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Geschichten aus Basel

Das glaubt mir keiner

Es war einmal… Ich weiss, so beginnen Märchen und wie wir alle wissen,
sind Märchen unwahre Geschichten, die nur eines wollen: Moralische Erziehung. Dennoch war einmal ein junger Mann – nennen wir ihn Renato – im Schweizer Militär. OK. Kein Märchen, sondern anstrengende Realität. Und wo bleibt die Moral? Weiterlesen!

Es war einmal… Ich weiss, so beginnen Märchen und wie wir alle wissen, sind Märchen unwahre Geschichten, die nur eines wollen: Moralische Erziehung. Dennoch war einmal ein junger Mann – nennen wir ihn Renato – im Schweizer Militär. OK. Kein Märchen, sondern anstrengende Realität. Und wo bleibt die Moral? Weiterlesen! Ich wurde währen 17 Wochen Militärdienst zur „Offiziers-Ordonnanz“ ausgebildet. Ich wusste davor nicht, was das genau bedeutet, aber „Offizier“ im Namen meiner Tätigkeit, klang ja schon mal nicht unwichtig. Dass das „Ordonnanz“ hinter dem „Offizier“ so viel wie „Laufbursche“, „Lückenfüller“, „Putzgehilfe“ und „Mädchen für alles“ bedeutete, durfte ich danach selbst erleben. Das was ich hier niederschreibe glaubt mir, wenn ich es erzähle, kaum jemand. Es ist kein Märchen, sondern hat sich so zugetragen. Roveredo. Irgendwann Mitte der 80-er Jahre. Eine kleine Gemeinde im Kanton Tessin. Eine Gebirgsgrenadine-Truppe war dort für drei Wochen stationiert. Meine Aufgabe war es, den Offizieren zur Verfügung zu stehen. Mein Zug traf pünktlich ein und ich meldete mich noch pünktlicher im Hotel der Offiziere. Ein kleines, schnuckliges Häuschen mit Gästezimmern und Restaurant. Total gemütlich. Da war ich mir noch sicher, dass ich als Ordonnanz in der Nähe meiner Offiziere leben musste, da ich diesen ja zu dienen hatte. Denkste! Der Kommandant empfing mich und versuchte erst gar nicht mir ein Gefühl von „das werden tolle drei Wochen“ zu geben. Er schnauzte mich an. „Melden sie sich erst mal anständig an!“, schrie er und ich erwiderte, „Aber gerne. Wo ist die Hotel-Reception?“ Er verstand, das wurde mir danach schnell klar, keinen Humor. Also stand ich stramm und tat, was ihm so wichtig war. Danach folgte ein knappes „Folgen sie mir, Soldat!“ und er eilte aus dem Hotel. Er schwang sich auf ein Militärvelo und befahl, neben ihm herzurennen. OK. Mit einer übervollen Militärtasche (damals gabs noch keine Rucksäcke oder gar Rollkoffer) und einem noch volleren Seesack (ich war drei Wochen durchgehend, ohne Wochenendurlaub gebucht), war Rennen etwas, was nicht mehr so einfach zu bewerkstelligen war. Da ich damals locker und vor dem Frühstück 140 Kilogramm wog, waren die zwei Kilometer zu meiner Unterkunft bereits ein erster Vorgeschmack darauf, was in den nächsten 21 Tagen auf mich zukommen würde. Der Kommandant (sein Name wollte ich mir nie merken, er sprach einen Freiburger-Dialekt) stand bereits neben seinem Fahrrad vor meiner Unterkunft und schrie: „So machen Sie mal, sie Memme!“ Ich tropfte. Es war Schweiss. Nicht allein der sportlichen Tätigkeit wegen schwitzte ich. Ich kochte innerlich und meine Schweissperlen sprangen aus meiner Stirn wie überkochendes Wasser aus der Pfanne. „Hier wohnen sie die drei Wochen!“ Er zeigte auf einen Rohbau hinter ihm. ROHBAU. Das heisst, das Haus steht hat aber weder Fenster noch Türen. Die Löcher dafür schon, aber eben: LÖCHER. Eine kleine Treppe (freistehend, wie in einem Rohbau eben) führte in den ersten Stock. Da stand ein altes Spitalbett und daneben eine Toi-Toi-Toilette, wie man sie auf Baustellen so antrifft. „Wir haben es ihnen gemütlich gemacht!