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Geschichten aus Basel

Warum ich keinen Alkohol mehr trinke

Nein, es ist nicht aus religiösen Gründen und nein, es ist auch nicht aus seriösen Gründen! Ich trinke tatsächlich keinen Alkohol mehr, weil ich ein Erlebnis hatte – und was für eines.

Ich war noch jung. So beginnen oft die schlechtesten Ausreden. Ich war aber wirklich noch jung und das Wort NEIN gab es in meinem Wortschatz nicht. NEIN zu sagen war damals für mich sowas wie sagen zu würden: BEHALTET DIE MILLIONEN ICH WILL SIE NICHT. Nein-Sager würden nichts erleben und das Allerbeste nur vom Hörensagen kennen. Ich wollte aber mitten drin sein. Im Auge des Orkans. Genau dorthin brachte mich dieses Erlebins auch und noch viel weiter.

Ich war etwas älter als 18 Jahre. Damals spielte ich echt gut Akkordeon. Das wussten ein paar Leute und ich wurde deswegen oft zu Feiern eingeladen. „Du darfst Dein Instrument gerne mitnehmen!“, sagten sie und meinten „Du darfst nur kommen, wenn Du gratis musizierst!“ Erst viele Jahre später war mir klar, dass die einen billigen Unterhalter wollten und an mir als Person keinerlei Interesse hatten. Egal. Als Gegenleistung erhielt ich unbezahlbare Erlebnisse, die mich geprägt haben. So wie dieses.

Es war ein 30. Geburtstag. Fragen Sie mich bitte nicht von wem. Ich glaube auch, dass ich das Geburtstagskind nicht kannte, sondern über sieben Ecken eingeladen wurde. Ich sass also in diesem Cliquenkeller, wo das Fest gefeiert wurde. Ich spielte Akkordeon und es wurde getanzt und gesungen. Damals trank ich wenig Alkohol und zum Musizieren eher noch weniger, denn ich wollte eine gute Leistung abliefern. Aus irgendeinem Grund fiel es mir erst zu spät auf, dass mir sändig jemand Weisswein nachgoss und ich das Glas immer häuffiger leerte. Nach ein paar Stunden bemerkte ich, dass ich Dinge spielte, die ich noch nie zuvor geübt oder gar gehört hatte und irgendwann konnte ich AKKORDEON nicht mehr aussprechen. Zu diesem Zeitpunkt war das Fest schon ein paar Stunden im Gange und die Gesellschaft machte sich auf, durch die Stadt zu ziehen. Ich zog mit, oder besser, man zog mich mit, denn gehen war irgendwie auch nur noch mit Unterstützung möglich. Ich war betrunken. In diesem Zustand sagt eine innere Stimme: „Jetzt bist du ja bereits besoffen, nun spielt es auch keine Rolle mehr!“ Natürlich hat diese innere Stimme recht und unrecht zugleich, denn zu diesem Zeitpunkt mit Sauffen aufzuhören, hätte mir einiges erspart. Aber folgsam wie ich bin hörte ich auf meine innere Stimme.

Ich zog mit der Gesellschaft von Lokal zu Lokal und trank mich durch einige Getränkekarten, liess aber die alkoholfreien Getränke meist aus. Irgendwann betraten wir einen Club. OK, ich war betrunken, hatte mich aber zu diesem Zeitpunkt besser im Griff als auch schon. Leider stolperte ich beim betreten des Etablissements (was mir nüchtern auch hätte passieren können) und hielt mich an einer Gummi-Palme fest. Da ich schwerer war als die künstliche Pflanze mit Topf gab sie meinen 100 Kilo nach und fiel. Kennen sie die Kettenreaktionen, wie man sie mit Dominosteinen erzielt? Das geht auch mit Gummi-Palmen! Die erste Palme knallte auf einen Tisch, an dem ein junges Pärchen sass. Diese sprangen auf und stiessen dabei die nächste Palme um…und so weiter. „Heute ist Palm-Sonntag!“, soll ich ausgerufen haben und der Lokalbesitzer gab mir lebenslanges Hausverbot. Kurz nach diesem Ereignis habe ich keinerlei Erinnerungen mehr an diesen Abend, obschon er noch sehr lange dauern sollte.

