass dies für ihn die schönste Zeit seines Lebens war. Kein Wort davon war zu hören. Dieser Pfarrer war tatsächlich eine Katastrophe. Dann schwafelte er noch weiter wirres Zeug, dass Erich bis zuletzt gerne mit seiner Frau tanzen ging. WIE BITTE? MIT EINEM STOCK UND EINER BEINPROTESE? Langsam begann ich innerlich zu kochen. Hätte ich damals die Zivilcourage von heute gehabt, ich wäre aufgestanden und hätte lauthals interveniert. Die Wittwe tat mir leid. Sie war tapfer und liess alles über sich ergehen. Nur ab und zu waren ihre Schluchzer zu hören. Kein Wunder. Traurig, so ein Pfarrer. Kaum war die Lesung vorbei, setzte sich die Organistin wieder hinter ihr Instrument, das sie vermutlich gestern zu spielen begonnen hatte. Sie inornierte Erich’s Lieblingslied „La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu.“ Zu diesem Mann der dort oben wohnen soll, hätte ich mir diese Frau hingewünscht, aber augenblicklich. Schon beim „La-Le-Lu“ vegriff sie sich. Kein Wunder, wer das „Do-Re-Mi“ nicht beherrscht, kann auch das „Le-Le-Lu“ nicht können. Nun kamen mir auch die Tränen. Erich tat mir leid. So eine Abdankung hatte er nicht verdient. Es war eine Wohltat, als die Orgel verstummte und ich wünschte mir, die Organistin würde neben Erich begraben. Der Pfarrer sprach noch einen Segen und kündigte an, dass am Ausgang noch ein Klingelbeutel darauf wartete, von uns allen gefüllt zu werden. Das gesammelte Geld würde dem Katzenheim gespendet, das sei Erich’s Wunsch gewesen. QUATSCH! Er hasste Katzen, aber er mochte – das erzählte er auch immer – Kühe. Ungeheuerlich dieser Pfarrer…egal. Ich entnahm meiner Geldbörse eine 20-er Note. Zufällig hatte ich noch einen Post-it Zettel und einen Stift dabei. Ich klebte den Zettel auf die Note und schrieb drauf: „Diese 20.- bekommt eine Kuh – du Ochse!“ Das war ich Erich schuldig! Nun ging es mir schon wieder besser.

Auch Erich’s Wittwe war nun entspannter. Sie stand bereits draussen und sprach noch mit ein paar Gästen. Sie trat auf mich zu und schüttelte mir die Hand. „Schön, dass sie gekommen sind. Wir gehen noch drüben ins Restaurant. Es gibt einen Imbiss. Kommen sie auch?“ Imbiss war damals sowas wie ein Schlüsselwort. So wie in alten Mafia-Filmen, wenn dunkel gekleidete Typen in dunkeln Gassen vor dunkeln Türen stehen und sich ein kleines Sichtfenster öffnet. Nachdem einer das Losungswort gesagt hat, geht die Türe auf und alle treten ein. „Imbiss“ öffnete bei mir die Tür zum Magen. Ich verspürte sogleich einen grossen Appetit und ich dachte, Erich hätte mich auch dabei haben wollen. Im Restaurant angekommen bemerkte ich, dass nur die engsten Familienangehörigen da waren. Ich war wohl der Einzige, der mit dem verstorbenen nicht verwandt war. Ich bekam den Platz neben der jungen Frau, die vor der Kapelle schon die Blumen und die Karte entgegen nahm. „Wie fanden sie die Beerdigung?“ Da ich den „Imbiss“ noch nicht serviert bekommen hatte blieb ich möglichst diplomatisch, denn ich wollte nicht riskieren, dass meine Ehrlichkeit mich vielleicht wieder vor die Restaurant-Türe brachte. Also sagte ich: „Wie eben Beerdigungen sind, definitiv.“ Definitiv das beste an diesem Nachmittag war der Imbiss. Es gab Nachschlag. Erich hätte es sicher auch gewollt, dass ich mehrere Nachschläge bekäme. Ich habe ihn nicht enttäuscht. Die Stimmung wurde von Glas zu Glas lockerer und irgendwann sassen wir an dieser grossen Tafel und lachten. Ich hatte mich auch bereits daran gewöhnt, dass Erich offenbar in der Familie von allen „Ernst“ genannt wurde. Meine Nichten nennen mich statt Renato auch Ugato, vielleicht war das bei Erich’s Familie auch so was Familieninternes.

An diesem Nachmittag wurde mir bewusst, dass ich Erich – obschon er viele Jahre Stammgast im Laden war – nicht wirklich gekannt hatte. Ich erfuhr, dass er mal studiert hatte und als Chemikant gearbeitet habe. Seine Zeit als Knecht wurde von niemandem angesprochen. Vielleicht waren sie nicht gerade stolz darauf. Oder er führte ein Doppelleben. Mir gegenüber erwähnte er seine Frau und seine Enkelin auch nie. Vielleicht wollte er sich mir gegenüber auch nicht zu sehr offenbaren, hatten wir doch eine rein profesionelle Beziehung.

Draussen wurde es bereits dunkel und aus dem trüben Nachmittag wurde ein trüber Abend. Ich begleitete Erich’s Enkelin noch zur Tramhaltestelle. „Wo arbeitest du eigentlich?“, fragte sie mich. „Im COOP. Filiale Ziegelei in Allschwil. Dort wo Dein Opa immer einkaufen ging.“ Sie blieb stehen und schaute mich lange an. Solche Blicke kannte ich aus Kino-Knallern wie „Casablanca“ oder wie die so heissen. In diesem Moment hätte alles geschehen können. Sie hätte mich küssen können, sie hätte so stehenbleiben können, sie hätte weinen können. Was tat sie? Sie begann ungläubig zu grinsen. „Mein Opa ging in Allschwil einkaufen?“ Ich nickte und erklärte ihr, dass er sicherlich dreimal die Woche im Laden stand. „Dreimal die Woche?“ nun klang ihre Stimme noch ungläubiger und ihr Lächerln verschwand. „Das ist unmöglich!“ Wieder erklärte ich, dass dies sehr wohl möglich sei, denn ich könne es ja bezeugen. „Opa Ernst wohnte schon seit Jahren in London.“ Selbstsicher gab ich zurück: „Opa Ernst vieleicht schon, das mag sein, aber dein Opa Erich nicht. Der wohnte in Allschwil!“ Nun waren ihr Lächeln und auch ihre Geduld verschwunden. Ohne dass ich sie noch vom Gegenteil hätte überzeugen können sagte sie: „Ich habe nur einen Opa. Der hiess Ernst. Er hatte sich von meiner Oma vor Jahren scheiden lassen und ist nun heute auf seinen Wunsch hin auf dem Hörnli begraben worden. Vielleicht warst du an der falschen Beerdigung?“ Sie sagte es, drehte sich um und bestieg das Tram. Nun stand ich da, so wie sie vorhin. Ausgestopft und vollgestopft mit dem Imbiss, der mir nun etwas unangenehm schwer lag. FALSCHE BEERDIGUNG? GEHTS NOCH? BIN ICH BLÖD, ODER WAS?

Am anderen Tag ging ich wie immer zur Arbeit. Ich war einer der ersten. Der erste war immer mein Chef. Er kam auf mich zu: „Salvi, wo warst du gestern Nachmittag?“ Schon wieder blickte mich jemand so eigenartig an, nun war es aber mein Chef. Der Film hätte kaum „Casablanca“ heissen können, eher „Terminator“ oder so. „Ich war auf Erich’s Beerdigung“, gab ich zurück. „Ich auch!“, sagte mein Chef und fügte an. „Ich habe dich von weitem noch gesehen, du bist aus einer anderen Kapelle raus gekommen und mit einer Gruppe ins Restaurant auf der gegenüberliegenden Strassenseite eingekehrt. Erichs Beerdigung war in der Kapelle 1. Du warst in der Kappelle 6!“

Das „Hörnli“ ist gross. Es hat dort 30’000 Bäume und 60’000 Gräber. UND MEHRERE KAPELLEN. Das wusste ich damals nicht. Das weiss ich heute und ich habe das nur einem zu verdanken: Danke Erich!

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Geschichten aus Basel

Überschreckt

Als ich vor vielen Jahren meinen ersten Nothelferkurs absolvierte gehörte eine Dia-Show zum Kurs. Man musste sich Bilder von realen Unfällen anschauen. Die Kursleiter begannen die „Show“ mit den Worten: „Das kann geschehen, wenn man nicht aufpasst“. Was dann folgte, waren schreckliche Szenen, die wie Screenshots aus billigen Horrorfilmen wirkten. Aber sie waren echt. Die aufgeschlitzten Leiber, die offenen Wadenbrüche und die gespalteten Schädel führten dazu, dass ich heute bei allem was ich tue EXTREM aufpasse. Gelegentlich werde ich als übervorsichtig wahrgenommen. OK, das bin ich irgendwie auch, denn wenn ich eine Leiter hochsteige sehe ich vor meinem geistigen Auge die offenen Beinbrüche und ausgekugelten Schultern aus der Nothelferkurs-Dia-Show. Fleischwunden, Quetschungen, Beinbrüche oder andere schmerzhafte Erfahrungen möchte ich mir ersparen. Bis heute mit Erfolg. Vielleicht verdanke ich das alles dieser abschreckenden Dia-Show, die mich mehrere Tage fasten lies.

Abschreckung galt lange Zeit als Instrument, Leute zu erziehen. Man zeigte uns Dinge, die wir nicht selbst erleben wollten, um uns vor Handlungen fern zu halten, die genau diese Dinge auf den Horror-Bildern zur Konsequenz haben konnten. Heute versucht man das noch immer, mit mässigem Erfolg. Man zeigt uns im Fernsehen und in allen anderen Medien Menschen, die auf Intensivstationen ihren atemlosen Kampf mit CORONA austragen. Abschreckend. Aber tatsächlich nicht für alle. Immer noch gibt es Menschen, die lieber sterbenskrank an der Lungenmaschine enden, als sich in eine Schlange zu stellen, an deren Ende ein Weisskittel einem eine Spritze in den Oberarm rammt.

Ich traf vor ein paar Tagen beim Spaziergang mit meinen „Möpsen“ (kleine Hunde…) auf einen Bekannten. Klar fiel das Thema auf CORONA. Klar sprachen wir irgendwann über die Impfung. Klar gab ich zu, geimpft und darüber froh zu sein. Oha. Dann ging’s los. Ob ich wahnsinnig wäre, ob mir bewusst sei, dass ich als Versuchskanninchen hergehalten hätte. Scherzhaft gab ich zurück, dass er sich doch darüber freuen solle, denn wenn er sich dann irgendwann impfen lässt, wäre diese ausgetestet und noch sicherer. Unterdessen würde ich viel erleben und mein Leben geniessen, während er, als Ungeimpfter, zu Hause eingesperrt würde, weil er an keinen Anlässen teilnehmen dürfe und vielleicht irgendwann nicht einmal mehr in ein Restaurant könne oder zum Einkaufen. Das war ein langer Satz. Als Reaktion darauf erhielt ich ein langes Gesicht meines Gegenübers und er konterte meinen langen Satz mit einem noch längeren. Eines muss man diesen Überzeugungs-Ungeimpften lassen. Sie verfügen über mehr Argumente gegen das Impfen als über Verstand. Irgendwann wurde es mir schlicht zu blöd und ich fragte: „Gurtest Du Dich an beim Autofahren?“ „Klar!“ gab er zurück und für einen kurzen Moment waren wir uns einig. Aber nur bis ich ausführte, dass es Fälle gab, bei denen Autofahrer im Fahrzeug ums Leben kamen WEIL sie angegurtet waren. Mit seiner Sichtweise müsse er doch nun auch finden, dass diese Gurten noch nicht ausgereift sind und er sich fortan nicht mehr angurten dürfe, bis diese absolute Sicherheit garantierten.

„Das kann man doch überhaupt nicht vergleichen“, gab er zurück und ich fügte bei „da hast Du recht, dieser Vergleich hinkt, so wie Deiner mit der Impfung.“ Beide Vergleiche gehen am Stock und müssen sich gegenseitig stützen, damit sie nicht umfallen und für immer liegen bleiben.

Nun wurde es ihm zu bunt und er verabschiedete sich hastig. Ich blieb mit meinen „Möpsen“ (immer noch zwei kleine Hunde…) zurück und versuchte zu begreifen, warum intelligente Menschen so vehement dagegen sind einzusehen, dass sie auch nur Menschen sind und alles, was andere erleben und durchmachen, auch erleben und durchmachen könnten.

Vermutlich liegt es daran, dass sie in den Nothelferkursen diese Horror-Verletzungen nicht mehr zeigen. Vielleicht lieg es auch daran, dass wir Menschen dank Internet, YouTube und allen anderen Plattformen schlicht überschockt sind. Filme und Bilder von Köpfungen, Autounfällen, Gemetzel und anderen Gräueltaten, die man im Internet findet haben uns alle abgestumpft. Das alles sind Dinge, die in diesem Kasten mit Bildschirm geschehen. Das betrifft uns doch nicht! Das ist reales Hollywood und nichts, was uns passieren könnte.

