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Geschichten aus Basel

1. August in the mist

Bratwurst, Bier, Feuerwerk und die Nationalhymne. Das verbinden wir alle mit dem 1. August. Ich und meine Allerliebste verbinden ihn auch mit Nebel. Ganz viel Nebel.

Des Schweizers Brust erhebt sich jeweils einmal im Jahr. Dann wenn man am ersten August stolz die Gründung seines, ach so schönen Landes feiert. Es scheint, als hätten unsere Gründerväter (und Mütter und alle anderen Geschlechter), ein wahres Erfolgsrezept in die Tat umgesetzt, denn die Schweiz zählt heute noch zum „solideren“ Teil unserer Welt.

Sowas muss gefeiert werden. Einmal im Jahr sei es auch erlaubt, eine Schweizer-Fahne am Balkongeländer zu montieren, ohne dass gleich jemand glaubt, da wohne ein SVP Mitglied oder gar ein Nazi. In anderen Ländern ist man stolz auf Einwohner, die stolz ihren Stolz auf ihr Land zeigen und in der Schweiz…egal. Ich will hier heute über einen ersten August vor einigen Jahren berichten und keine Debatte über Patriotismus lostreten.

Es war ein herrlicher Tag, dieser erste August zweitausendirgendwas. In Basel schien schon den ganzen Tag über unbewolkt die Sonne und die Aussichten auf den Abend waren genau so gut wie das momentane Wetter. Meine Allerliebste und ich planten aber, den Abend nicht in Basel zu verbringen. Wir hatten kurzfristig ein kleines Hotelzimmer in Arosa gebucht. Meine Allerliebste pflegte seit ihren Kindertagen eine regelrechte Liebschaft mit diesem bündner Bergort. Ich hätte auf Arosa durchaus eiversüchtig sein können, denn manchmal glaubte ich, ihre Liebe zu Arosa sei grösser als zu mir. Trotzdem willigte ich ein, meinem „Nebenbuhler“ einen Besuch abzustatten. Wir packten einen kleinen Koffer und machten uns auf den Weg zum Bahnhof.

Die Reise war wie immer. Voller Zug, hyperaktive Kinder, inaktive Klimaanlage, defekte Toilette und unverständliche Durchsagen. Ich liebe die Schweiz. Da bekommt man noch das, was man erwartet. Irgendwann waren wir am Ziel. Arosa präsentierte sich von seiner allerschönsten Postkartenseite. Das Blau des Himmels war derart „kitschig“, dass man glauben musste, jemand hätte da mit Photoshop nachgeholfen. Es war wirklich ein Traumtag! Die grosse Liebe meiner Allerliebsten gab alles. Arosa wollte mir meinen Platz streitig machen! Die herrliche Sommerbrise hätte mir mein Kopfhaar, wie junges Schilf an einem Bergsee, durchlüftet hätte ich welches gehabt und meine Allerliebste stand da und ein Tränchen kullerte ihr über ihre Wange. „Weinst Du?“ fragte ich sie überrascht? „Pollen!“ sagte sie knapp und wusch sich die Feuchtigkeit aus den Augen. Offensichtlich freute sie sich, ihre grosse Liebe wieder mal zu treffen und ihre Sehnsucht schien tatsächlich unendlich, denn in den darauffolgenden unendlichen Stunden wurde Arosa inspiziert. Zu Fuss! Jede noch so abgelegene Ecke wurde von meiner Allerliebsten bewandert. Es schien als wolle sie überprüfen, ob noch alles da war von ihrem Liebsten. Arosa ist weitläufig und wer weit läuft braucht vor allem Kraft und Zeit. Ersteres war bei mir schon lange nicht mher verfügbar und Letzteres war gerade dabei knapp zu werden. Ich machte meine Allerliebste darauf aufmerksam, dass wir heute Abend noch das grosse Feuerwerk sehen wollen und die Sonne bereits dabei war unterzugehen. Etwas widerwillig willigte sie dennoch ein, den Weg zum Hotel unter die müden Füsse zu nehmen.

Am Arosa-See sammelten sich langsam die Menschen zum grossen Feuerwerksspektakel und am Himmel taten es die Wolken gleich. Es waren viele; also Wolken, und es wurden immer mehr. Mit der Bratwurst in der Hand (ohne Senf, wie sie Ostschweizer eben essen) und dem roten T-Shirt mit den weissen Kreuz stand meine Allerliebste mit mir am See und über uns braute sich da was zusammen. Das gebraute Getränk in unseren Bechern würde in den nächsten Stunden nicht warm werden, denn die Aussentemperatur war gerade dabei – wie die Stimmung meiner Allerliebsten – zu sinken.

Da war der See. Da war über dem See die dickste Wolkendecke der Welt und da waren wir. Zitternd, müde von der langen Wanderung und in mitten anderer unterkühlten Eidgenossen (Genossinnen und anderen Gendersternchen), die „ihren“ Geburtstag feiern wollten. Wir alle versammelten uns hier – so wie damals unsere Urväter auf dem Rütli – um uns zu schwören… NIE WIEDER DEM SCHÖNEN BASLER WETTER DEN RÜCKEN ZU KEHREN! In Basel – so bestätigten es unzählige Facebook-Posts, war Kaiserwetter. Auf den Fotos schwitzende Menschen, klarer Himmel und Freude. Hier in Arosa erwartete ich den ersten Kältetoten und wenn man in die Gesichter der Versammelten blickte, waren diese ein Abbild der momentanen Situation.

Dann erklang aus den Lautsprechern die „Feuerwerksmusik“ von Händel. Gleichzeitig wurden die ersten Raketen gezündet. Das Feuerwerk begann. Die Raketen schossen durch die dicke Wolkendecke, um weit über dieser zu explodieren. Wir, die wir uns um den See versammelt hatten, standen da mit ins Genick geworfenen Köpfen und sahen… NICHTS! Die wunderbaren Feuerwerkskörper, die noch wunderbarere Figuren in den Himmel schossen, explodierten alle über der dicken Wolkendecke. Das was wir zu sehen bekamen waren mal blaue Wolken, dann rote Wolken, die sich mit silbernen Wolken abwechselnden. Es war kein Feuerwerk, sondern vielmehr ein farbenfrohes Blitzlichtgewitter.

Meiner Allerliebsten kullerte wieder ein Tränchen über die Wange. Ich wagte nicht zu fragen weshalb, aber vermutete weil sie wusste, dass wir morgen ihre grosse Liebe Arosa wieder verlassen würden. Sie blickte die farbig-zuckenden Wolken über uns an und sagte: „Mist!“. Ich gab ihr Recht und fügte an: „The first august, in the mist!“

Von Renato Salvi

Seit 1988 freier Schauspieler, Autor und Theaterproduzent. Nun Busfahrer bei der BVB und das ist gut so!

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