Am nächsten Tag, es war ein Sonntag wachte ich mit Brummschädel, aufgeschürften Händen und Knien auf einem mir unbekannten Sofa auf. Die Uhr sagte es sei 17 Uhr und ich lag in einer fremden Wohnung. Ich versuchte irgend etwas Vertrautes in meiner Umgebung zu finden. Nichts! Ich stand vorsichtig auf. Alles drehte sich und mir war speiübel. Ich ging zur Wohnungstüre und öffnete sie. Auch der Hausgang kam mir verstörend fremd vor. Mein Blick auf den Namen an der Türklingel brachte auch keine klärenden Ergebnisse. Wo um himmels Willen war ich? Als ich mich entschloss, nochmals ungefähr 30 Stunden zu schlafen kam mir ein Mann in einer Tangaunterhose entgegen. Er holte sich was zu trinken in der Küche: „Ausgeschlafen?“, fragte er mich und ich fragte ihn, wo ich bin. „Du bist in Reinach, wir kennen uns nicht, aber wir haben dich auf der Strasse aufgelesen und dachten, es wäre besser, wenn du nicht auf der Strasse schläfst!“ Was ich da hörte löste bei mir Panik aus! Was war geschehen?

Der Barmherzige-Ritter in Tangahose erklärte mir in Kürze, fast stichwortartig, was geschehen war:

  • Rausschmiss aus dem Lokal mit dem Palmen-Domino
  • Dann wären sie spontan mitgekommen in die nächste Bar
  • Dann in die nächste und so weiter
  • Ich hätte überall ziemlich getrunken
  • Ich hätte irgendwann eine 30-Minütige Impro-Comedy-Show gemacht, die soll der Hammer gewesen sein (?????)
  • Dann hätte ich einen Typen mit Bart heiraten und mit ihm – in der Bar – Kinder machen wollen (!!!!!!!!!)
  • Dann hätte ich demonstriert, wie man im Militär robbt – quer über den Messeplatz
  • Die Polizei wollte mich verhaften, hat aber davon abgesehen, weil sie nicht wollten, dass ich den Einsatzwagen vollkotze
  • Im Kleinbasel hätte ich mich ausgezogen um meine Kleider den Bedürftigen zu spenden
  • Dann hätte ich mich ans Rheinufer gelegt und wollte schlafen bis ich penisoniert würde

Und das alles habe ich nicht mitbekommen! Filmriss!! Aus dem anfänglichen Schock wurde eine Schockstarre. Ich war dermassen durcheinander, dass ich nicht wusste, was ich nun tun sollte. Ich bedankte mich bei dem Mann im Tanga und vergewisserte mich noch, ob ich denn mit dem Bärtigen in der Bar nun Kinder gemacht habe…. NEIN! UFFFFF!

Es war eine Mischung aus Peinlichkeit, Wut, Kontrollverlust und Scham, was ich damals verspürte. So viel zu trinken, dass man Dinge erlebt, an die man sich danach nicht erinnern kann. Es kam mir so fremd vor. Ich kam mir so fremd vor. Ohne dass ich das ausgesprochen oder mir bewusst vorgenommen hätte trank ich nach diesem Erlebnis keinen Alkohol mehr. Klar gab es unterdessen den einen oder anderen Anlass mal ein Bier zu viel zu trinken, aber ich wäre nie mehr nur in die Nähe eines derartigen Filmriss gekommen. Dazu kommt noch, dass wer nie was trinkt, gar nie mehr so viel trinken kann, dass er so die Kontrolle verliert. Vorher schlafe ich ein oder muss mich hinlegen.

Das Lokal mit den Palmen gibt es noch, einfach ohne Palmen. Und wer der nette Mann in der Tanga-Unterhose in Reinach war, habe ich bis heute nicht rausgefunden. Falls er noch lebt, falls er das liest; Danke nochmals!

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Geschichten aus Basel

„La Paloma“ – ohje

Weil mein Grossvater der festen Überzeugung war, dass ich musikalisch sei, schenkte er mir irgendwann mal ein Akkordeon. Es war eines aus Plastik aus der Spielwarenabteilung. Ich war damals sechs Jahre alt, nahm das Ding in die Hand und – so sagt man sich in der Familie – spielte sogleich damit bekannte Melodien.

Mein Grossvater nannten wir „Dolce“ und tatsächlich war er „süss“, denn wenig später brachte er ein Akkordeon nach Hause. Ein richtiges. So besuchte ich dann die Musikschule und blieb diesem Instrument (bis heute) treu. Nach ein paar Jahren beherrschte ich diese „Quetschkommode“ recht ordentlich und die ersten Anfragen schneiten rein: „Könnten Sie an unserem Geburtstagsfest einwenig was spielen kommen?“ Da ich damlas nur das Wort JA als Antwort kannte und ein NEIN mir nur über die Lippen kam, wenn meine Eltern beim verspäteten Eintreffen nach dem Ausgang fragten ob ich Alkohol getrunken hätte, lag schon bald der erste Engagementvertrag auf dem Tisch. Genau genommen war es nur eine mündliche Abmachung per Telefon. Da ich damals, was die Lebensjahre und das Vereinbaren von verbindlichen Abmachungen betrifft, noch etwas unerfahren war, notierte ich mir lediglich das Datum, die Uhrzeit meines Eintreffens und die Art der Feierlichkeiten an denen ich aufspielen sollte; Geburtstagsfest.