Ich ging weiter und traf auf meine Allerliebste. Sie hatte ihr Fahrrad dabei mit dem Hundeanhänger. Wie mit ihr abgemacht holte sie die Hunde ab, weil sie mit ihnen ins Grüne fahren wollte. „Pass auf, beim Abbiegen, da könnte der Anhänger am Strassenrand anschlagen und umkippen…“ Meine Allerliebste unterbrach mich mit ihrem allerliebsten Lächeln. Sie kennt mich schon lange und weiss von meiner Übervorsicht. Sie verstaute die beiden Hunde im Anhänger und fuhr los. In Gedanken drückte ich den drei die Daumen, dass unterwegs nichts Schlimmes geschehen würde deren Bilder es in die Nothelferkurs-Dia-Show schaffen würden. Ich wollte schliesslich meine „Möpse“ (diesmal zwei Hunde und zwei andere schöne Sachen…) am Abend wieder wohlbehalten in die Arme schliessen können.

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Geschichten aus Basel

In Unterhosen in der Stadt

Diese Geschichte hat sich tatsächlich so ereignet. Sie ist weder dramaturgisch aufgemotzt, noch wurden ihr Effekte beigefügt, welche die Lesenden unterhalten sollen.

Wir schreiben das Jahr 2015. Meine Allerliebste und ich sind frisch in die Innenstadt von Basel gezogen. Die ersten Nächte verliefen so, wie wir uns das vorstellten. Ruhig. Angenehm. Entspannt. Dann kam das erste Wochenende am neuen Wohnort! Seither wissen wir, dass nicht nur New York nie schläft, sondern auch Basel Nachts oft aufschreckt. Vor allem die, die dort wohnen.

In dieser Nacht zogen schon einige Gruppen an unserem Schlafzimmerfenster vorbei, die entweder unter Schwerhörigkeit litten, oder der Meinung waren, ihre Gesprächspartner hätten dieses Problem. Nach ein paar Jahren in der Innenstadt wissen wir nun aber, dass dies die Standart-Kommunikationsform einer Party-Gruppe ist, die zwischen 01.00 Uhr und 05.00 Uhr durch die Stadt zieht.

Irgendwann – es muss so gegen 03.00 Uhr gewesen sein- hörten wir eine Frau um Hilfe schreien. Pflichbewusst und voller Tatendrang eilte ich ans Fenster und blickte hinunter, dort wo die Schreie herkamen. Ich sah zwei Männer und eine Frau in einem Handgemänge. Um keine Zeit zu verlieren schlüpfte ich in den Schlüpfer und gab meiner Allerliebten die Anweisung sofort die Polizei zu allarmieren. „Da unten geschieht was böses, das werde ich verhindern.“ Ich griff beim Hinausgehen nach einem Schirm, nicht damit ich mehr als die Unterhose trug, sondern als „Waffe“. Sollte einer der beiden Männer die Konfrontation suchen, ich wäre bereit gewesen! Schnell stand ich vor der Türe und schrie: „Lasst sie los!“. Augenblicklich blickten mich sechs erstaunte Augen an. Dabei bemerkte ich, dass die Frau kicherte und die beiden Männer alles andere als Agressiv waren. Ihr Hilfe-Schrei war lediglich ein dummer Scherz, den ich alles andere als scherzhaft empfand. Das Trio sah mich an, lachte herzhaft und machte sich aus dem Staub.

Kaum waren die Nachruhestörer verschwunden und ich wieder auf dem Weg zur Haustüre, rollte die Polizei mit drei Patrullien und Blaulich an. Etwa sechs Personen umzingelten mich, die Hand bereits am Pistolenhalfter verharrend und einer schrie mich an – lauter als ich vorhin das Trio – „Waffe weg!“. Ich lies den Schirm fallen und hob die Hände. Es dauerte zehn Minuten, bis ich plausibel erklären konnte, dass ich derjenige sei, der zur Hilfe eilen wollte. Dank meiner Allerliebsten, die unterdessen aus dem Fenster blickte und meine Geschichte bestätigte, entspannte sich die Lage schnell. Die Polizisten stiegen wieder in ihre Fahrzeuge und fuhren weiter. Das letzte Auto blieb auf meiner Höhe stehen und das Fenster öffnete sich. Der Beamte sagte in einem väterlichen Ton zu mir: „Gut, dass sie helfen wollten, aber ziehen sie sich das nächste mal was an. So in Unterhosen bekommt man ja Angst vor ihnen…!“

Seither schlafen wir mit geschlossenen Fenstern. So bekommen wir nicht mit, was für Dramen – oder eben Nichtdramen – sich da draussen in der Nacht abspielen und keiner muss sich seither vor mir in Unterhosen fürchten.

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Hö?

Basel ist beliebt. Vor allem die Basler lieben ihre Stadt. Wenn man fragt, was Basel denn für sie so unwiederstehlich macht, wird meist der Rhein, der Humor, die Fasnacht und die offene Art der Baslerinnen und Basler genannt. OK. Der Rhein fliesst auch durch andere schöne Städte, die Fasnacht hat nun zweimal hintereinander nicht stattgefunden und wenn man Zeuge von humorlosen Unterhaltungen wird, die sich um den hohen Ausländeranteil Basels drehen, weiss ich nicht genau, welche Offenheit da wirklich gemeint ist. Basel sei offen. Die Läden schliessen aber auch irgendwann und immer mehr Ladenlokale bleiben dauerhaft zu. Für mich hat die Attraktivität der eigenen Stadt in den letzten paar Jahren – ob mit oder ohne Virus – drastisch abgenommen. In etwa so, wie wenn man mir heute zwei Packungen Kondome zum Preis von einer anbieten würde. Basel hat sich gehen lassen. Wer sich regelmässig und zu unterschiedlichsten Zeiten in der Stadt bewegt, dem fällt auf, wo die Zipperlein Basels zu finden sind. Mangelnde Hygiene! Viel Dreck, viele Scherben und übervolle, stinkende Abfalleimer, die oft tagelang daran erinnern, dass die Stadtreiniger nicht jeden Tag hier vorbei schauen. Dann die unzähligen Baustellen. Kaum eine Strasse, die nicht von rot-weissen Baulatten dekoriert ist. Der Lärm von Baggern, Presslufthämmern und lauten Baumaschinen hat schon längst den sonst so üblichen Stadtsoundtrack mit Strassenmusik und Stimmengewirr verdrängt und übertönt. „So schlimm ist das nun auch nicht“. Solchen Sprüchen bedienen sich hauptsächlich Menschen, die nur zu gewissen Tageszeiten die Stadt bevölkern. Vor allem dann, wenn die Putzmaschinen und Strassenwischer bereits weitergezogen sind, oder wenn man sich während der Mittagspausen der Bauarbeiter ins Strassencafé setzt. Dann ist die Stadt für eine Stunde wieder das Basel, das ich mir zurück wünsche.

Wer sich auch keinen Deut um den allgemeinen Zustand unserer Stadt schert, sind die Tagestouristen. Das ist auch gut so! Ich mag diese kleinen Gruppen – meist Seniorinnen und Senioren – die unsere Stadt entdecken. Sie nehmen Basel so wie es ist und kümmern sich nicht darum, wie es einmal war, wie es vielleicht mal sein wird und ob das was sie da gerade antreffen besser oder schlechter ist. Basel ist für die Tagestouristen so wie es ist. Punkt. Da ich mich, aus wohngeografischen Gründen oft am Münsterplatz aufhalte, begegne ich täglich Tagestouristen. Da ich meist in Begleitung meiner beiden Mops-Damen bin, werde ich täglich wegen diesen angesprochen. So auch vorgestern. Eine Dame in Wanderschuhen, ausgebleichten Wanderhosen, mit Wanderrucksack und einer Dauerwelle, bei deren Anblick ich eine Zeitreise zurück in die 90-er Jahre machte, sprach mich an: „Sie sagen sie, wo finden wir die Innenstadt?“. Hätte sie mich nach dem Weg zum Matterhorn gefragt, hätte ich das auf Grund ihrer Garderobe nachvollziehen können. Sie fragte aber nach der Innenstadt. In Hochdeutsch. Ein Schweizer Hochdeutsch, das so klang, als ob da eine Emmenthalerin 40 Jahre in ihrer Alphütte eingeschlossen war und nun zum ersten Mal wieder einen Menschen trifft. Offenbar schaute ich sie dementsprechend an, denn sie wiederholte ihre Frage und gab sich dabei Mühe, noch etwas langsamer zu sprechen. Da die Basler den Ruf haben offen zu sein, gab ich ihr selbstverständlich offen und ehrlich Auskunft und beschrieb der Gruppe den schönsten Weg zum Herzen der Stadt. Natürlich auf Baseldeutsch. Sie bedankte sich – in ihrer Version eines Hochdeutschs – und wiederholte meine Wegbeschreibung in breitem Berndeutsch ihren Mitwanderern. Da wurde ich neugierig. „Dürfte ich sie fragen, weshalb sie gerade mit mir Hochdeutsch sprechen, obschon sie ja – wie es scheint – aus dem Kanton Bern sind?“ Verdutzt blickte sie mich an. Wieder in Hochdeutsch gab sie Antwort und erklärte, dass sie bisher glaubten, dass wir Basler keine anderen Schweizer Dialekte verstehen würden. „Verstehen sie die Berner?“, fragte sie und schaute mich dabei an, als ob sie gerade fragen würde: „Elvis lebt?“. Humorvoll – so wie wir Basler ja offenbar sind – gab ich zurück: „Ja ich verstehe die Berner, aber begreife sie nicht…!“ Sie begriff auch nicht und zog mit ihrer Wandergruppe weiter, den Münsterberg hinunter.

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Nicht ganz hundert

Seit einer meiner Schreibweiterbildungen weiss ich, dass die Wahl des Titels einer Geschichte sehr wichtig ist. Wird der Leser bereits beim Titel neugierig auf den Artikel gemacht, wird er diesen lesen wollen. So kann der oben gewählte Titel leicht darauf schliessen, dass ich heute über Menschen schreibe, die nicht gerade mit ihrer hohen Intelligenz aus der grossen Masse herausstechen. Tatsächlich handelt die heutige Geschichte von einer pfiffigen Frau, die gerade eben ihren 96. Geburtstag feiern konnte; Frau Schneider.

Sie fiel mir auf, als sie am Claraplatz meinen Bus besteigen wollte. Ihre dünne, gebrochene Stimme war gut zu vernehmen. „Ist das der Bus, der zum Friedhof Hörnli fährt?“ Ein anderer Fahrgast bejate und Frau Schneider stieg ein. Ein kleines, zierliches Persönchen. Ellegant gekleidet und einen grossen schlapprigen Hut als Sonnenschutz auf dem Kopf. Im Bus kam sie zu mir nach Vorne und wollte vom Fahrer wissen, wohin er zu fahren gedenke. Tatsächlich wollte ich auch via Friedhof Hörnli fahren und ich bestätigte ihr nochmals dieses Ziel. Sie entschuldigte sich, dass sie nochmals nachgefragt habe, aber in ihrem Alter hat man keine Zeit mehr sich zu verfahren und sie wolle mir es ersparen, hier in meinem Bus das Zeitliche zu segnen, denn ich hätte ja heute sicherlich mal Feierabend. Ja, Frau Schneider hat mit ihren 96 Jahren mehr Humor als drei Schweizer Comedians zusammen. Ich fuhr los und Frau Schneider fort. Sie könne diese elektronischen Anzeigen an der Bushaltestelle, auf der angezeigt wird welcher Bus als nächstes eintrifft nicht gut lesen. Ihr Blutverdünner schlage ihr auf die Augen und die Leute glaubten, wenn sie mehrmals frage, sie sei nicht mehr ganz hundert. Kaum gesagt entfuhr ihr ein glucksender Lacher: „Die haben ja im Grunde auch Recht, ich bin ja auch nicht ganz 100!“

Ihr Mann sei es. Heute! „Heute hat er seinen 100. Geburtstag, aber er ist seit 20 Jahren tot. Ich spreche jeden Tag mit ihm und schimpfe auch mal. So lange rumliegen…“ Frau Schneider pflegt auch einen eher schwarzen Humor, denn sie gluckste wieder und amüsierte sich gleich selber an ihrem Witz. Seitdem lebe sie alleine im Haus und mache noch den ganzen Haushalt. Jeden Tag putzt sie die Küche und räumt auf. „Ich gehe immer erst aus dem Haus, wenn dieses tiptop ist. Mit 96 weiss man ja nie, ob man überhaupt wieder heim kommt!“ Frau Schneider ist nicht nur witzig, sondern total gut organisiert. Und sie ist auch gut zu Fuss, obschon sie sich etwas fragil bewegt. Jeden Tag lege sie 10’000 Schritte zurück. Das seien bei ihr natürlich nicht so viel Kilometer, wie wenn ich 10’000 Schritte absolvieren würde, aber im Gegensatz zu ihrem Mann würde sie sich immernoch bewegen. Ein Glucksen von Frau Schneider begleitete mich zur nächsten Haltestelle. Dank ihrer Apple-Watch am Handgelenk könne sie auch beweisen, dass sie diese 10’000 Schritte oft sogar noch überschreite. Irgendwann am Nachmittag käme sie dann wieder heim und läge sich ins Bett. „Aber dann schlafe ich gleich ein, so als ob ich einen anstrengenden Tag gehabt hätte!“ Sie hätte auch schon ihren Hausarzt darauf angesprochen, weshlab sie nach ihren Stadtausflügen todmüde ins Bett falle. Der habe lediglich erwidert, dass sie auch nicht mehr die Jüngste sei und das mit 96 völlig normal wäre. „Mein Arzt ist nun auch schon 80 und so wie er aussieht stirbt der noch vor mir…“ Frau Schneider tat, was eine Frohnatur – wie sie es scheint zu sein – nach pointierten Aussagen immer tat, sie gluckste ansteckend.

