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Geschichten aus Basel

Der Mann im Rock

Ich hielt den älteren Herrn, den man ab und zu in Frauenkleidern in der Stadt antrifft, als ein „Sonderling“. Als ich aber den Grund für sein Verhalten erfuhr, schämte ich mich für meine Vorurteile.

Man sieht den älteren Herrn nicht oft. Manchmal sitzt er auf einer Bank, mit dem Rücken zum Passantenstrom. Dann ist er kaum als Mann zu erkennen, denn seine länglichen Haare wirken wie die einer Frau. Auch von weitem, wenn er läuft lässt sein Gang kaum darauf schliessen, dass da ein Mann in Frauenkleidern die Strasse lang geht. Sieht man sein Gesicht einmal aus der Nähe, erkennt man sofort, dass es kaum weibliche Züge hat. Seine verlebte Haut und die tiefen Falten deuten darauf hin, dass er so einiges erlebt haben muss. Wenn man ihn grüsst, dann bekommt man immer ein leicht flüsterndes „Hallo“ zurück.

Nie traf ich den Mann im Rock, wie er mit jemand anderem unterwegs war, oder mit einem anderen Menschen in ein Gespräch verwickelt gewesen wäre. Stets spaziert er in seinen Damenschuhen alleine durch die Stadt. Es kommt vor, dass ich ihn monatelang nie treffe um ihn dann fast täglich zu sehen. Nie hatte ich den Mut, ihn anzusprechen. Ich spreche ja auch sonst nicht einfach so Menschen an. Wieso dann ausgerechnet ihn? Sicherlich würde er denken, dass ich ihn nur anspreche, wegen seiner Kleider. Vielleicht stimmt das auch, denn ein Mann in gesetzterem Alter in Frauenkleidern ist auch im Jahr 2021 kein alltäglicher Anblick. Oft habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, warum ein Mann als Frau auf die Strasse geht. Ist es ein Fetisch, eine sexuelle Ausrichtung, oder will er uns alle, die wir „normal“ sind damit nur provozieren?

Bis gestern war er für mich ein Sonderling, ein unangepasster Einzelgänger, der mir mit seiner Art der Kleidung sagen will, dass ich ein angepasster Spiesser bin. Bis gestern. Heute erfuhr ich von jemanden, der diesen Herrn persönlich kennt, dass der ältere Herr nur an bestimmten Tagen das Haus in Frauenkleidern verlässt. Am Tag des ersten Treffens, am Tag der Verlobung, der Hochzeit, des Geburtstages und des Todes. Er trägt dann immer die Lieblingskleider seiner verstorbenen Frau, deren Tod er bis heute nie verkraftet habe. Wenn er an diesen Tagen in ihren Kleidern durch die Stadt spaziert, ist er ihr wieder näher. Als ich das hörte schämte ich mich dafür, dass ich ihn als „Sonderling“ abtat. Wenn ich ihn das nächste Mal treffen sollte, dann werde ich ihn ansprechen. Das habe ich mir fest vorgenommen. Ich weiss auch schon was ich sage: „Hallo. Ihre Frau hatte den besten Mann, den sie sich hat wünschen können!“

Von Renato Salvi

Seit 1988 freier Schauspieler, Autor und Theaterproduzent. Nun Busfahrer bei der BVB und das ist gut so!

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