“ Sein hämisches Grinsen wäre unnötig gewesen, denn die Bezeichnung „gemütlich“ betreffend auf das was ich da vorfand, hätte genügt. Er ging und schrie mir zu: „Richten sie sich in Ruhe ein und in 10 Minuten melden sie sich im Hotel bei mir.!“ Die gemütlichen 10 Minuten verbrachte ich auf der Toi-Toi-Toilette und übergab mich mehrmals. Natürlich waren die 10 Minuten bereits verstrichen, als ich mich beim Kommandanten meldete: „Herr Kommandant, Soldat Salvi!“ So wollte er es und so bot ich es ihm. Ich war schon damals ein Dienstleister. Er erklärte mir – wieder viel zu laut und viel zu aggressiv – was er in den nächsten Tagen von mir verlangte. Ich soll immer da sein. Rund um die Uhr erreichbar. Ich solle ihm und seinen Offizieren als Kellner, Zimmerdame, Putzfrau und Assistent immer zur Verfügung stehen. Ich stand da. Ich hörte mir das alles an und wünschte mir die Toi-Toi-Toilette zur Seite. Es war bereits später Nachmittag und das Abendessen sollte demnächst starten. Ich erhielt vom Kommandanten einen weissen Kittel, wie ihn Kellner in Spitzenrestaurants tragen und eine Instruktion, wie er sich das so vorstellte. „Soldat, sie stehen 3 Meter von unserem Tisch entfernt in Ruhestellung. Wenn ich mit der Glocke klingle, dann will ich was von ihnen. Sie kommen an den Tisch, melden sich an und fragen, was ich wünsche. Dann machen sie das! Verstanden?“ Ich sagte „Jawohl“ meinte aber „Wo ist die Toi-Toi-Toilettchen?!“ Das Abendessen begann. Tatsächlich klingelte „Adolf“ (so nannte ich ihn in Gedanken) ständig. Wenn er nochmals einen Schluck Wein wollte, etwas Wasser oder eine neue, unverschmutzte Serviette. Ständig klingelte er. Ständig meldete ich mich an: „Kommandant. Soldat Salvi!“ Ständig wollte er was von mir. Auch wenn die Flasche vor ihm stand und er sie lediglich ergreifen musste. Er klingelte nach mir und ich musste ihn bedienen. Hätte es damals schon Schrittzähler gegeben, ich hätte pro Mahlzeit sicherlich über 30’000 Schritte zurück. Fünf Schritte an den Tisch, fünf wieder zurück auf meinen Platz. Leider gab es damals auch noch kein Internet. Ich hätte sicherlich nach „Mord ohne Spuren“ gegoogelt. Als ich das Dessert servierte, wollte „der Diktator“ noch eine Zigarre. Er klingelte. Noch heute habe ich diesen Klang im Ohr. Ich nahm seine Bestehlung, die eher ein Befehl war, entgegen und ging zum Hotelbesitzer. Dieser sprach nur italienisch und ich natürlich nur deutsch. Irgendwie machte er mir aber klar, dass er keine Zigarren führte. Schnell ging ich zum Kommandanten zurück, denn Schnelligkeit war ihm ja wichtig. „Kommandant, Soldat Salvi, leider verfügt das Domizil über keinerlei Tabak-Ressourcen!“ Bisher dachte ich, er sprach immer schon laut und war dem Schreien immer sehr nahe. Nun musste ich aber erleben, was Schreien bei ihm wirklich war. Sogar die anderen Offiziere am Tisch zuckten zusammen, als sei gerade eine Bombe hoch gegangen. Er schrie mich an. Ich fasse hier den Inhalt in Kürze zusammen. Waschlappen – Befehl – Ungehorsam – Gefängnis – und dann noch was in der Richtung: Ein echter Soldat erfüllt seine Befehle, koste es was es wolle. Ich hätte jeden Lotto-Sechser verschenkt, für eine Toi-Toi-Toilette. Sein Gesicht war blutrot, ob der Anstrengung dieses 10-Minuten-Wutausbruchs. In diesem Moment versuchte ich mir vorzustellen, welche Frau einen solchen Mann heiraten würde. Da er keinen Ring trug war ich mir sicher, dass seine Frau aus Plastik war und man diese aufblasen konnte. Trotzdem war mir klar, dass ich nun handeln musste. Nicht als Soldat. Nicht als Befehlsempfänger. Ich wollte handeln wie ein Kleiderverkäufer handelt, der dem Kunden beistimmt, dass dieser Anzug perfekt passe, weil der Kunde signalisiert, dass er WILL, dass der Anzug passt. Der Hotelbesitzer fuchtelte erneut mit den Händen, als