Mit jeder angefahrenen Haltestelle kam das Ziel von Frau Schneider immer näher. Auf der Fahrt zu ihrem Ausstiegspunkt fragte ich die sympatische Fasthundertjährige, was sie heute noch so alles vorhabe. Scherzhaft sagte sie ohne zu zögern, dass sie keine Zeit für ein Rendes-vous mit mir hättee und ich – so wie sie vorhin gesehen habe – einen Ehering trage und mit verheirateten Männer lasse sie sich prinzipiell nicht ein. Nun gluckste ich auch im Duett mit Frau Schneider. Während sie den Bus verliess sagte sie: „Wissen sie, ich treffe heute alle meine Freunde und Bekannte. Wenn man 96 Jahre alt ist, muss man auf den Friedhof, wenn man seinen Lieben nah sein will. Dein soziales Umfeld stirbt weg und am Schluss bist du allein.“ Mit einem kleinen Klos im Hals verabschiedete ich sie und sagte: „Sie haben heute ihren Bekanntenkreis um eine Person – um mich – vergrössert!“ Sie schaute mich an, überlegte kurz und sagte: „Da haben sie Recht. Ich verspreche ihnen, ich besuche sie dann auch auf dem Hörnli!“ Sie gluckste, die Bustüre schloss sich und die kleine Frau Schneider betrat den grössten Friedhof Basels.

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939 oder 393?

Zugegeben, diese Überschrift könnte darauf hinweisen, dass die heutige Geschichte irgendwas mit Zahlen zu tun hat. In Wirklichkeit dreht sich das Erlebte aber um die Art und Weise, diese Zahlen auszusprechen. Meine Allerliebste steht heute mal im Mittelpunkt. Nicht sie als Person steht im Fokus, sondern eher ihr angeborener Dialekt, der für mich vor 20 Jahren fast unverständlich war.

Meine Allerliebste ist im schönen Toggenburg aufgewachsen. „Das Toggenburg“ ist ein Teil des Kanton St. Gallen, wird aber nach Aussen gerne als eigenständige „Region“ verkauft. Das ist keine Marketingaktion des dortigen Touristenbüros, das haben Toggenburger regelrecht verinnerlicht. Sie sind in erster Linie Toggenburger, dann Menschen aus dem Kanton St. Gallen und dann erst Schweizer. So ist das! Wenn ich meiner Allerliebsten beim Schwärmen von ihrer Heimat zuhöre, könnte ich glauben – wenn ich es nicht besser wüsste – „das Toggenburg“ sei der Mittelpunkt der Schweiz . Eigentlich liegt das Zentrum unseres Landes im Kanton Obwalden auf einer Alp. Das ist natürlich einer echten Toggenburgerin so egal, wie einem 10-jährigen Neu-Raucher der Lungenkrebs. Ihr Mittelpunkt ist und bleibt „das Toggenburg“. Egal, was da die Geographen verzapfen, die waren offenbar noch nie im schönsten Erdteil den es gibt in diesem Universum. Meine Allerliebste ist derart Fan ihrer Heimatregion, dass sie beim Anblick von irgendwelchen Bergen sogleich Parallelen zieht zu den „Churfirsten“. Noch keine Hügelkette, die sich auf unseren Reisen vor uns auftürmte, hätten mit den „Churfirsten“ mithalten können. Entweder waren sie weniger mächtig, viel kleiner oder schlicht nur hässlich. Aus Erfahrung weiss ich, dass man meiner Allerliebsten auch nicht widersprechen darf, wenn sie vom Toggenburg schwärmt. Als Nicht-Toggenburger ist man sowieso nicht qualifiziert, irgend etwas an dieser Ostschweizer-Region zu bemängeln oder gar zu kritisieren. Dazu gehört auch, dass man die Finessen des Dialekts nicht mit einem Stadt-St.Galler oder einem Thurgauer vergleichen darf.

Zu Beginn unserer Beziehung habe ich zwar immer alles verstanden, was meine Allerliebste tat, habe oft nicht verstanden, was sie sagte. Ausdrücke wie „Chlüpperli“ (für Wäscheklammer), oder „zgmäh“ (für gemeinsam) waren damals schlicht zu ausserirdisch. „Bögle“ (für Bügeln) konnte ich da irgendwie noch ableiten. Am Telefon wurde sie auch schon von einem Freund falsch verstanden, als dieser fragte was sie gerade so tue und sie „bögle“ sagte, der Anrufer an Stelle des „b“ ein „v“ verstand. Da war Funkstille und erst die Übersetzung in einen verständlichen Basler-Dialekt verhinderte schlimmeres. Da wären wir auch gleich beim Thema. Der Dialekt meiner Allerliebsten ist am Telefon tatsächlich schwer zu verstehen. Sogar dann, wenn man den selben Dialekt spricht!

Es ist schon ein paar Jahre her, da telefonierte meine Allerliebste mit ihrer besten Freundin. Sie sprachen über dies und das und kamen irgendwann auf eine Autonummer. Natürlich wollte meine Allerliebste diese umgehend wissen – sie ist von Natur aus Neugierig, was vermutlich auch mit ihrer Herkunft zu tun hat – und fragte ihre Freundin nach der Nummernfolge. Heidi – auch eine Ur-Toggenburgerin – legte los und gab meiner Allerliebsten die Zahlen durch. Und dann begann das, worüber ich hier berichte. Während mehreren Minuten fragte meine Allerliebste am Telefon nach: „939 oder 393?“. Was hier so notiert oder laut vorgelesen auf Hochdeutsch kaum Konfliktpotential bietet, ist im Toggenburger-Dialekt ein wahrer Zungenbrecher. Ein Sumpf der Verwechslungsmöglichkeiten. Ich notiere es mal Phonetisch, dann versteht man, warum sich Heidi und meine Allerliebste nicht verstanden haben. Meine Allerliebste fragte in ihrem allerliebsten Heimatdialekt: „Nüü, Drüü, Nüü oder Drüü, Nüü, Drüü?“. Heidi am anderen Ende – ihrem Heimatdialekt durchaus mächtig – antwortete darauf: „Nit Drüü, Nüü, Drüü, sondern, Nüü, Drüü, Nüü!“ Das ging dann gefühlte zehn Minuten so hin und her und die beiden Toggenburger-Zentrums-Schweizerinnen verstanden ihren eigenen Churfirsten-Dialekt nicht. Irgendwann schaltete ich mich ein und fragte, ob ein klärendes Mail vielleicht die ganze Sache abkürzen könnte. Mein Vorschlag wurde von meiner Allerliebsten genauso falsch verstanden, wie die Zahlenfolge von Heidi am Telefon. Wenn es um ihren Dialekt, also ihre Identität, ihre Herkunft geht, versteht meine sonst so humorvolle Allerliebste, allerliebst wenig Humor.

Irgendwann war das Telefongespräch fertig. Irgendwann war dann auch mein Lachanfall fertig. Irgendwann waren auch die bösen Blicke meiner Allerliebsten nicht mehr so arg böse. Es dauerte aber ein paar Jahre, bis sie über den Running-Gag schmunzeln konnte, den ich seit diesem Tag immer bringe, wenn sie irgendwo was nicht ganz versteht. Ich brauche dann lediglich zu sagen: „Nüü, Drüü, Nüü oder Drüü, Nüü, Drüü?“ Dann wirft sie mir einen Mittelpunkt-Schweizerischen-Toggenburgischen-Chrurfirsten-Blick zu, wie ihn nur Menschen aus dieser Region im Stande sind aufzusetzen, um kurz darauf zu Lächeln. Dabei öffnen sich ihre sanften Lippen und ihre Zähne kommen zum Vorschein. So wie die Churfirsten, wenn die Morgensonne die Dunstwolken über ihren Gipfeln vertreibt.

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Öffentliche Vertraulichkeiten

Es gibt Dinge und Themen, die sollten in den eigenen vier Wänden bleiben. Auch im Zeitalter des „gläsernen Bürgers“ und dem täglichen Drang, alles was man isst, trinkt und tut sogleich auf einer Plattform preis zu geben. In solchen Zeiten sind Vertraulichkeiten ein wahrer Schatz.

Privatsphäre scheint für manche Leute lediglich ein Wort mit zwölf Buchstaben zu sein, das man jeweils googeln muss, um es fehlerfrei schreiben zu können. Als Bewohner der Innenstadt erlebe ich täglich Menschen, die keinerlei Respekt mehr vor der eigenen Privatsphäre haben. Solche Menschen haben keinerlei Probleme damit. Ich auch nicht. Mich stört vielmehr die Art und Weise, wie diese ihre eigene Privatsphäre missachten. Da kaufen die sich ein Handy, dessen Anschaffung teurer als die Sommerferien auf Kreta war mit den dazugehörenden drahtlosen Kopfhörern, die dann nochmals soviel kosten wie ein üppiges Abendessen für acht Personen. Und was machen sie? Sie stellen den Lautsprecher, ganz seiner Bezeichnung gerecht, auf LAUT. Klar, ist die Umgebung in einer Stadt auch nicht gerade leise, weswegen sie den Stadtlärm übertönen müssen. Das klingt dann immer irgendwie nach Nachbarschaftsstreit, statt nach Telefonat. Auch wenn es Geburtstagsglückwünsche sind. In einer Lautstärke, die sogar laufenden Presslufthämmern Konkurrenz macht, wird der Angerufene regelrecht angeschrien. Ein paar Dezibel zu laut für ein normales Gespräch und einige Dezibel über dem, was ein privates Telefongespräch ausmachen würde.

Dabei sei noch die ganz besondere Handhaltung erwähnt. Das amerikanische Technikwunder wird wie ein süsses Eclair, (in Deutschland Kaffeestange) dass man gerade genüsslich in den Mund schieben will, in der Hand gehalten. Da sich das Mikrofon logischerweise unten am Gerät befindet, wird dieses ganz nah an den Mund geführt. Oft hat man tatsächlich das Gefühl, der Anrufer wolle in das Gerät beissen. Es ist war ein „Apple“, aber RAM und ROM schmecken nicht und Lithium ist nicht nur für die Welt schwer verdaulich.

So flanieren sie dann laut „schreiend“ durch die Stadt. Das ginge ja noch, wenn es sich immer nur um Geburtstagsgrüsse handeln würde. Aber vor einigen Tagen ging vor mir eine Dame, die gerade so mit ihrem Gynäkologen telefonierte. Ich möchte hier nicht ausführen, was sie da alles besprochen hatte, denn gewisse Fachausdrücke musste ich tatsächlich nachschlagen. Aber auch im Bus wird immer häufiger so telefoniert. Egal, ob der Pfändungsbeamte am anderen Ende erklärt, wann er einen Hausbesuch plane um dabei gleich den neuen Flachbildschirm abholen käme, oder ob Ehepaare in Trennung über das Sorgerecht ihrer sieben Kinder verhandeln. Alles wird öffentlich breitgetreten, so als ob diese Leute nach dem Gespräch von den Mithörenden Applaus erwarten würden.

Was mich allerdings mehr irritiert ist, dass diese Art der Kommunikation bereits so normal ist, dass sich kaum einer darüber aufregt. Man sitzt da und lauscht den intimen Geheimnissen von fremden Menschen. Vielleicht stört sich niemand daran, weil wir sowieso alles kleine Voyeure sind. Insgeheim erfreuen wir uns an den grossen und kleinen Dramen der anderen. Vor allem dann, wenn wir feststellen, dass wir die kleineren Probleme haben wie die, die sich da am Telefon „anschreien“.

So gesehen freue ich mich jedes mal, wenn ich ein solcher „Lautsprecher-Telefonierer“ antreffe. Meistens laufe ich ihm bewusst hinterher um „Neuigkeiten“ zu erfahren. Kontostände, Gerichtstermine, Menülisten, Scheidungsurteile, Geschlechtskrankheiten und neue Eroberungen. Die Soaps im TV und die Dramen auf Netflix können da definitiv nicht mithalten.

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„La Paloma“ – ohje

Weil mein Grossvater der festen Überzeugung war, dass ich musikalisch sei, schenkte er mir irgendwann mal ein Akkordeon. Es war eines aus Plastik aus der Spielwarenabteilung. Ich war damals sechs Jahre alt, nahm das Ding in die Hand und – so sagt man sich in der Familie – spielte sogleich damit bekannte Melodien.

Mein Grossvater nannten wir „Dolce“ und tatsächlich war er „süss“, denn wenig später brachte er ein Akkordeon nach Hause. Ein richtiges. So besuchte ich dann die Musikschule und blieb diesem Instrument (bis heute) treu. Nach ein paar Jahren beherrschte ich diese „Quetschkommode“ recht ordentlich und die ersten Anfragen schneiten rein: „Könnten Sie an unserem Geburtstagsfest einwenig was spielen kommen?“ Da ich damlas nur das Wort JA als Antwort kannte und ein NEIN mir nur über die Lippen kam, wenn meine Eltern beim verspäteten Eintreffen nach dem Ausgang fragten ob ich Alkohol getrunken hätte, lag schon bald der erste Engagementvertrag auf dem Tisch. Genau genommen war es nur eine mündliche Abmachung per Telefon. Da ich damals, was die Lebensjahre und das Vereinbaren von verbindlichen Abmachungen betrifft, noch etwas unerfahren war, notierte ich mir lediglich das Datum, die Uhrzeit meines Eintreffens und die Art der Feierlichkeiten an denen ich aufspielen sollte; Geburtstagsfest.