Die Wochen vor meinem ersten Akkordeonauftritt verbrachte ich mit üben von bekannten Schlagern, Evergreens und sonstigen Stücken. Ich beschränkte mich dabei vor allem auf gut und einfach zu spielende Werke, denn die Gäste an der Feier waren ja nicht zu einem Akkordeonkonzert eingeladen worden. Das was ich da übte, taugte also bestens für den Hintergrund oder für die Berieselung von Fahrstühlen.

Dann kam der Tag X. Es war ein Samstag und ich sollte so gegen 15 Uhr eintreffen, da die Geburtstagsgesellschaft nach dem Essen im Hotel Rössli dann zum gemütlichen Teil übergehen würde. Ich betrat das Hotel, welches im Ort in dem ich Aufwuchs zum Besten der Besten zählte. Im Eingangsbereich angelangt hatte ich drei Möglichkeiten: Nach Rechts ins Restaurant, nach Links zum Saal oder nach Unten zur Kegelbahn. Aus dieser hörte ich Stimmen und lautes Lachen. Für mich war es eindeutig: Das Geburtstgasfest war im vollen Gange und sie hatten es offensichtlich sehr lustig. Ich stieg herab und öffnete die Türe zur Kegelbahn. Ungefähr 30 Personen hielten sich dort auf und alle blickten mich an: „Ich bin Renato und komme Akkordeon spielen. Ist hier das Geburtstagsfest?“ fragte ich – damals noch etwas verhalten und scheu. „Ja!“ lachte mich ein bärtiger Mann an und stellte mir einen Stuhl hin. Ich wuchtete das Akkordeon aus der Transportkiste und begann mein Repertoire zu spielen. Schon nach wenigen Stücken wurde getanzt und gesungen. Das Bier und der Wein floss in Strömen – für mich gab es Cola – und der Lärmpegel aus der Kegelbahn blieb auch anderen Gästen des Hotels nicht verborgen.

Ich war mit meinem zweistündigen Repertoire schon durch und begann wieder mit „La Paloma“ von Vorne, als es an der Türe klopfte. Während des Refrains beobachtete ich, wie der bärtige Mann mit jemandem am Eingang sprach und immer wieder zu mir rüber blickte. Schliesslich kam er zu mir und bat mich „La Paloma“ sein zu lassen. Verwundert brach ich ab und die Person an der Tür trat auf mich zu. „Sind Sie Renato Salvi?“, fragte sie mich und ich gab meine Standartantwort bei Fragen: JA. „Ich bin die, welche Sie engagiert hat fürs Geburtstagsfest, das aber oben im Saal stattfindet!“

Es war eine Mischung aus einem tiefen Schock mit einer grossen Prise Scham, einem kleinen Schuss Wut mit einem Hauch Trauer. Wut auf den Bärtigen Mann der so tat, als ob ich am richtigen Ort war. Natürlich auch Wut auf mich selber, dass mir so ein Missgeschick überhaupt geschehen konnte. Die Trauer kam dann später dazu, als ich dann an der richtigen Feier sass und Akkordeon spielte. Die Leute waren träge, müde und etwas desinteressiert. Dieser Auftritt fühlte sich fast so wie ein Konzert an, denn die Gebursttagsgäste sassen alle nur herum und hörten mir zu. Nach den Stücken klatschte vielleicht mal einer und aus der Kegelbahn unten war Gelächter und beste Stimmung zu vernehmen.

Irgendwann war dann Schluss und die Dame, dich mich telefonisch engagierte kam mit einem Couvert auf mich zu. „Hier ihre Gage“, sagte sie und ich antwortete untypisch für mich mit einem wehementen „NEIN!“

Sie fand meine Reaktion offenbar sehr anständig und bedankte sich bei mir überschwenglich. Ich packte zusammen und eilte nach Unten in die Kegelbahn. Dort wurde ich wie Freddy Quinn, der eben aus dem Grab entstiegen war gefeiert. „La Paloma“ war der Gassenhauer des Abends. Ich weiss nicht wie oft ich es spielen musste. Es war einfach grossartig, diese Feier. Keine Ahnung wer die Leute waren, was sie feierten oder warum sie sich dort trafen. Der Abend in der Kegelbahn dauerte noch bis in die frühen Morgenstunden. Hätten mich damals meine Eltern beim Nachhausekommen gefragt: „Hast Du Alkohol getrunken?“ ich wäre nicht mehr im Stande gewesen irgendetwas zu antworten.