ich nach was Rauchbarem fragte. Aus seinen Gesten und seinen wenigen Worten auf deutsch und englisch entnahm ich, dass sich am Ende des Dorfes ein Tabakladen befand. Da es schon nach 24 Uhr war, wäre dieser aber sicherlich „chiuso“ – geschlossen. So viel italienisch verstand ich schon. Dennoch eilte ich durchs Dorf. Tatsächlich sah ich diesen Laden. Natürlich war alles dunkel. Der Hotelier fuchtelte mir aber noch zu, dass der Besitzer im ersten Stock wohne. Ich klingelte also und nach einigen Minuten und vielen Klinglern später ging oben das Licht an und ein männlicher Kopf ragte aus dem Fenster. Seinen Ton, seine Lautstärke war ich ja nun vom Kommandanten gewohnt, weshalb ich ihn etwas Fluchen liess. Dann kam mein „Auftritt“. Ich erzählte was von einem militärischen Notfall „emergenza militare“ und dass das Überleben Roveredos auf dem Spiel stünde, wenn ich nicht sogleich eine Zigarre kaufen könne! Der Tabakladenbesitzer verschwand am Fenster, um wenige Minuten später an der Ladentüre zu erscheinen. Er öffnete mir im Nachthemd und streckte mir eine edle Holzschachtel hin. „trecente franchi“, sagte er und ich begriff, nach mehrmaligen Nachfragen, dass diese edle Zigarre was ganz Besonderes sei und deswegen 300.- Franken koste, was anderes hätte er nicht da. OK. Wenn er schon aus dem Schlaf gerissen würde, wollte er auch etwas dafür haben. Ich gab ihm alles Geld was ich hatte – das hätte für drei Wochen reichen sollen -und eilte zurück ins Hotel. Dort angekommen, führte der Kommandant wieder grosse Reden und „seine“ Offiziere schliefen am Tisch beinahe schon ein. Er duldete es nicht, wenn jemand vor ihm zu Bett ging. Ich meldete mich wieder wie gewünscht an: „Kommandant, Soldat Salvi. Aufragt erfüllt!“ Ich legte ihm vorsichtig und mit meinen vorgeschriebenen weissen Handschuhen, die Holzschatulle auf den Tisch. Er öffnete diese und war begeistert: „Sehen sie, geht doch!“ Er nahm die Zigarre raus und zog sie genüsslich unter seinen Nasenlöchern durch. Ich griff in die Tasche und legte ihm die Quittung, die ich vom Tabakladenbesitzer verlangt hatte, neben die Schatulle. Dabei sagte ich noch: „Und wie sie befohlen: Koste es was es wolle!“ Er blickte kurz auf den Betrag auf der Quittung und zuckte zusammen. Stärker als vorhin seine Offiziere bei seinem Wutausbruch. Diesmal aber blieb er still. Was für eine Wohltat. Behutsam legte er die Zigarre zurück in die Kiste und sagte: „Es ist spät. Gehen wir schlafen!“ Als er zum Frühstück auftauchte, legte er einen Umschlag auf den Tisch, der mit „Soldat Salvi“ beschriftet war. Ich nahm ihn an mich und blickte rein. Darin lagen drei 100.- Noten. Es wurden dann doch noch auszuhaltende drei Wochen. Der Kommandant verlangte nichts mehr von mir, die Tischklingel setzte sogar etwas Staub an und die Bauarbeiten in meiner Unterkunft gingen voran, so dass ich die letzten Tage statt Löcher sogar Fenster und Türen hatte. Und wie versprochen, hier die Moral dieser Geschichte. MACHT KEIN MILITÄR!

Von Renato Salvi

Seit 1988 freier Schauspieler, Autor und Theaterproduzent. Nun Busfahrer bei der BVB und das ist gut so!

Eine Antwort auf „Das glaubt mir keiner“

Gebirgsgrenadine?
Ja, solche Haudegen gibt es. Ob es Heute noch so ist entzieht sich meiner Kenntnis… Hatten wir auch…
Was so eine Zigarre ausmacht…
Wenn es bei uns so ein und her ging, machten wir Basler oft den Läppli nach. Das erzürnte zwar, aber belustigte auch.
Kann mir das Gebaren und die Situation gut vorstellen. Wir durften in Vacallo, auch im Ticino, auch ein mal in einem unfertigen und konkursiten Spital hausen. Ospedale San Felice.
Heute lachen darüber..

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