Die Wochen vor meinem ersten Akkordeonauftritt verbrachte ich mit üben von bekannten Schlagern, Evergreens und sonstigen Stücken. Ich beschränkte mich dabei vor allem auf gut und einfach zu spielende Werke, denn die Gäste an der Feier waren ja nicht zu einem Akkordeonkonzert eingeladen worden. Das was ich da übte, taugte also bestens für den Hintergrund oder für die Berieselung von Fahrstühlen.

Dann kam der Tag X. Es war ein Samstag und ich sollte so gegen 15 Uhr eintreffen, da die Geburtstagsgesellschaft nach dem Essen im Hotel Rössli dann zum gemütlichen Teil übergehen würde. Ich betrat das Hotel, welches im Ort in dem ich Aufwuchs zum Besten der Besten zählte. Im Eingangsbereich angelangt hatte ich drei Möglichkeiten: Nach Rechts ins Restaurant, nach Links zum Saal oder nach Unten zur Kegelbahn. Aus dieser hörte ich Stimmen und lautes Lachen. Für mich war es eindeutig: Das Geburtstgasfest war im vollen Gange und sie hatten es offensichtlich sehr lustig. Ich stieg herab und öffnete die Türe zur Kegelbahn. Ungefähr 30 Personen hielten sich dort auf und alle blickten mich an: „Ich bin Renato und komme Akkordeon spielen. Ist hier das Geburtstagsfest?“ fragte ich – damals noch etwas verhalten und scheu. „Ja!“ lachte mich ein bärtiger Mann an und stellte mir einen Stuhl hin. Ich wuchtete das Akkordeon aus der Transportkiste und begann mein Repertoire zu spielen. Schon nach wenigen Stücken wurde getanzt und gesungen. Das Bier und der Wein floss in Strömen – für mich gab es Cola – und der Lärmpegel aus der Kegelbahn blieb auch anderen Gästen des Hotels nicht verborgen.

Ich war mit meinem zweistündigen Repertoire schon durch und begann wieder mit „La Paloma“ von Vorne, als es an der Türe klopfte. Während des Refrains beobachtete ich, wie der bärtige Mann mit jemandem am Eingang sprach und immer wieder zu mir rüber blickte. Schliesslich kam er zu mir und bat mich „La Paloma“ sein zu lassen. Verwundert brach ich ab und die Person an der Tür trat auf mich zu. „Sind Sie Renato Salvi?“, fragte sie mich und ich gab meine Standartantwort bei Fragen: JA. „Ich bin die, welche Sie engagiert hat fürs Geburtstagsfest, das aber oben im Saal stattfindet!“

Es war eine Mischung aus einem tiefen Schock mit einer grossen Prise Scham, einem kleinen Schuss Wut mit einem Hauch Trauer. Wut auf den Bärtigen Mann der so tat, als ob ich am richtigen Ort war. Natürlich auch Wut auf mich selber, dass mir so ein Missgeschick überhaupt geschehen konnte. Die Trauer kam dann später dazu, als ich dann an der richtigen Feier sass und Akkordeon spielte. Die Leute waren träge, müde und etwas desinteressiert. Dieser Auftritt fühlte sich fast so wie ein Konzert an, denn die Gebursttagsgäste sassen alle nur herum und hörten mir zu. Nach den Stücken klatschte vielleicht mal einer und aus der Kegelbahn unten war Gelächter und beste Stimmung zu vernehmen.

Irgendwann war dann Schluss und die Dame, dich mich telefonisch engagierte kam mit einem Couvert auf mich zu. „Hier ihre Gage“, sagte sie und ich antwortete untypisch für mich mit einem wehementen „NEIN!“

Sie fand meine Reaktion offenbar sehr anständig und bedankte sich bei mir überschwenglich. Ich packte zusammen und eilte nach Unten in die Kegelbahn. Dort wurde ich wie Freddy Quinn, der eben aus dem Grab entstiegen war gefeiert. „La Paloma“ war der Gassenhauer des Abends. Ich weiss nicht wie oft ich es spielen musste. Es war einfach grossartig, diese Feier. Keine Ahnung wer die Leute waren, was sie feierten oder warum sie sich dort trafen. Der Abend in der Kegelbahn dauerte noch bis in die frühen Morgenstunden. Hätten mich damals meine Eltern beim Nachhausekommen gefragt: „Hast Du Alkohol getrunken?“ ich wäre nicht mehr im Stande gewesen irgendetwas zu antworten.

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Killer-Geschwister

Korrigiert mich, aber aus meiner Sicht hatten alle, die heute Hunde haben, davor Katzen. Katzen scheinen sowas wie die „Eintrittskarte“ zum Hundehalter zu sein. Unsere beiden verstorbenen Katzen würden sich sicherlich nun im Grab umdrehen und die Krallen ausfahren, wenn sie das hier lesen würden. Gottseidank konnten sie noch zu Lebzeiten nicht lesen, weshalb ich das hier vermutlich ohne blutige Konzequenzen schreiben kann.

Wir hatten zwei Stubentieger. Sie waren von Klein auf nie Freigänger und hatten sich damit sehr gut arrangiert. Wir wechselten in dieser Zeit aus beruflichen Gründen auch öfters die Wohngegend. So hatten sie viel Abwechslung und es wurde ihnen in den Wohnungen nie langweilig. Irgendwann verschlug es uns an den Lothringerkreisel in Basel. Eine neue Überbauung entstand. Die Wohnung hatte eine grosse Loggia. Die Katzen liebten diese. Damit sie oft und lange auf dieser ihre 14-stündigen Mittagsschläfchen halten konnten, schlossen wir für sie den Storen und liessen die Lamellen halb geöffnet. Auch Katzen brauchen frische Luft.

Ich erinnere mich noch sehr gut. Es war ein Freitag und ich kam am späten Nachmittag nach Hause. Als ich die Wohnung betrat erlebte ich den Schock meines Lebens. Was ich vorfand glich einer Szene aus einem schlimmen Horrorfilm. In der ganzen Wohnung Blut. Überall Federn, in allen Farben. Es schien, dass hier ein unerbittlicher Kampf stattgefunden hatte. Die Spuren führten mich zur Loggia. Dort traf ich auf ein regelrechtes Massaker. Mitten in den Federn und den Blutflecken sassen zwei süsse Kätzchen. Sie sahen aus, als seien sie nominiert für den Oskar für das sanfteste Schnurren. Keiner wäre auf die Idee gekommen, dass diese beiden harmlosen Wesen im Stande wären, ein derartiges Gemetzel anzurichten.

Der Spurenermittler in mir hatte schon bald eine Erklärung, was sich hier grausames abgespielt haben musste. Vermutlich ein Eindringling, der auf dem Luftweg die fremnde Wohnung überfiel. Die verbeulten Lamellen des Storens liessen darauf schliessen, dass vermutlich ein Vogel diese durchflogen haben musste. An den Farben der in der ganzen Wohnung verteilten Federn muss es sich um einen Wellensittich oder sonst was Farbenfrohes gehandelt haben. Unsere beiden Hauskätzchen machten daraufhin von ihrem Hausrecht gebrauch, jegliche Eindringlinge unmissverständlich zu vertreiben. Ich wusste ja schon immer, dass die beiden Schmusetiere sich für uns nur verstellten und „im echten Leben“ wahre Killermaschinen sind.

Aus einer Tiersendung wusste ich noch, dass ich die beiden Katzenfuttervertilger nun loben musste. Das fiel mir angesichts der Überreste, die ich nun beseitigen durfte etwas schwer. Dennoch nahm ich mich zusammen und tätschelte beide: „Bravo. Gut gemacht!“ Der Staubsauger zog die abermillionen kleiner, farbiger Federchen in sich auf und der SWIFFER machte aus dem Schlachthof wieder eine Wohnung.

Die beiden Kätzchen lagen da schon lange auf ihren Schlafplätzchen und verdauten vermutlich den Wellensittich, der irgendjemand im Haus sicherlich bereits vermisste. Da ich, in der Tätigkeit des Tatortreinigers, keine Überreste des Vogels fand war ich mir sicher, dass ich seine Reste morgen aus den Katzentoiletten sieben werde.

Tags darauf war eine Joggingrunde angesagt. Ich machte mich bereit und schlüfte in die Turnschuhe. Mein Schrei hatte Potential, ein ganzes Wohnquartier aus dem Schlaf zu reissen. Da war was in meinen Turnschuhen! Ich schüttelte den Inhalt raus und auf den Boden plumste ein nackter Vogelkörper. Es dauerte gefühlte hundert Millisekunden und die beiden Killergeschwister sassen neben mir. Sie beerdigten nach der Schlacht gestern, den kleinen Vogel in meinen Schuhen. Schon wieder etwas für den Katzenpsychologen. Sie „schenkten“ mir ihr Jagderzeugnis und zeigten so, dass sie mich und meine Allerliebste als Rudelanführer akzeptierten. Und dafür musste ein unschuldiges Vögelchen sterben?

Angewidert nahm ich die Leiche vom Boden und tätschelte die Täterschaft. Statt Einzelhaft gab es dann für die beiden was Leckeres zum Frühstück. Lebenslänglich hatten sie ja bereits. Sie mussten ein Leben lang mit uns auskommen, bis beide im 2020 (nach fast 18 Katzenjahren) dort sind, wo sie den Wellensittich Jahre zuvor hingeschickt hatten. Meine Turnschuhe erinnern mich noch heute an diesen grausamen Mord. Seit diesem Tag haben sie sogar einen Namen: Vogelsärge.

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Geschichten aus Basel

Rückenwind von Vorne

Als leidenschaftliche Camper, die wir sind, wollen meine Allerliebste und ich so viel wie möglich sehen. Wir waren schon an vielen Orten und unzähligen Regionen. Bisher hatten wir es aber nie nach Norddeutschland geschafft. Also musste das mal sein und wir planten einen Besuch in St. Peter Ordin. Diese Ortschaft schien bei vielen Menschen sehr beliebt und es hiess, dass das Klima, die Landschaft direkt an der Ostsee, die Fahradwege auf den Dünen und eigentlich irgendwie alles dort äusserst sehenswert wäre.

Die ganze Welt scheint mal in St. Peter Ording gewesen zu sein. Die ganze Welt? Nein. Meine Allerliebste und ich noch nicht, was sich aber nun ändern sollte. Es war Hochsommer und wir fuhren los Richtung Nordfriesland. Nach etlichen Stunden auf der Autobahn und noch etlicheren Stunden im Stau, erreichten wir den Ort, an dem sich die Welt trifft. Die Ortschaft bot das, was man von ihr erwartet. Kleine schmucke Häusschen, Ostseecharme, Fischbrötchen an jeder Ecke und viel Wasser und Dünen.

Meine Allerliebste konnte es kaum erwarten, sich auf ihr E-Bike zu schwingen. Sie war derart gierig nach einer Velotour, man hätte glauben können in den nächsten 20 Minuten würde St. Peter Ording abgebaut und wo anders hin verlegt. Ich schwang mich in die Radlerhose und auf den Sattel. Ich freute mich auch sehr auf eine kleine Tour, denn hier waren keine Berge oder Hügel zu erwarten, was die Rundfahrt für mich etwas angenehmer gestalten sollte. Meine Allerliebste mit dem E-Bike hatte nähmlich bereits vergessen, dass Bodenunebenheiten beim Velofahren ohne Motor, so etwas wie Kraft voraussetzte. Es würde eine herrliche, angenehme und schweisslose Ausfahrt für mich geben, so als ob ich auch elektromotorisiert wie meine Allerliebste unterwegs wäre. So schnell wie der Wind durch St. Peter Ording brausen. Denkste!

Neben reichlich Wasser haben die da noch was reichlicheres: Wind. Der kommt dort irgendwie von allen Seiten gleichzeitig. Nur von Hinten, da kommt er nie! Die Fahrt war eine regelrechte Velo-Tortour für mich. Meine Allerliebste konnte gemütlich ein paar Gänge höher schalten und mehr Akkuladung freisetzen. Meine Oberschenkelakkus waren nach der ersten Düne bereits leer. Obschon keinerlei Höhenmeter zu bewältigen waren und das Höchste, was man hier überwinden konnte die Gehsteigkante war, fiel ich nach ein paar Minuten fast vom Rad. Im kleinsten Gang fühlte sich das Fahren an, als ob ich mich in der schlimmsten Tour de France Bergetappe befinde. Im Winter! Obwohl Hochsommer, war es gerade mal knapp 10 Grad. Nun fahren Sie mal in einem Tornado, bei Schneesturm und solchen Temperaturen Fahrrad. Während andere – zum Beispiel meine Allerliebste – sich an der Natur ergötzen, kotzen sich andere – zum Beispiel der Mann meiner Allerliebsten – so richtig aus. Irgend wann brach ich ab, bevor ich zusammen brach. Es war beschähmend, ausgepumpt neben meinem Fahrrad zu stehen, während 90-jährige auf ihren E-Bikes an mir vorbei rollten und dabei noch über Atemluft verfügten, um zusammen sprechen zu können.

