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Geschichten aus Basel

Das Berliner Trauma

Wie kommt die Konfitüre in die Berliner? Ich erfuhr es und habe seither ein Berliner-Trauma.

Vermutlich hat es mit meinem fortgeschrittenen Alter zu tun. Immer öfter kommen mir Geschehnisse von Früher in den Sinn. Dinge die ich erlebt, aber zwischenzeitlich verdrängt oder gar vergessen hatte. So auch dieses Erlebnis aus einer meiner Schnupperlehren.

Zanker hiess die Bäckerei/Konditorei an der Neuweilerstrasse (Ecke Steinbühlallee) in Basel. Leider gibt es die schon lange nicht mehr, obwohl diese damals ein Hotspot war- wie man heute sagen würde. Zu einer Zeit, als es noch keine Tankstellenshops gab und man am Sonntag nicht einfach irgendwo ein Dessert kaufen konnte, hatte der Zanker offen und dementsprechend war der Andrang gross. Die Menschenschlangen vor den Corona-Testzentren erinnern mich immer wieder an die sonntäglichen Patisserie-Verkäufe. Kurz und gut: Zanker war Spitzenklasse. Die Champions League des Bäckerhandwerks.

Klar wollte ich gerne ein Teil dieser Berufsgruppe sein, denn Bäcker und Konditoren sind in meinen Augen wahre Künstler. Mit wenigen Zutaten zaubern sie leckere Backwaren, von denen man nicht genug bekommen kann.

Ich bemühte mich also um eine Schnupperlehre. Das zu einer Zeit, in der man drei Telefonate machen musste um dann drei Zusagen zu erhalten. Heute müssen die Jungen ja ganze Prüfungen ablegen, bevor sie überhaupt die Chance auf eine Schnupperlehre bekommen. Ich tätigte also ein Telefonat. Natürlich mit dem Hintergedanken, dass man die süssen Schnittchen auch verkosten muss, bevor man sie jemandem anbieten kann. Herr Zanker – der Patron – war ein grosszügiger Mann. Die Znünipausen waren so, wie ich mir das vorstellte. Warme Gipfeli, frische Brote, Zopf und alles, was die Stimmung und den Blutzuckerspiegel in die Höhe treibt.

Ich erinnere mich auch, wie er ein grosses Blech voller wunderbarer Cremeschnitten aus dem Kühlraum trug. Eigentlich war es noch eine einzige grosse Cremeschnitte, denn geschnitten werden diese im gefrohrenen Zustand. Er muss meinen gierigen Blick gesehen haben, als er damit auf mich zu kam. Kurzerhand stellte er das Blech vor mich hin und fragte: „Habt ihr zu Hause gerne Cremschnitten?“ Natürlich! Wer nicht! Er nahm das grosse Messer, mit dem ich eigentlich die Schnittchen hätte schneiden sollen und schlug es auf die wunderbar glänzende Glassur. Er schaute mich an und sagte gespielt traurig: „Ohjee. Nun sind sie kaputt. Die können wir nicht mehr verkaufen. Salvi, nimm sie mit nach Hause, Lebensmittel werden nicht weggeworfen!“

Ich liebte Herr Zanker. Ich liebte seine Produkte. Ich liebte den Geruch von warmen Kokosmakronen, wenn sie aus dem Backofen kamen, ich liebte es Gipfeli zu rollen und Punschkugeln zu machen. Ich wollte eigentlich da nie wieder raus und aus einer Woche Schnupperlehre wurden so bereits 14 Tage.

Dann war Berliner-Tag. Ich wollte schon immer wissen, wie die Konfitüre in diese runden Leckereien kommt. Herr Zanker stellte mir einen grossen Wagen mit noch ungefüllten Berlinern vor die Nase. Dann installierte er eine Apparatur, die aus einem grossen Trichter, einer „Spritze“ und einem Hebel bestand. In den Trichter füllte er kiloweise Himbeerkonfitüre. Er nahm einen Berliner, stach ihn auf die Spritze und betätigte den Hebel. Der Berliner wurde so mit Konfi „geimpft“ , wie er es nannte. Dann schlug er mit seinen grossen Händen auf meine Schulter und sagte: „So Salvi, nun zeig was Du kannst!“ Er verliess den Raum und mein Ehrgeiz war geweckt. Ich wollte ihm beweisen, dass ich nicht nur korrekt, sondern auch noch schnell arbeiten konnte.

Ein Berliner nach dem andern wurde im Höchsttempo von mir geimpft. Kein Impfzentrum dieser Welt hätte da mithalten können. Irgendwann, ich war schon fast fertig, kam Herr Zanker zurück und stiess einen Schrei aus. „Salvi, was machst Du da? Dreh Dich mal um!“ Ich tat, was er befahl und ich war fassungslos. Hinter mir an der Wand klebte kiloweise Himbeerkonfitüre. Bis hoch an die Decke hat es der Brotaufstrich geschafft. Vermutlich war ich in diesem Moment genau so leer wie alle meine Berliner auf den Tabletts, denn ich hatte sie beim Aufspiesen mit der Spritznadel durchstochen, statt die Nadel nur bis in die Mitte der Berliner zu stossen.

Dann hiess es; putzen und für die nächste Woche gabs zu Hause als Vorspeise leere Berliner, zum Hauptgang ungefüllte Berliner und zum Dessert Berliner Trauma.

Von Renato Salvi

Seit 1988 freier Schauspieler, Autor und Theaterproduzent. Nun Busfahrer bei der BVB und das ist gut so!

2 Antworten auf „Das Berliner Trauma“

Jo, bym Zanker, mhmmmm.
Wenn uf em 8er e Hüngerli gha hesch bisch kurz dert aabegsprunge….
Alles nur feyn, und sogar Glace hets gha…
Jo, schaad isch das nüm.

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Lieber Renato
Ich hätte noch stundenlang weiterlesen wollen, denn ich mag deine Erzählung sehr. Und ich liebe alles was Gebäck ist, ob süss oder salzig. Bin selbst ein ganz kleiner Bäckermeister, produziere meinen eigenen Sauerteigansatz und backe seit 1,5 Jahren jeden 3. Tag mein eigenes Brot. Mein Vorrat an vielen Mehlsorten ist mega und mein Teigrührwerk sehr oft in Gebrauch…
Ich grüsse dich herzlich aus Wabern bei Bern.

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