Kategorien
Geschichten aus Basel

939 oder 393?

Meine Allerliebste stammtt aus dem Kanton St. Gallen. Das würde sie so nie sagen. Sie ist Toggenburgerin. Das ist was Eigenständiges. Jawohl! Auch ihr Dialekt, der auch von Gleichgesinnten nicht immer verstanden wird…

Zugegeben, diese Überschrift könnte darauf hinweisen, dass die heutige Geschichte irgendwas mit Zahlen zu tun hat. In Wirklichkeit dreht sich das Erlebte aber um die Art und Weise, diese Zahlen auszusprechen. Meine Allerliebste steht heute mal im Mittelpunkt. Nicht sie als Person steht im Fokus, sondern eher ihr angeborener Dialekt, der für mich vor 20 Jahren fast unverständlich war.

Meine Allerliebste ist im schönen Toggenburg aufgewachsen. „Das Toggenburg“ ist ein Teil des Kanton St. Gallen, wird aber nach Aussen gerne als eigenständige „Region“ verkauft. Das ist keine Marketingaktion des dortigen Touristenbüros, das haben Toggenburger regelrecht verinnerlicht. Sie sind in erster Linie Toggenburger, dann Menschen aus dem Kanton St. Gallen und dann erst Schweizer. So ist das! Wenn ich meiner Allerliebsten beim Schwärmen von ihrer Heimat zuhöre, könnte ich glauben – wenn ich es nicht besser wüsste – „das Toggenburg“ sei der Mittelpunkt der Schweiz . Eigentlich liegt das Zentrum unseres Landes im Kanton Obwalden auf einer Alp. Das ist natürlich einer echten Toggenburgerin so egal, wie einem 10-jährigen Neu-Raucher der Lungenkrebs. Ihr Mittelpunkt ist und bleibt „das Toggenburg“. Egal, was da die Geographen verzapfen, die waren offenbar noch nie im schönsten Erdteil den es gibt in diesem Universum. Meine Allerliebste ist derart Fan ihrer Heimatregion, dass sie beim Anblick von irgendwelchen Bergen sogleich Parallelen zieht zu den „Churfirsten“. Noch keine Hügelkette, die sich auf unseren Reisen vor uns auftürmte, hätten mit den „Churfirsten“ mithalten können. Entweder waren sie weniger mächtig, viel kleiner oder schlicht nur hässlich. Aus Erfahrung weiss ich, dass man meiner Allerliebsten auch nicht widersprechen darf, wenn sie vom Toggenburg schwärmt. Als Nicht-Toggenburger ist man sowieso nicht qualifiziert, irgend etwas an dieser Ostschweizer-Region zu bemängeln oder gar zu kritisieren. Dazu gehört auch, dass man die Finessen des Dialekts nicht mit einem Stadt-St.Galler oder einem Thurgauer vergleichen darf.

Zu Beginn unserer Beziehung habe ich zwar immer alles verstanden, was meine Allerliebste tat, habe oft nicht verstanden, was sie sagte. Ausdrücke wie „Chlüpperli“ (für Wäscheklammer), oder „zgmäh“ (für gemeinsam) waren damals schlicht zu ausserirdisch. „Bögle“ (für Bügeln) konnte ich da irgendwie noch ableiten. Am Telefon wurde sie auch schon von einem Freund falsch verstanden, als dieser fragte was sie gerade so tue und sie „bögle“ sagte, der Anrufer an Stelle des „b“ ein „v“ verstand. Da war Funkstille und erst die Übersetzung in einen verständlichen Basler-Dialekt verhinderte schlimmeres. Da wären wir auch gleich beim Thema. Der Dialekt meiner Allerliebsten ist am Telefon tatsächlich schwer zu verstehen. Sogar dann, wenn man den selben Dialekt spricht!

Es ist schon ein paar Jahre her, da telefonierte meine Allerliebste mit ihrer besten Freundin. Sie sprachen über dies und das und kamen irgendwann auf eine Autonummer. Natürlich wollte meine Allerliebste diese umgehend wissen – sie ist von Natur aus Neugierig, was vermutlich auch mit ihrer Herkunft zu tun hat – und fragte ihre Freundin nach der Nummernfolge. Heidi – auch eine Ur-Toggenburgerin – legte los und gab meiner Allerliebsten die Zahlen durch. Und dann begann das, worüber ich hier berichte. Während mehreren Minuten fragte meine Allerliebste am Telefon nach: „939 oder 393?“. Was hier so notiert oder laut vorgelesen auf Hochdeutsch kaum Konfliktpotential bietet, ist im Toggenburger-Dialekt ein wahrer Zungenbrecher. Ein Sumpf der Verwechslungsmöglichkeiten. Ich notiere es mal Phonetisch, dann versteht man, warum sich Heidi und meine Allerliebste nicht verstanden haben. Meine Allerliebste fragte in ihrem allerliebsten Heimatdialekt: „Nüü, Drüü, Nüü oder Drüü, Nüü, Drüü?“. Heidi am anderen Ende – ihrem Heimatdialekt durchaus mächtig – antwortete darauf: „Nit Drüü, Nüü, Drüü, sondern, Nüü, Drüü, Nüü!“ Das ging dann gefühlte zehn Minuten so hin und her und die beiden Toggenburger-Zentrums-Schweizerinnen verstanden ihren eigenen Churfirsten-Dialekt nicht. Irgendwann schaltete ich mich ein und fragte, ob ein klärendes Mail vielleicht die ganze Sache abkürzen könnte. Mein Vorschlag wurde von meiner Allerliebsten genauso falsch verstanden, wie die Zahlenfolge von Heidi am Telefon. Wenn es um ihren Dialekt, also ihre Identität, ihre Herkunft geht, versteht meine sonst so humorvolle Allerliebste, allerliebst wenig Humor.

Irgendwann war das Telefongespräch fertig. Irgendwann war dann auch mein Lachanfall fertig. Irgendwann waren auch die bösen Blicke meiner Allerliebsten nicht mehr so arg böse. Es dauerte aber ein paar Jahre, bis sie über den Running-Gag schmunzeln konnte, den ich seit diesem Tag immer bringe, wenn sie irgendwo was nicht ganz versteht. Ich brauche dann lediglich zu sagen: „Nüü, Drüü, Nüü oder Drüü, Nüü, Drüü?“ Dann wirft sie mir einen Mittelpunkt-Schweizerischen-Toggenburgischen-Chrurfirsten-Blick zu, wie ihn nur Menschen aus dieser Region im Stande sind aufzusetzen, um kurz darauf zu Lächeln. Dabei öffnen sich ihre sanften Lippen und ihre Zähne kommen zum Vorschein. So wie die Churfirsten, wenn die Morgensonne die Dunstwolken über ihren Gipfeln vertreibt.

Von Renato Salvi

Seit 1988 freier Schauspieler, Autor und Theaterproduzent. Nun Busfahrer bei der BVB und das ist gut so!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s