Ich beschloss zurück zum Wohnmobil zu laufen. Keine zehn Fischbrötchen hätten mich wieder auf diesen Sattel gebracht. Ich schleppte mich mit letzter Kraft unter die Dusche und sank danach völlig erschöpft ins Bett. Noch ein kurzer Blick auf das Wetter-App. Petrus hatte für die nächsten 7 Tage in St. Peter Ording was ganz besonderes geplant: Dauerregen, starke Winde und angenehme 4 Grad!

Meiner Allerliebsten blieb meine Reaktion darauf nicht verborgen. Sie verschand kurz aus dem Wohnmobil, um ein paar Minuten später wieder zu erscheinen. In einem, für sie typischen Befehlston, wie ich ihn nur aus schlimmsten Rekrutenschulezeiten kenne, sagte sie: „Aufstehen, anziehen, zusammenpacken. In 15 Minuten müssen wir den Platz verlassen!“ Was? Hat man uns vom Campingplatz verwiesen? Waren wir nicht St. Peter Ording würdig? Wir packten unsere Sachen und fuhren los. Meine Allerliebste tippte auf dem Navigationsgerät rum und die andere Frau, die mir ständig Befehle erteilt – die aus dem Navi – lotste mich zur Autobahn.

17 Stunden später lagen wir im Sand. Es war 30 Grad und das, was da durch das südfranzösische Dörfchen zog war eine kleine Brise. Sowas Wind zu nennen, wäre in etwa so falsch gewesen, wie meiner Allerliebsten nicht zu georchen. So wurden aus den Sommerferien, wirklich Sommerferien und ich hoffte, während ich mir den ersten Sonnenbrand holte, dass in St. Peter Ording niemand an den E-Bikes festfrohr.

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Geschichten aus Basel

1. August in the mist

Des Schweizers Brust erhebt sich jeweils einmal im Jahr. Dann wenn man am ersten August stolz die Gründung seines, ach so schönen Landes feiert. Es scheint, als hätten unsere Gründerväter (und Mütter und alle anderen Geschlechter), ein wahres Erfolgsrezept in die Tat umgesetzt, denn die Schweiz zählt heute noch zum „solideren“ Teil unserer Welt.

Sowas muss gefeiert werden. Einmal im Jahr sei es auch erlaubt, eine Schweizer-Fahne am Balkongeländer zu montieren, ohne dass gleich jemand glaubt, da wohne ein SVP Mitglied oder gar ein Nazi. In anderen Ländern ist man stolz auf Einwohner, die stolz ihren Stolz auf ihr Land zeigen und in der Schweiz…egal. Ich will hier heute über einen ersten August vor einigen Jahren berichten und keine Debatte über Patriotismus lostreten.

Es war ein herrlicher Tag, dieser erste August zweitausendirgendwas. In Basel schien schon den ganzen Tag über unbewolkt die Sonne und die Aussichten auf den Abend waren genau so gut wie das momentane Wetter. Meine Allerliebste und ich planten aber, den Abend nicht in Basel zu verbringen. Wir hatten kurzfristig ein kleines Hotelzimmer in Arosa gebucht. Meine Allerliebste pflegte seit ihren Kindertagen eine regelrechte Liebschaft mit diesem bündner Bergort. Ich hätte auf Arosa durchaus eiversüchtig sein können, denn manchmal glaubte ich, ihre Liebe zu Arosa sei grösser als zu mir. Trotzdem willigte ich ein, meinem „Nebenbuhler“ einen Besuch abzustatten. Wir packten einen kleinen Koffer und machten uns auf den Weg zum Bahnhof.

Die Reise war wie immer. Voller Zug, hyperaktive Kinder, inaktive Klimaanlage, defekte Toilette und unverständliche Durchsagen. Ich liebe die Schweiz. Da bekommt man noch das, was man erwartet. Irgendwann waren wir am Ziel. Arosa präsentierte sich von seiner allerschönsten Postkartenseite. Das Blau des Himmels war derart „kitschig“, dass man glauben musste, jemand hätte da mit Photoshop nachgeholfen. Es war wirklich ein Traumtag! Die grosse Liebe meiner Allerliebsten gab alles. Arosa wollte mir meinen Platz streitig machen! Die herrliche Sommerbrise hätte mir mein Kopfhaar, wie junges Schilf an einem Bergsee, durchlüftet hätte ich welches gehabt und meine Allerliebste stand da und ein Tränchen kullerte ihr über ihre Wange. „Weinst Du?“ fragte ich sie überrascht? „Pollen!“ sagte sie knapp und wusch sich die Feuchtigkeit aus den Augen. Offensichtlich freute sie sich, ihre grosse Liebe wieder mal zu treffen und ihre Sehnsucht schien tatsächlich unendlich, denn in den darauffolgenden unendlichen Stunden wurde Arosa inspiziert. Zu Fuss! Jede noch so abgelegene Ecke wurde von meiner Allerliebsten bewandert. Es schien als wolle sie überprüfen, ob noch alles da war von ihrem Liebsten. Arosa ist weitläufig und wer weit läuft braucht vor allem Kraft und Zeit. Ersteres war bei mir schon lange nicht mher verfügbar und Letzteres war gerade dabei knapp zu werden. Ich machte meine Allerliebste darauf aufmerksam, dass wir heute Abend noch das grosse Feuerwerk sehen wollen und die Sonne bereits dabei war unterzugehen. Etwas widerwillig willigte sie dennoch ein, den Weg zum Hotel unter die müden Füsse zu nehmen.

Am Arosa-See sammelten sich langsam die Menschen zum grossen Feuerwerksspektakel und am Himmel taten es die Wolken gleich. Es waren viele; also Wolken, und es wurden immer mehr. Mit der Bratwurst in der Hand (ohne Senf, wie sie Ostschweizer eben essen) und dem roten T-Shirt mit den weissen Kreuz stand meine Allerliebste mit mir am See und über uns braute sich da was zusammen. Das gebraute Getränk in unseren Bechern würde in den nächsten Stunden nicht warm werden, denn die Aussentemperatur war gerade dabei – wie die Stimmung meiner Allerliebsten – zu sinken.

Da war der See. Da war über dem See die dickste Wolkendecke der Welt und da waren wir. Zitternd, müde von der langen Wanderung und in mitten anderer unterkühlten Eidgenossen (Genossinnen und anderen Gendersternchen), die „ihren“ Geburtstag feiern wollten. Wir alle versammelten uns hier – so wie damals unsere Urväter auf dem Rütli – um uns zu schwören… NIE WIEDER DEM SCHÖNEN BASLER WETTER DEN RÜCKEN ZU KEHREN! In Basel – so bestätigten es unzählige Facebook-Posts, war Kaiserwetter. Auf den Fotos schwitzende Menschen, klarer Himmel und Freude. Hier in Arosa erwartete ich den ersten Kältetoten und wenn man in die Gesichter der Versammelten blickte, waren diese ein Abbild der momentanen Situation.

Dann erklang aus den Lautsprechern die „Feuerwerksmusik“ von Händel. Gleichzeitig wurden die ersten Raketen gezündet. Das Feuerwerk begann. Die Raketen schossen durch die dicke Wolkendecke, um weit über dieser zu explodieren. Wir, die wir uns um den See versammelt hatten, standen da mit ins Genick geworfenen Köpfen und sahen… NICHTS! Die wunderbaren Feuerwerkskörper, die noch wunderbarere Figuren in den Himmel schossen, explodierten alle über der dicken Wolkendecke. Das was wir zu sehen bekamen waren mal blaue Wolken, dann rote Wolken, die sich mit silbernen Wolken abwechselnden. Es war kein Feuerwerk, sondern vielmehr ein farbenfrohes Blitzlichtgewitter.

Meiner Allerliebsten kullerte wieder ein Tränchen über die Wange. Ich wagte nicht zu fragen weshalb, aber vermutete weil sie wusste, dass wir morgen ihre grosse Liebe Arosa wieder verlassen würden. Sie blickte die farbig-zuckenden Wolken über uns an und sagte: „Mist!“. Ich gab ihr Recht und fügte an: „The first august, in the mist!“

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Geschichten aus Basel

Urs mit dem Megaphon

Ehrlich gesagt weiss ich nicht, ob alles stimmt, was man sich über Urs erzählte. Er soll mal ein grosser Banker gewesen sein, irgendwann. Hochgescheit. Viel Stress und Arbeit. Dann ein Zusammenbruch mit Folgen. Da sei er „komisch“ geworden. Anders als alle anderen. Seit dem war er ein Stadtoriginal.

Manchmal trug er eine Uniformmütze, so wie früher die Polizisten oder die Kontrolleure der BVB. Manchmal stand er mit einer Trillerpfeife am Marktplatz und gab den Trams so die „Erlaubnis“ zur Weiterfahrt. Dann sah ich diesen komischen Mann lange nicht wieder. Erst als ich im Theater Fauteuil zu arbeiten begann, traf ich Urs täglich. Immer kurz vor der Mittagszeit stand er mit einem „Megaphon“ (meistens ein Papiertrichter oder was aus Plastik) am Spalenberg. In der einen Hand hatte er einen Zettel, auf dem er die Menüs der umliegenden Restaurants notiert hatte. Dann begann er: „Hütt in dr Spaleburg, Spaghetti Carbonara mit Salat für 14.50!“

Oft waren seine Notizen umfangreich und sein Ausrufen dauerte lange. Für viele Ladenbesitzer vermutlich zu lange. Immer mal wieder war er wochenlang wie vom Erdboden verschluckt. Man munkelte dann, dass er sich vermutlich irgendwo in einer geschlossenen Abteilung aufhielt. Ob das stimmt, wusste ich schon damals nicht, denn mir kam er gar nicht so „verkehrt“ vor. Man konnte sich völlig normal mit Urs unterhalten. Er war so wie alle, bis eben auf seine Ausruferei, oder die Trillerpfeife, die man ihm dann aber verboten hatte.

Irgendwann fragte er mich, ob er nicht auch die Stücke fürs Theater Fauteuil ausrufen solle. Warum nicht, antwortete ich und gab ihm ein Blatt mit den Stücken des Tages. Als „Gegenleistung“ gab ich ihm jeweils zehn Franken, damit er irgendwo was Trinken gehen konnte. Von da an stand er immer wieder am Spalenberg und teilte den Passanten durch sein „Megaphon“ mit, dass es heute im Hotel Basel Apfelkuchen, und im Theater Fauteuil Froschkönig gibt.

Ja der Urs. Ehrlich? Ob er wirklich Urs hiess weiss ich auch nicht mit Sicherheit. Alle nannten ihn so. Ob er wirklich mal ein Spitzenbanker war? Auch egal. Er war der, der er war. Anständig, gepflegt, höflich, fröhlich aber einfach anders als die grosse Mehrheit. Irgendwann starb Urs. Keine Ahnung an was, oder wie alt er da war. Er war einfach eines Tages weg und kam nie wieder. Am Spalenberg wurde es leise. Erst dann bemerkten wir, dass da etwas fehlte. Erst als der „kurlige“ Typ nicht mehr das tat, was er tat, vermisste man ihn. Es war etwas Spezielles, etwas Einzigartiges, etwas was es nur hier gab. Als es Urs nicht mehr gab, war der Spalenberg einfach wieder ein Berg in Basel, so wie es unzählige davon gibt.

Heute, wenn ich an Urs und alle anderen denke (Bluemefritz, usw.) die „anders“ waren, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir, die uns zur grossen Mehrheit der „Normalen“ zählen, in Wirklichkeit die „Abnormalen“ sind.

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Geschichten aus Basel

Monte „Trödelö“

Als Basler liebt man den Rhein. Man sieh sich nie satt an ihm und will in seiner Nähe sein. Dazu gehört bei mir auch, dass ich Städte, die am Rhein liegen einfach grundsätzlich mag. Das trifft auch auf Köln zu.

Sollten Sie noch nie in Köln gewesen sein, dann planen sie das bitte mal ein. Die Fahrt mit dem Zug oder mit dem Auto dauert zwischen sechs bis acht Stunden, je nach dem um welche Tageszeit man die Reise antritt.

Meine Allerliebste und ich planten vor einigen Jahren mit dem Wohnmobil Köln zu entdecken. Auf dem Campingplatz der Stadt Köln richteten wir uns häuslich ein und da wir immer mit den Fahrrädern verreisen, sassen wir schon kurz danach auf den Sätteln. In einem TV-Beitrag über Köln radelten diese zum „Monte Trödelö“. Die Fernsehbilder zeigten eine bewaldete Gegend mit genialen Velowegen. Kurz: traumhaft!

Klar, wollen wir diesen „Monte Trödelö“ auch live erleben und pedalten los. Auf keinen Velokarten oder Handy-Apps war ein soler „Monte“ erwähnt. Da wir Reiseberichte im TV immer genau anschauen und uns dazu noch Notizen machen, kramte meine Allerliebste diese hervor. Darin war eine ungefähre Richtung angegeben, wo sich dieses „Bergmassiv“ befinden sollte. Wir richteten das Navigantionsgerät ein und weiter gings auf Expeditions-Tour. Wir waren wirklich sehr neugierig, welcher Berg uns da erwarten wird, denn das Umland um Köln war doch eher flach. Man sah von Weitem Hochhäuser und Kamine, aber nirgens eine grössere Bodenerhebung, die den Namen „Monte“ verdient hätte.

Wir fuhren mehrere Stunden durch die Stadt, um die Stadt und zurück. Irgendwann entschlossen wir uns, Einheimische zu fragen, denn die würden sicherlich wissen wo ihr Hausberg zu finden ist. Komischerweise trafen wir nur auf Leute, die entweder noch nicht lange in Köln wohnten oder nur zu Besuch hier waren und beim Namen „Monte Trödelö“ genauso blöd aus der Wäsche schauten wie wir, wenn wir diesen Namen aussprachen. Wir fuhren und fuhren. Die Oberschenkel brannten und das Gesäss verbreitete ein ähnliches Gefühl.

