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Geschichten aus Basel

Öffentliche Vertraulichkeiten

Für gewisse Menschen gibt es keinen Unterschied zwischen PRIVAT und ÖFFENTLICH. Das hat durchaus Unterhaltungswert.

Es gibt Dinge und Themen, die sollten in den eigenen vier Wänden bleiben. Auch im Zeitalter des „gläsernen Bürgers“ und dem täglichen Drang, alles was man isst, trinkt und tut sogleich auf einer Plattform preis zu geben. In solchen Zeiten sind Vertraulichkeiten ein wahrer Schatz.

Privatsphäre scheint für manche Leute lediglich ein Wort mit zwölf Buchstaben zu sein, das man jeweils googeln muss, um es fehlerfrei schreiben zu können. Als Bewohner der Innenstadt erlebe ich täglich Menschen, die keinerlei Respekt mehr vor der eigenen Privatsphäre haben. Solche Menschen haben keinerlei Probleme damit. Ich auch nicht. Mich stört vielmehr die Art und Weise, wie diese ihre eigene Privatsphäre missachten. Da kaufen die sich ein Handy, dessen Anschaffung teurer als die Sommerferien auf Kreta war mit den dazugehörenden drahtlosen Kopfhörern, die dann nochmals soviel kosten wie ein üppiges Abendessen für acht Personen. Und was machen sie? Sie stellen den Lautsprecher, ganz seiner Bezeichnung gerecht, auf LAUT. Klar, ist die Umgebung in einer Stadt auch nicht gerade leise, weswegen sie den Stadtlärm übertönen müssen. Das klingt dann immer irgendwie nach Nachbarschaftsstreit, statt nach Telefonat. Auch wenn es Geburtstagsglückwünsche sind. In einer Lautstärke, die sogar laufenden Presslufthämmern Konkurrenz macht, wird der Angerufene regelrecht angeschrien. Ein paar Dezibel zu laut für ein normales Gespräch und einige Dezibel über dem, was ein privates Telefongespräch ausmachen würde.

Dabei sei noch die ganz besondere Handhaltung erwähnt. Das amerikanische Technikwunder wird wie ein süsses Eclair, (in Deutschland Kaffeestange) dass man gerade genüsslich in den Mund schieben will, in der Hand gehalten. Da sich das Mikrofon logischerweise unten am Gerät befindet, wird dieses ganz nah an den Mund geführt. Oft hat man tatsächlich das Gefühl, der Anrufer wolle in das Gerät beissen. Es ist war ein „Apple“, aber RAM und ROM schmecken nicht und Lithium ist nicht nur für die Welt schwer verdaulich.

So flanieren sie dann laut „schreiend“ durch die Stadt. Das ginge ja noch, wenn es sich immer nur um Geburtstagsgrüsse handeln würde. Aber vor einigen Tagen ging vor mir eine Dame, die gerade so mit ihrem Gynäkologen telefonierte. Ich möchte hier nicht ausführen, was sie da alles besprochen hatte, denn gewisse Fachausdrücke musste ich tatsächlich nachschlagen. Aber auch im Bus wird immer häufiger so telefoniert. Egal, ob der Pfändungsbeamte am anderen Ende erklärt, wann er einen Hausbesuch plane um dabei gleich den neuen Flachbildschirm abholen käme, oder ob Ehepaare in Trennung über das Sorgerecht ihrer sieben Kinder verhandeln. Alles wird öffentlich breitgetreten, so als ob diese Leute nach dem Gespräch von den Mithörenden Applaus erwarten würden.

Was mich allerdings mehr irritiert ist, dass diese Art der Kommunikation bereits so normal ist, dass sich kaum einer darüber aufregt. Man sitzt da und lauscht den intimen Geheimnissen von fremden Menschen. Vielleicht stört sich niemand daran, weil wir sowieso alles kleine Voyeure sind. Insgeheim erfreuen wir uns an den grossen und kleinen Dramen der anderen. Vor allem dann, wenn wir feststellen, dass wir die kleineren Probleme haben wie die, die sich da am Telefon „anschreien“.

So gesehen freue ich mich jedes mal, wenn ich ein solcher „Lautsprecher-Telefonierer“ antreffe. Meistens laufe ich ihm bewusst hinterher um „Neuigkeiten“ zu erfahren. Kontostände, Gerichtstermine, Menülisten, Scheidungsurteile, Geschlechtskrankheiten und neue Eroberungen. Die Soaps im TV und die Dramen auf Netflix können da definitiv nicht mithalten.

Von Renato Salvi

Seit 1988 freier Schauspieler, Autor und Theaterproduzent. Nun Busfahrer bei der BVB und das ist gut so!

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