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Geschichten aus Basel

Urs mit dem Megaphon

Er hiess Urs. Ob das sein richtiger Name war weiss ich nicht. Er war anders als die meisten von uns. Er fiel auf und als er nicht mehr war, noch viel mehr.

Ehrlich gesagt weiss ich nicht, ob alles stimmt, was man sich über Urs erzählte. Er soll mal ein grosser Banker gewesen sein, irgendwann. Hochgescheit. Viel Stress und Arbeit. Dann ein Zusammenbruch mit Folgen. Da sei er „komisch“ geworden. Anders als alle anderen. Seit dem war er ein Stadtoriginal.

Manchmal trug er eine Uniformmütze, so wie früher die Polizisten oder die Kontrolleure der BVB. Manchmal stand er mit einer Trillerpfeife am Marktplatz und gab den Trams so die „Erlaubnis“ zur Weiterfahrt. Dann sah ich diesen komischen Mann lange nicht wieder. Erst als ich im Theater Fauteuil zu arbeiten begann, traf ich Urs täglich. Immer kurz vor der Mittagszeit stand er mit einem „Megaphon“ (meistens ein Papiertrichter oder was aus Plastik) am Spalenberg. In der einen Hand hatte er einen Zettel, auf dem er die Menüs der umliegenden Restaurants notiert hatte. Dann begann er: „Hütt in dr Spaleburg, Spaghetti Carbonara mit Salat für 14.50!“

Oft waren seine Notizen umfangreich und sein Ausrufen dauerte lange. Für viele Ladenbesitzer vermutlich zu lange. Immer mal wieder war er wochenlang wie vom Erdboden verschluckt. Man munkelte dann, dass er sich vermutlich irgendwo in einer geschlossenen Abteilung aufhielt. Ob das stimmt, wusste ich schon damals nicht, denn mir kam er gar nicht so „verkehrt“ vor. Man konnte sich völlig normal mit Urs unterhalten. Er war so wie alle, bis eben auf seine Ausruferei, oder die Trillerpfeife, die man ihm dann aber verboten hatte.

Irgendwann fragte er mich, ob er nicht auch die Stücke fürs Theater Fauteuil ausrufen solle. Warum nicht, antwortete ich und gab ihm ein Blatt mit den Stücken des Tages. Als „Gegenleistung“ gab ich ihm jeweils zehn Franken, damit er irgendwo was Trinken gehen konnte. Von da an stand er immer wieder am Spalenberg und teilte den Passanten durch sein „Megaphon“ mit, dass es heute im Hotel Basel Apfelkuchen, und im Theater Fauteuil Froschkönig gibt.

Ja der Urs. Ehrlich? Ob er wirklich Urs hiess weiss ich auch nicht mit Sicherheit. Alle nannten ihn so. Ob er wirklich mal ein Spitzenbanker war? Auch egal. Er war der, der er war. Anständig, gepflegt, höflich, fröhlich aber einfach anders als die grosse Mehrheit. Irgendwann starb Urs. Keine Ahnung an was, oder wie alt er da war. Er war einfach eines Tages weg und kam nie wieder. Am Spalenberg wurde es leise. Erst dann bemerkten wir, dass da etwas fehlte. Erst als der „kurlige“ Typ nicht mehr das tat, was er tat, vermisste man ihn. Es war etwas Spezielles, etwas Einzigartiges, etwas was es nur hier gab. Als es Urs nicht mehr gab, war der Spalenberg einfach wieder ein Berg in Basel, so wie es unzählige davon gibt.

Heute, wenn ich an Urs und alle anderen denke (Bluemefritz, usw.) die „anders“ waren, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir, die uns zur grossen Mehrheit der „Normalen“ zählen, in Wirklichkeit die „Abnormalen“ sind.

Von Renato Salvi

Seit 1988 freier Schauspieler, Autor und Theaterproduzent. Nun Busfahrer bei der BVB und das ist gut so!

Eine Antwort auf „Urs mit dem Megaphon“

Jo, dr Megaphon Urs
Dä vermisst no mänge.
Het au immer d Menue vom Schlüssel verzellt.
Und d Abfertigung isch luschtig gsy mit Kelle und Pfyffe….

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