Die Stimmung meiner Allerliebsten war gerade an dem Punkt angelangt, an dem Wasser sich verfestigt, als wir ein älteres Ehepaar trafen. Sie sassen auf einer Bank und irgendwie sahen sie kölsch aus. Wir beschlossen, noch ein allerletztes Mal nach dem Weg zu fragen und stiegen von den Fahrrädern.

Es war ein nettes Ehepaar, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Frage aller Fragen stellte: „Wo bitte gehts zum Monte Trödelö?“ Die beiden Ur-Kölner blickten sich an und begannen zu kichern. Wir standen da und kicherten nicht. Genau genommen war uns eher zum Heulen zu Mute, aber wir zogen unsere Mundwinkel hoch und hatten eben die Hoffnung verloren, diesen Kölner Berg jemals zu finden. Vielleicht waren wir schlicht zu blöd oder konnten unser Navigationsgerät nicht bedienen. Wir waren bedient und warteten nicht auf die Antwort des Ehepaares und bestiegen wieder die Sättel.

„Den Monte Trödelö, den gibts!“, sagte die ältere Frau. Ihr Mann ergänzte in einem urtypischen Kölner Dialekt: „Dat is aber wat Kölsches!“ Es stellte sich später heraus, dass wir sehr wohl den „Monte Trödelö“ gefunden hatten. Wir durchfuhren ihn sogar, ohne es zu wissen, denn ein Teil des Naherholungsgebietes der Stadt Köln entstand durch eine grosse Müllaufschüttung. Auf diesem Müllberg wuchs im Laufe der Jahrzehnte ein kleiner Wald und weil das Gebiet ein paar Meter höher liegt als die Stadt, nennen es einige Kölner „Monte Trödelö!“

Eigentlich hätten wir es wissen müssen. Die Kölner leben ja auch an diesem Rhein, wie wir Basler, oder die Düsseldorfer. Sogenannten An-Rheinern sagt man ja nach, dass sie ein lustiges Völkchen wären. Scherzkeckse, diese Kölner. Nun warte ich schon seit längerem auf Deutsche Touristen in Badesachen, die mich fragen: „Sie sagen Sie mal, wo lang gehts zu diesem Eglisee…?“

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Lack-Dose

Bitte versteht mich nicht falsch! Ich möchte mich hier nicht über Menschen lustig machen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Ich benutze täglich diese Sprache und mache trotzdem viele Fehler.

Die folgende Geschichte ereignete sich in einem guten, gepflegten Restaurant. Das Geschehene liegt schon viele Jahre zurück. Damals waren Lebensmittelunverträglichkeiten etwas Unglaubliches, so wie für viele heute das Gender-Sternchen.

Ich sass mit meiner Allerliebsten in diesem Restaurant. Ein paar Tage zuvor erfuhr ich von meinem Arzt, dass ich Milchprodukte meiden müsse, da mein Körper Laktose nicht verarbeiten könne. Mir war das so ziemlich furzegal, was mein Körper mit dieser Laktose anstellte, aber meine Allerliebste wollte mir die Bauchschmerzen und ihr meine Blähungen ersparen. Beim Bestellen des Essens fragte sie deshalb den Kellner, ob es Laktose im Hauptgericht habe. Der Kellner stutzte. Seine ungestutzten Augenbrauen zogen sich fast über seinen Kopf in die Höhe. „Was?“, fragte er mit leicht entsetzter, scherbelnder Stimme. Meine Frau wiederholte ihre Frage. Der Kellner wiederholte seine Reaktion. Er wolle in der Küche nachfragen und verschwand.

Wir sassen an diesem Tischchen in diesem wirklich angenehmen Restaurant. Eigentlich wollten wir die dort sensationell gekochten Speisen geniessen und keine Umstände bereiten. Meine Allerliebste, selber Gastroprofi, meinte lapidar, dass man im Service wissen müsse welche Zutaten die Gerichte beinhalten. Nach einigen Minuten kam der Kellner wieder zu uns an den Tisch. Er war aber nicht alleine. In seinem Schlepptau drei Herren in Kochkleidern. Sie sahen aus wie die drei Tenöre, einfach dass sie nicht hier waren um Arien zu schmettern. Der ältere Herr der dreien baute sich vor uns auf. Er schien ziemlich aufgeregt und sagte mit erregter, zittriger Stimme: „Herrschaften. Bei uns gibt’s nichts aus der Dose. Bei uns ist alles frisch!“

Stille. Dann prustete meine Allerliebste ungehemmt raus. Den letzten derartigen Lachanfall hatte sie, als sie mich zum ersten mal…ach lassen wir das.

Die drei Tenöre waren irritiert, so als ob sie was aus „La Traviata“ singen wollten aber der Kapellmeister was von „Helene Fischer“ anstimmte. Der Kellner verzog sein Gesicht, so als würde das Orchester „Helene Fischer“ spielen und ich versuchte das Missverständnis zu klären. Es dauerte ein Weilchen, bis „Plàcido“, „Luciano“ und „José“ begriffen, dass ich Laktose-Intolerant war. Während meine Allerliebste stossweise kleine Lachsalven ausstiess, so wie ich Luft nach Laktose-Konsum, versicherte mir der eine des Trio’s, dass sie selbstverständlich meinen Hauptgang für mich laktosefrei zubereiten würden. Sie verschwanden wieder in der Küche und meine Frau beruhigte sich langsam. Jedes Mal, wenn der Kellner an den Tisch kam, oder wir ihn sahen, gluckste sie wieder auf. Sie ist eben eine Frohnatur, meine Allerliebste. Endlich beruhigte sie sich.

Das Essen war köstlich, hervorragend gekocht und für mich gänzlich laktosefrei. Als wir die ganze Sache schon beinahe vergessen hatten und die Rechnung verlangten, kamen die drei Köche an unseren Tisch mit einer Erinnerung an diesen Abend: eine Dose Ravioli. Alle drei lachten nun los und es klang fast so wie ein „Multi Furioso“ der drei Tenöre, allerdings massgeblich gestört vom lauten Glucksen meiner Frau.

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Liefern auf Bestellung

Während des Corona-Lockdowns erfuhren Firmen, die Dinge auf Bestellung liefern einen regelrechten Boom. Aber ich will hier über eine andere „Lieferkette“ sprechen.

Meine Allerliebste Frau und ich sind stolze Eltern. Hundeeltern. Zwei Altdeutsche Möpse wohnen bei uns. Wer Möpse kennt weiss, dass wir eher bei ihnen wohnen. Aber auch das soll hier nicht das Thema sein.

Grund dieser Geschichte ist die tägliche „Lieferung“, die unsere Hunde am Morgen und zwei bis dreimal danach im Laufe des Tages „ausliefern“ sollen. Viellicht wissen Sie schon was ich da anspreche? Genau! Das Gassi-Gehen. Genauer gesagt, die Hinterlassenschaften bei diesen Rundgängen. Man sieht es schon ihren Gesichtern an, wenn man am Morgen aufsteht und das Zauberwort ausspricht: „Adda goh!“. Ihre Augen werden gross und rund und die Ohren schiessen in den Himmel. Ich rede mir dann jeweils ein, dass ihre süssen Gesichter Freude ausstahlen, aber vielleicht ist es auch nur die nackte Panik. Schon oft habe ich mir vorgestellt wie es ist, wenn jemand anderer sagt, wann ich auf die Toilette darf und wann nicht. Ich hatte deswegen schon Albträume. Da lag ich im Bett und ein grosser Hund reisst mich aus dem Schlaf, streift mir ein Halsband über und jagt mich bei Regenwetter vor die Türe. Da soll ich dann – so bald wie möglich – meine Geschäfte erledigen. Auch dann, wenn die Blase und der Darm so leer sind, wie die Fussballstadien an der letzten Europameisterschaft …ehm…nein…kein gutes Beispiel. Egal. Auf Bestellung etwas ausliefern, was nicht vorhanden ist, kann grossen Stress auslösen. Unseren beiden Möpsen ist dieser Stress manchmal anzusehen. Ich, mit der Robidog-Tüte in der Hand und vor mir ein gestresster Hund mit grossen Augen.

Weshalb ich aber diese Geschichte aufschreibe. Egal in welcher Verfassung, egal bei welchem Wetter und gleichgültig um welche Zeit. Unsere beiden Fellträger liefern immer pünktlich und in gewünschter Menge. Da könnten sich einige Lieferdienste eine Scheibe abschneiden, denn auf die letzte bestellte Pizza vor drei Tagen warten wir noch immer.

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Das Berliner Trauma

Vermutlich hat es mit meinem fortgeschrittenen Alter zu tun. Immer öfter kommen mir Geschehnisse von Früher in den Sinn. Dinge die ich erlebt, aber zwischenzeitlich verdrängt oder gar vergessen hatte. So auch dieses Erlebnis aus einer meiner Schnupperlehren.

Zanker hiess die Bäckerei/Konditorei an der Neuweilerstrasse (Ecke Steinbühlallee) in Basel. Leider gibt es die schon lange nicht mehr, obwohl diese damals ein Hotspot war- wie man heute sagen würde. Zu einer Zeit, als es noch keine Tankstellenshops gab und man am Sonntag nicht einfach irgendwo ein Dessert kaufen konnte, hatte der Zanker offen und dementsprechend war der Andrang gross. Die Menschenschlangen vor den Corona-Testzentren erinnern mich immer wieder an die sonntäglichen Patisserie-Verkäufe. Kurz und gut: Zanker war Spitzenklasse. Die Champions League des Bäckerhandwerks.

Klar wollte ich gerne ein Teil dieser Berufsgruppe sein, denn Bäcker und Konditoren sind in meinen Augen wahre Künstler. Mit wenigen Zutaten zaubern sie leckere Backwaren, von denen man nicht genug bekommen kann.

Ich bemühte mich also um eine Schnupperlehre. Das zu einer Zeit, in der man drei Telefonate machen musste um dann drei Zusagen zu erhalten. Heute müssen die Jungen ja ganze Prüfungen ablegen, bevor sie überhaupt die Chance auf eine Schnupperlehre bekommen. Ich tätigte also ein Telefonat. Natürlich mit dem Hintergedanken, dass man die süssen Schnittchen auch verkosten muss, bevor man sie jemandem anbieten kann. Herr Zanker – der Patron – war ein grosszügiger Mann. Die Znünipausen waren so, wie ich mir das vorstellte. Warme Gipfeli, frische Brote, Zopf und alles, was die Stimmung und den Blutzuckerspiegel in die Höhe treibt.

Ich erinnere mich auch, wie er ein grosses Blech voller wunderbarer Cremeschnitten aus dem Kühlraum trug. Eigentlich war es noch eine einzige grosse Cremeschnitte, denn geschnitten werden diese im gefrohrenen Zustand. Er muss meinen gierigen Blick gesehen haben, als er damit auf mich zu kam. Kurzerhand stellte er das Blech vor mich hin und fragte: „Habt ihr zu Hause gerne Cremschnitten?“ Natürlich! Wer nicht! Er nahm das grosse Messer, mit dem ich eigentlich die Schnittchen hätte schneiden sollen und schlug es auf die wunderbar glänzende Glassur. Er schaute mich an und sagte gespielt traurig: „Ohjee. Nun sind sie kaputt. Die können wir nicht mehr verkaufen. Salvi, nimm sie mit nach Hause, Lebensmittel werden nicht weggeworfen!“

Ich liebte Herr Zanker. Ich liebte seine Produkte. Ich liebte den Geruch von warmen Kokosmakronen, wenn sie aus dem Backofen kamen, ich liebte es Gipfeli zu rollen und Punschkugeln zu machen. Ich wollte eigentlich da nie wieder raus und aus einer Woche Schnupperlehre wurden so bereits 14 Tage.

Dann war Berliner-Tag. Ich wollte schon immer wissen, wie die Konfitüre in diese runden Leckereien kommt. Herr Zanker stellte mir einen grossen Wagen mit noch ungefüllten Berlinern vor die Nase. Dann installierte er eine Apparatur, die aus einem grossen Trichter, einer „Spritze“ und einem Hebel bestand. In den Trichter füllte er kiloweise Himbeerkonfitüre. Er nahm einen Berliner, stach ihn auf die Spritze und betätigte den Hebel. Der Berliner wurde so mit Konfi „geimpft“ , wie er es nannte. Dann schlug er mit seinen grossen Händen auf meine Schulter und sagte: „So Salvi, nun zeig was Du kannst!“ Er verliess den Raum und mein Ehrgeiz war geweckt. Ich wollte ihm beweisen, dass ich nicht nur korrekt, sondern auch noch schnell arbeiten konnte.

Ein Berliner nach dem andern wurde im Höchsttempo von mir geimpft. Kein Impfzentrum dieser Welt hätte da mithalten können. Irgendwann, ich war schon fast fertig, kam Herr Zanker zurück und stiess einen Schrei aus. „Salvi, was machst Du da? Dreh Dich mal um!“ Ich tat, was er befahl und ich war fassungslos. Hinter mir an der Wand klebte kiloweise Himbeerkonfitüre. Bis hoch an die Decke hat es der Brotaufstrich geschafft. Vermutlich war ich in diesem Moment genau so leer wie alle meine Berliner auf den Tabletts, denn ich hatte sie beim Aufspiesen mit der Spritznadel durchstochen, statt die Nadel nur bis in die Mitte der Berliner zu stossen.

