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Geschichten aus Basel

Die Frau mit dem Mops

Das schnauben des alten Mops war immer gut hörbar, lange bevor er um die Ecke kam. Die ältere Dame und der Mops gehörten zusammen wie Basel und der Rhein.

Egal wann ich in Basel unterwegs bin, ob am Morgen, am Nachmittag oder am Abend, ich treffe sie. Die ältere Dame und ihren Mops. Sie: Leicht bucklig mit den Händen hinter dem Rücken und gesenktem Blick. Er: Mit einigem Abstand hinter dem Frauchen, motiviert aber keuchend.

Beide scheinen wie ein altes Ehepaar, die sich im Laufe der Zeit arrangiert haben. Sie gibt den Ton an und die Richtung und der Mops trottet artig hinterher. Von Zeit zu Zeit bleibt der Mops stehen, beschnuppert einen Laternenpfahl oder einen vergessenen Abfallsack. Zeitlich verzögert bleibt auch die ältere Dame stehen und dreht sich zum Mops um. Es folgt ein kleiner, kaum hörbarer Befehl, ein leises Pfeifen oder auch nur ein „Kumm!“ und die vier kurzen staksigen Beine bewegen sich wieder.

Letzte Woche traf ich beide wieder auf der Pfalz. Sie kamen von der Augustinergasse her auf den Münsterplatz. Frauchen war bereits bei den Bäumen angelangt, als der Mops die Gasse hinter sich gelassen hatte. Er war auch schon besser zu Fuss und es schien, dass er nun mehr Pausen einlegte und dies in kürzeren Abständen. Ich beobachtete beide, wie sie unter den Bäumen durch den feinen Kies schlurften. Die spielenden Kinder waren dem Mops egal und es schien, als ob er seine ganze Energie auf diesen Spaziergang bündelte.

Gestern musste ich zur Schifflände und wählte wieder den Weg über den Münsterplatz. Die ältere Dame trottete gemütlich aus der Rittergasse vor das Münster. Da ich nicht in Eile war, blieb ich stehen und wartete bis der Mops hinter ihr auftauchte. Ich wartete. Die alte Frau war schon auf der Höhe des Brunnens, doch kein Mops zu sehen. Erst als sie schon fast den ganzen Platz überquert hatte und aus der Rittergasse noch immer kein Keuchen, Schnauben oder Röcheln zu hören war wurde mir klar, dass kein Mops auftauchen würde. Als sie sich dann umdrehte, in Richtung Rittergasse blickte und kein „Kumm“ als Aufforderung flüsterte, fielen mir ihre trüben, feuchten Augen auf.

Von Renato Salvi

Seit 1988 freier Schauspieler, Autor und Theaterproduzent. Nun Busfahrer bei der BVB und das ist gut so!

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