Dann hiess es; putzen und für die nächste Woche gabs zu Hause als Vorspeise leere Berliner, zum Hauptgang ungefüllte Berliner und zum Dessert Berliner Trauma.

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Missverstanden

Der Mensch ist ein Nomade. Zu Urzeiten war es normal, sich irgendwo niederzulassen um dann, wenn alle Gräser abgefressen und alle Mamuts gegrillt waren, weiterzuziehen. Heute ist das total anders, aber in unserem Innern sind wir immer noch Mamut jagende Urmenschen.

Deswegen können wir nicht anders und müssen von Zeit zu Zeit weiter ziehen. Ich erinnere mich noch gut an eine Begebenheit mit meiner Frau. Wir zogen aus der Ostschweiz in die Region Basel und schauten uns Wohnungen an. In Riehen, nahe des Friedhofs, befand sich so eine Wohnung. „Dörte isch es schö ruhieg!“, meinte meine Allerliebste in ihrem allerliebsten St.Galler-Dialekt und wir trafen den Hausverwalter. Dieser war in einen grauen Arbeitskittel gehüllt, hatte eine Mütze auf und trug eine etwas altmodische Hornbrille. Er entsprach voll und ganz dem Gliche eines Hauswartes. Bereitwillig zeigte er uns die leere Wohnung, die vermutlich seit den 70-er Jahren nicht mehr aufgefrischt wurde. Da Frauen -meine ist da keine Ausnahme- in der Regel sehr heikel sind, wenn es um den Zustand des WC’s geht war meine Allerliebste etwas schockiert. Die Farbkombination Orange-Braun an den Wänden und am Boden löste bei ihr etwas Unbehagen aus. Deshalb fragte sie den Hausmeister: „Wa isch planet? Wird da do no renoviert?“ Der Hauswart schaute meine Frau lange an, sagte nichts und blickte schliesslich zu mir: „Was het die jetzt gseit?“ Offenbar stand er mit dem Ostschweizer-Dialekt und den Umgangsformen auf Kriegsfuss. Meine Frau verliess mit einem vielsagenden Blick die Toilette, während ich dem Mann ins Baseldeutsche übersetzte.

In der Küche angelangt wiederholten sich die Farben an den Wänden und die Fragen meiner Frau: „Wird do no öbbis gschtriche, oder usgwechslet, da sieht jo scho es bitzli verlebt us.“ Nun war der Hauswart schnell. Er schaute mich an und meinte etwas genervt: „Ich verstand die eifach nit!“ Meine Allerliebste verstand hingegen sofort und verliess die Wohnung, blieb am Eingang kurz stehen, drehte sich um und sagte zu mir: „Du chasch dem Typ sege, die isch gange!“ Auf die Übersetzung verzichtete ich und verabschiedete mich vom Graukittel, der ratlos in der Wohnung zurück blieb.

Im Auto regte sich meine Frau tierisch auf. Ihre ostschweizer Flüche musste sie mir auch übersetzen. Sie war empört darüber, dass der Hausmeister sie in dritter Person angesprochen hatte. Später beruhigte sie sich und fand die Lage der Wohnung sowieso nicht optimal: „Weisch, da isch mir znöch am Friedhof. Wenn du de gstorbe bisch will ich dich nöd als Nobur ha!“ Ich regaierte nicht sonderlich überascht und meinte nur: „Was het jetzt die gseit? Ich verstand die eifach nit!“

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Ein ganzes Leben in einer Tasche

Sie scheint um die 60 Jahre alt zu sein. Vielleicht ist sie aber auch jünger und das harte Leben auf der Strasse lässt sie älter wirken. Sie trägt einen verlebten Mantel und immer wenn ich sie sehe die selben Kleider. An ihren Füssen baumeln ausgelatschte Flip-Flops, und an einem Arm hängt eine prall gefüllte Einkaufstasche mit ihren Habseligkeiten.

Frühmorgens treffe ich sie oft schlafend in einem kleinen Hauseingang an, oder sie sitzt, halb liegend, auf einer Parkbank. Nie habe ich sie essen oder trinken sehen. Nie habe ich sie sprechen gehört. Nie fragt sie jemanden um Geld.

Ihr Gesicht ist nicht zu erkennen. Sie zieht die Kapuze ihrer Jacke immer tief über die Stirn, trägt eine Sonnenbrille und eine Hygienemaske. Gerne würde ich mehr über ihr Schicksal erfahren. Was sind die Gründe, dass eine Frau unter freiem Himmel leben muss? Gab es einen Schicksalsschlag, eine falsche geschäftliche Entscheidung, eine Scheidung, oder trieb eine Sucht die Frau dorthin wo sie nun ist? Zeigt sie ihr Gesicht nie, aus Scham, vielleicht erkannt zu werden, oder ist das die einzige Möglichkeit, im öffentlichen Raum sich eine gewisse Privatsphäre zu schaffen? Sie einfach anzusprechen und zu fragen, das wage ich nicht. Das empfände ich als übergriffig.

Jedes Mal wenn ich ihr begegne, kommen seltsame Gefühle in mir hoch. Da ist ein saublödes „Glücksgefühl“. Mir geht es besser. Da bin ich auch sehr froh darüber, schäme mich aber gleichzeitig so zu fühlen. Aber da ist auch Traurigkeit. Mitleid, Wut und Ohnmacht kommt in mir hoch darüber, dass es Menschen gibt, die so weit abrutschen können, wie diese Frau. Das hat keiner verdient. Aber muss man sich sowas „verdienen“? Oft tröste ich mich aber auch damit, dass ich mir einrede, sie habe diese Situation bewusst gewählt und gewollt. Aber auch dieses Gefühl hält nicht lange an, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich ein Leben auf der Strasse aussucht. Ohne festen Schlafplatz. Ohne fixe Toilette. Ohne Geborgenheit. Von allen angestarrt und geächtet.

Je länger ich mir vorstelle, wie das wohl sein mag, obdachlos zu sein, umso mehr Respekt empfinde ich für diese Frau. Sie hat nie aufgegeben. Egal welche Brocken das Schicksal ihr in den Weg gelegt hat. Sie hat durchgehalten und sich zwei Dinge bewahrt: Ihre Würde und eine Tasche mit Habseeligkeiten.

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Unten ohne

Egal in welcher Stimmung Petrus gerade ist. Ob es schneit, regnet,hagelt oder die Sonne erbarmungslos die Tauben auf den Dächern grillt; er ist immer barfuss unterwegs.

Der Man ist schwer zu schätzen. Vermutlich ist er zwischen 25 und 50 Jahre alt. Keiner weiss was er tut, aber was er macht sieht man. Er macht sich nichts aus Schuhen. Offensichtlich. Zu jeder Tages-und Nachtzeit ist er unten ohne unterwegs. Mit nackten Füssen geht er durch die Stadt, so als ob es das Normalste der Welt wäre. Zugegeben: Es ist das Normalste, aber keiner tut es. Er schon.

Vermutlich ist seine Hornhaut an den Fussohlen bereits widerstandsfähiger als die Sohlen meiner Winterstiefel, denn egal ob der Mann über heissen Asphalt spaziert, oder über spitze Steinchen flaniert, es scheint ihm nichts auszumachen. Seine Zehen sind schwarz wie die Businessschuhe eines Bankers und man sieht ihnen an, dass sie nicht verschohnt werden.

„Der macht das schon, seit ich ihn kenne“, flüstert mir ein Passant zu, der bemerkt hat wie ich dem nacktbefussten Mann erstaunt nachblicke. „Ach Sie kennen ihn?“, erwiderte ich freudg, denn ich rechnete damit nun Insiderwissen zu erhalten. Es stellte sich heraus, dass er ihn ihn auch nur vom Sehen „kennt“, er habe aber mal gehört, dass der Mann stets barfuss sei, damit er die Welt besser spüre.

„Bodenhaftung. Verstehen Sie?“ Mit einem vielssagenden Blick fügte der Passant hinzu. „Alle schauen ihm nach, dabei ist er ja nur unten ohne. Aber die meisten Menschen gehen oben ohne durchs Leben!“ Nun öffnete er die Augen noch weiter und hob dazu vielsagend die Augenbrauen. Er tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn. „Vertsehen Sie? Oben ohne… ohne Hirn…!“ Er hätte seinen Witz nicht erklären müssen, denn ich hatte die Pointe bereits erahnt und verstanden.

Er wiederholte seinen Gag noch ein paar Mal und machte sich wieder auf den Weg. Dabei verhedderte er sich mit meiner Hundeleine, an deren Ende mein kleiner Mops noch grössere Augen machte, da der arme Hund beinahe stranguliert wurde. Der Passant stolperte und fiel flach vor mir auf den Boden.

Selbstverständlich half ich ihm auf. Der Passant sagte nichts und ich dachte nur: „Ja, ich verstehe…oben Ohne…“

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Geschichten aus Basel

Toiletten-Gespräche

Nein, ich gehöre definitiv nicht zu den Menschen, die auf der Toilette lange Telefongespräche abhalten. Ebenso mag ich keine Konversationen zwischen zwei Schüsseln, durch die Trennwand hindurch. Der Toilettengang ist für mich etwas, was nur mich angeht und keiner daran teilhaben muss.

Offensichtlich werde ich alt, denn die jüngere Generation scheint da weniger „bünzlihaft“ zu sein.

Auf dem Münsterplatz gibt es eine selbstreinigende Chromstahl-Toilette. Türe auf. Türe zu. Die Sitzung kann beginnen. Danach verlässt man seine Einzelzelle und das Teil reinigt sich von alleine. Letztes Jahr habe ich beobachtet, wie ein Tourist währen der Reinigung vergeblich versuchte, in die Toilette zu kommen. Ich vermutete, er habe grossen Drang bis ich sah, dass er seinen Fotoapparat in der Toilette vergessen hatte. Nach seinem Gesicht zu schliessen, fand er das ziemlich „verschissen“, obwohl der Apparat – so wie er tropfte – sehr sauber geworden war.

So etwas erlebte ich nun länger nicht mehr. Allerdings passiert es immer häufiger, dass aus der Toiletten-Kabine Stimmen und laute Lacher zu hören sind. Oft sind es Stimmen von mehreren Menschen.

Obschon ich mich nicht zu den neugierigsten Menschen zähle wollte ich irgendwann wissen, was darin vorgeht und blieb, mit etwas Sicherheitsabstand, stehen und behielt den Chromstahl-Container im Blick.

Auf einmal öffnete sich die Türe und es traten fünf Mädchen auf den Platz. Wohlgemerkt: die Toilette bietet eine Schüssel, aber wie es scheint genug Platz für eine halbe Fussballmannschaft…Frauschafft. Ein anderes Mal hörte ich Gesang aus der Toilette und wenig später verliessen vier Frauen das eigentliche stille Örtchen, das zunehmend lauter wird.

Aus reiner Neugierde betrat ich unlängst diese Toilette und schloss die Türe hinter mir. Was ich da antraf war wenig spektakulär. Ein ungemütlicher Zweckraum mit leicht zu reinigenden Oberflächen und einem Raumgeruch, den ich spontan zwischen verstorbenem Fisch und alten Turnschuhen einordnen würde. Genau genommen roch es nach einem toten Fisch mit abgestorbenen Turnschuhen. Warum man in einem solchen WC Dinge tut, die vom Erfinder hier nicht vorgesehen waren, tut, ist mir schleierhaft. Aber eben; vielleicht bin ich zu alt, um dies zu begreifen. Daher entschloss ich mich, einfach das nächste Mal zu fragen, wenn es aus der Toilette lacht, singt, oder grölt.

Gestern war es soweit. In der Toilette war gerade Hochstimmung und sie spuckte wenig später sechs Jugendliche – Buben und Mädchen zwischen 14 und 16 Jahre – aus. Ich trat auf einen zu und fragte unverblümt: „Warum geht ihr in der Gruppe auf die Toilette?“ Der Junge schaute mich an und er wirkte, als ob er gerade von einem Alien angesprochen worden war. Offensichtlich verstand er meine Frage nicht. Ich bemerkte, dass er sich nervte und er sagte knapp: „Wir besammeln uns hier und chillen!“

Chillen. Ach so. Ja. OK. Ich konnte darauf nichts sagen und ging wortlos weiter. Bisher war für mich die Toilette ein Ort den ich nicht mit Chillen, sondern vielmehr mit „Pressen“, „Erleichtern“ oder „Erlösen“ verbunden habe.

Als ich zu Hause dann zu meiner Frau sagte, ich müsse noch kurz chillen und auf die Toilette ging, hatte sie den selben Blick wie der Jugendliche als ich ihn angesprochen hatte.

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Wenn das Basler Münster bebt

Es ist alt. Sehr alt. Genau 1002 Jahre hat es auf dem Buckel – auf dem Münster-Buckel; das Basler Münster. Jedes Mal wenn ich daran vorbei schreite, blicke ich hoch zu den beiden Türmen und denke: „Vor über 1000 Jahren haben sie den selben Himmel gesehen wie ich heute. Wahnsinn!“

Mächtig dieser Sandsteinbau und robust. Im Jahre 1356 beim grossen Erdbeben hielten nur zwei Türme von fünf stand – aber sie trotzten der Erschütterung.

Auch heute bebt das Münster gelegentlich. Es sind keine Nachbeben, sondern die Frequenzen der mächtigen Kirchenorgel, wenn diese ihre Luft durch die Pfeifen presst. Nicht selten, wenn ich spät am Abend nach Hause komme und über den menschenleeren Münsterplatz laufe, höre ich sie schon von Weitem. Ihre mächtigen Akkorde, die tiefen Bässe und die wunderbaren Melodien begleiten mich von der Augustinergasse bis zum Münsterberg. Oft bleibe ich auch einfach vor dem Hauptportal des Münsters stehen und höre der Orgel zu. Als ich frisch in die Innenstadt zog, erschrak ich, als ich morgens um fünf die Kirchenorgel hörte. Dann erklärte mir mal jemand, dass die Musiker irgendwann üben müssen und dass dies zu Randzeiten am besten möglich sei.

Vor ein paar Tagen war wieder Üben angesagt. Die Orgel, so schien mir, war noch nie derart laut. Vermutlich hat die Organistin oder der Organist alle Register gezogen, die zur Verfügung stehen. Traumhaft diese Kraft. Mächtig diese Stimmung. Ehrfürchtig dieser Klang. Ich stellte mir den Organisten vor, wie er kraftvoll und mit verschwitzten Haaren die Tasten bearbeitet, wie seine besockten Füsse wild über die Fusstasten tänzelten. Ich sah ihn direkt vor mir, wie sein mächtiger Oberkörper rasch nach vorne und zurück pendelte und wie sein Blick, fast wie in Trance, vom Notenblatt auf die tasten und zurück wechselte. Ich dachte mir, dass jemand der so Orgel spielt schon viel Lebenserfahrung haben muss und durchtrainiert sein sollte.

Irgendwann verstummte die Orgel. Ich stand jedoch noch immer da. Im Sandstein des Münsters schien das Dröhnen der Orgel noch nachzuhallen. Ich begab mich auf den Heimweg. Neben dem Hauptportal öffnete sich plötzlich eine Türe und eine Frau kam raus. Eher schmächtig, klein, dünn und in T-Shirt und kurzen Hosen. Eine Passantin ging auch gerade über den Münsterplatz, sah die Frau und rief ihr zu: „Schluss mit Üben?“ Die kurzbehoste Frau drehte sich um und gab zurück: „Ja, jetzt kann ich’s. Am Sonntag will ich es spielen!“

Seither, wenn ich kleine, zierliche Damen antreffe denke ich immer, dass dies vielleicht eine Kirchen-Organistin ist. Und ich weiss nun, dass diese den Ton angeben können.

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Der Mann der nie grüsst

Schon mal vorweg: Einen Gruss nicht zu erwiedern empfinde ich als beleidigend. Egal ob die Person, die ich grüsse meiner Sprache mächtig ist oder nicht. Jeder kann sich vorstellen, was ein Passant, der an einem vorbei geht, in etwa sagt, wenn er einen Laut von sich gibt. Er wird wohl kaum nach dem Weg fragen, oder eine längere Auskunft erwarten wenn er „Hello“, „Hi“, „Bon giorno“ oder was auf Chinesisch sagt.Und auf mein „Guten Tag“ einfach nichts zu sagen macht mich vor allem bei Menschen wütend, die ich jeden Tag sehe.

Da gibt es diesen Schulhausabwart. Ich werde mich hüten, die Schule zu benennen, aber ich treffe diesen Mann eigentlich täglich. Seit nun fünf Jahren sage ich jedes mal „Grietzi“, wenn wir uns auf der Strasse kreuzen. Seit fünf Jahren bleibt er stumm. Zuerst dachte ich, dass er vielleicht nichts hört und dann dachte ich, dass er womöglich nicht sprechen kann. Irgendwann traf ich ihn aber beim Schwatz mit jemand anderem.

Das motivierte mich noch mehr und ich grüsse ihn seitdem noch offensiver: „GRIETZI“. Meist etwas zu laut, überbetont und seit gut zwei Jahren mit einem leicht aggressiven Unterton. Kein Erfolg. Mein Ärger ist seit einigen Wochen einer Bewunderung für diesen Mann gewichen. Er scheint ja durchaus eine Linie zu haben, wenn er meinem Gegrüsse derart standhaft widerstehen kann. Er zieht es durch. Ich aber auch!

An Tagen, an denen ich den Schulhausabwart nicht sehe, da fehlt mir richtig was. Da bin ich unausgeglichen und beobachte mich, wie ich die Blicke fremder Passanten suche um ihnen mein „GRIETZI“ um die Ohren zu hauen. Die sagen darauf auch meist nichts, aber das macht mit denen keinen Spass. Ich brauche diesen sozialunkompetenten Blindgänger von Schulhausabwart damit mein Tag ein guter Tag ist. Er motiviert mich täglich, dass ich nicht irgendwann auch derart abgelöscht und menschenfeindlich werde, wie er.

Nun sind Sommerferien. Ich frage mich, was dieser Schulhausabwart in diesen sechs Wochen tut. Geht der auf eine Städtereise, läuft durch die Strassen und grüsst jeden, der ihm entgegen kommt? Denn irgendwann muss doch jeder Mensch mal etwas tun, was er sonst nie tut. Falsch gedacht. Er hat keine Ferien. Ich sah ihn heute. Er kam mir entgegen und noch bevor ich was sagen konnte sagte er: „Hallo“. Völlig geschockt brachte ich kein Wort über die Lippen und blieb stumm.

Nun habe ich mir vorgenommen, dass ich beim nächsten Treffen nichts sage und wenn er dann wieder grüsst, dann tauschen wir die Rollen für die nächsten fünf Jahre.



		
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Scherben bringen Glück?

Ich glaube nicht, dass jedes Sprichwort tatsächlich eine Wahrheit birgt. „Scherben bringen Glück“ schubladisiere ich eher in die Kategorie „Wunsch“. Nach dem man Scherben gemacht hat, muss es ja mal wieder Glück regnen. Wenn ich aber durch Basel spaziere habe ich oft das Gefühl, dass es Leute gibt, die dieses Sprichwort auf die Probe stellen, denn an vielen Orten ist der Boden regelrecht „verglast“, derart viele Scherben liegen rum. Ein Passant wetterte unlängst auf der Pfalz, als er das Scherbenmeer entdeckte: „Basel isch e Schäärbehuffe!“

Tatsächlich fällt mir das auf, seit ich regelmässig mit zwei kleinen Mops-Damen Gassi gehe. Nicht selten wird der Spaziergang so zum Hindernislauf, möchte ich doch verhindern, dass einer meiner Hunde in ein Stück Glas einer zerdepperten Wodkaflasche tritt. Dann brächten diese Scherben alles andere als Glück.

Besonders schlimm ist es nach schönen Abenden – meist Donnerstag, Freitag oder Samstag – da trafen sie sich, die Flaschenkiller zum „Rudelsaufen“ auf der Pfalz oder anderswo. Offensichtlich macht es grossen Spass mit einem erhöhten Alkoholpegel, die leeren Flaschen einfach auf dem Boden zu zerschlagen, statt diese im Abfalleimer zu entsorgen. Irgendwie kann ich mir diese Leute nicht recht vorstellen, die solche Dinge tun und sich dafür nicht schämen. Da muss der „Pegel“ schon recht hoch sein, dass die Hemmschwelle derart ins Bodenlose sinkt.

„Das isch das junge Party-Pack!“, wetterte der besagte Passant weiter und sagte darauf noch Dinge, die ich hier nicht ohne weiteres wiedergeben kann, denn mein „Pegel“ ist noch lange nicht so hoch, dass meine „Hemmschwelle“ dies zulassen würde. Egal wer es ist, von wo er kommt und was sich gerade in seinem Blutkreislauf aufhält. Es ist einfach nur dumm. Oder ein Statement? Die Frau des Passanten war weniger erbost und zeigte sogar Verständnis: „Die junge Lyt vo hyt, die derfe jo äu nyt meh mache. Do lehn die ebbe eso e weeneli Dampf ab…“ Ihr Mann tat das darauf auch und schnaubte seine Gattin an. Dies wiederzugeben erspare ich der Leserschaft, denn auch das war nicht ganz salongfähig.

Egal ob aus Frust, Übermut, Dummheit oder weil man schlicht betrunken und zugedröhnt ist. Solche Scherben bringen nichts. Schon gar kein Glück.

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Der Mann im Rock

Man sieht den älteren Herrn nicht oft. Manchmal sitzt er auf einer Bank, mit dem Rücken zum Passantenstrom. Dann ist er kaum als Mann zu erkennen, denn seine länglichen Haare wirken wie die einer Frau. Auch von weitem, wenn er läuft lässt sein Gang kaum darauf schliessen, dass da ein Mann in Frauenkleidern die Strasse lang geht. Sieht man sein Gesicht einmal aus der Nähe, erkennt man sofort, dass es kaum weibliche Züge hat. Seine verlebte Haut und die tiefen Falten deuten darauf hin, dass er so einiges erlebt haben muss. Wenn man ihn grüsst, dann bekommt man immer ein leicht flüsterndes „Hallo“ zurück.

Nie traf ich den Mann im Rock, wie er mit jemand anderem unterwegs war, oder mit einem anderen Menschen in ein Gespräch verwickelt gewesen wäre. Stets spaziert er in seinen Damenschuhen alleine durch die Stadt. Es kommt vor, dass ich ihn monatelang nie treffe um ihn dann fast täglich zu sehen. Nie hatte ich den Mut, ihn anzusprechen. Ich spreche ja auch sonst nicht einfach so Menschen an. Wieso dann ausgerechnet ihn? Sicherlich würde er denken, dass ich ihn nur anspreche, wegen seiner Kleider. Vielleicht stimmt das auch, denn ein Mann in gesetzterem Alter in Frauenkleidern ist auch im Jahr 2021 kein alltäglicher Anblick. Oft habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, warum ein Mann als Frau auf die Strasse geht. Ist es ein Fetisch, eine sexuelle Ausrichtung, oder will er uns alle, die wir „normal“ sind damit nur provozieren?

Bis gestern war er für mich ein Sonderling, ein unangepasster Einzelgänger, der mir mit seiner Art der Kleidung sagen will, dass ich ein angepasster Spiesser bin. Bis gestern. Heute erfuhr ich von jemanden, der diesen Herrn persönlich kennt, dass der ältere Herr nur an bestimmten Tagen das Haus in Frauenkleidern verlässt. Am Tag des ersten Treffens, am Tag der Verlobung, der Hochzeit, des Geburtstages und des Todes. Er trägt dann immer die Lieblingskleider seiner verstorbenen Frau, deren Tod er bis heute nie verkraftet habe. Wenn er an diesen Tagen in ihren Kleidern durch die Stadt spaziert, ist er ihr wieder näher. Als ich das hörte schämte ich mich dafür, dass ich ihn als „Sonderling“ abtat. Wenn ich ihn das nächste Mal treffen sollte, dann werde ich ihn ansprechen. Das habe ich mir fest vorgenommen. Ich weiss auch schon was ich sage: „Hallo. Ihre Frau hatte den besten Mann, den sie sich hat wünschen können!“

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Die Frau mit dem Mops

Egal wann ich in Basel unterwegs bin, ob am Morgen, am Nachmittag oder am Abend, ich treffe sie. Die ältere Dame und ihren Mops. Sie: Leicht bucklig mit den Händen hinter dem Rücken und gesenktem Blick. Er: Mit einigem Abstand hinter dem Frauchen, motiviert aber keuchend.

Beide scheinen wie ein altes Ehepaar, die sich im Laufe der Zeit arrangiert haben. Sie gibt den Ton an und die Richtung und der Mops trottet artig hinterher. Von Zeit zu Zeit bleibt der Mops stehen, beschnuppert einen Laternenpfahl oder einen vergessenen Abfallsack. Zeitlich verzögert bleibt auch die ältere Dame stehen und dreht sich zum Mops um. Es folgt ein kleiner, kaum hörbarer Befehl, ein leises Pfeifen oder auch nur ein „Kumm!“ und die vier kurzen staksigen Beine bewegen sich wieder.

Letzte Woche traf ich beide wieder auf der Pfalz. Sie kamen von der Augustinergasse her auf den Münsterplatz. Frauchen war bereits bei den Bäumen angelangt, als der Mops die Gasse hinter sich gelassen hatte. Er war auch schon besser zu Fuss und es schien, dass er nun mehr Pausen einlegte und dies in kürzeren Abständen. Ich beobachtete beide, wie sie unter den Bäumen durch den feinen Kies schlurften. Die spielenden Kinder waren dem Mops egal und es schien, als ob er seine ganze Energie auf diesen Spaziergang bündelte.

Gestern musste ich zur Schifflände und wählte wieder den Weg über den Münsterplatz. Die ältere Dame trottete gemütlich aus der Rittergasse vor das Münster. Da ich nicht in Eile war, blieb ich stehen und wartete bis der Mops hinter ihr auftauchte. Ich wartete. Die alte Frau war schon auf der Höhe des Brunnens, doch kein Mops zu sehen. Erst als sie schon fast den ganzen Platz überquert hatte und aus der Rittergasse noch immer kein Keuchen, Schnauben oder Röcheln zu hören war wurde mir klar, dass kein Mops auftauchen würde. Als sie sich dann umdrehte, in Richtung Rittergasse blickte und kein „Kumm“ als Aufforderung flüsterte, fielen mir ihre trüben, feuchten Augen auf.